In München bei Lengling waren wir …

… stehen geblieben, einem unserer Neuzugänge im Shop: Letzte Woche hatte ich bereits die ersten zwei Düfte für Euch rezensiert, El Pasajero und Skrik. Dabei will ich es selbstredend nicht belassen, freut Euch also heute und morgen auf „den Rest“ der Kollektion!

Den Anfang macht No 3 Acqua Tempesta:

lenglingacquatempesta „Gewitterwolken zeichnen düstere Figuren in den Himmel und der unendlich scheinenden See gelüstet es nach einem abenteuerlichen Schauspiel. Ein aquatischer Rauch zieht auf, die wütende See peitscht das Wasser gegen mein Boot, und jede Welle scheint mich mit dem nächsten Atemzug verschlingen zu wollen. Der Gewittersturm fordert mich zu einem Wettkampf auf. Der feurige Duft seines Atems schlägt mir entgegen und vermittelt mir unverblümt, dass ich ganz auf mich allein gestellt bin.

Ich bäume mich auf, blicke ihm direkt in die Augen; in den Ohren rauscht mir das Blut. Ich reiße das Ruder herum, verlasse mich auf meinen Instinkt und spüre eine heroische Stärke in mir aufsteigen. Sie vereint sich mit der Klarheit meines Geistes und lässt mich diesen Kampf verwandeln, bis er nur mehr eine Herausforderung ist.

Acqua Tempesta – du bist gewaltig. Ich auch. Ein sehr markanter Duft mit fast animalischem Charakter – eine Hommage an Männer, die die Gewalt der Natur als Herausforderung sehen. In der aufregend heroischen Duftkomposition treffen frische aquatische Noten auf wilden und gefährlichen Rauch …

Leng-Note: „Gefährlicher Rauch“
Marihuana, Olibanum, Vetiver Haiti, Zedernholz

Ling-Note: „Frisches Wasser“
Aquatische Noten, Hedion, Pfefferminze, Elemi“

Patience and thunderstorm in Dubrovnik, Croatia.

Nakken18 „Patience and Thunderstorm in Dubrovnik, Croatia“ via Flickr – CC BY-SA 2.0

Ein stilles „Yeah!“ entfährt mir beim Lesen des Textes – ein Gewitterduft, wunderbar! Ganz oft lese und höre ich es von Parfumliebhabern, dass sie gerne einen Duft hätten, der nach … Gewitter riecht. Die Wunschpalette ist hier breit: Die Ruhe vor dem Sturm, das Flirren der Luft und das Beben der Natur vor dem Gewitter, die regennasse Erde im Sonnenschein oder der feuchte Asphalt in der Großstadt danach … Es gibt sie da draußen, die Fans dieser Stimmung – auch wenn manche Damen und Herren Angst vor dem eigentlichen Gewitter haben. Ich selbst bin ein großer Gewitterfan, wie ich bereits einmal hier im Blog erzählt habe – in meinen beiden Artikeln zu den einzigen Gewitter-Düften, die ich kenne (lässt man mal die Demeter Fragrance Library außen vor): Roboris und Fulgor von Calé Fragranze d’Autore, Rezensionen siehe hier und hier:

„Eine Passion für Gewitter habe ich schon, seit ich ein Kind bin. Während anderen bang ums Herz wird, sich mancher fürchtet, meine Haustiere regelmäßig unter Sofas und Betten verschwinden stehe ich meist am Fenster oder auch draußen und genieße das Naturschauspiel, lausche dem Wind, dem Donner, dem prasselnden Regen und bewundere die Blitze. Einer meiner Lebensträume ist deshalb auch ganz konkret fassbar – es ist ein Besuch des Wickaninnish Inns in Tofino, Vancouver Island, Kanada, ein ausgewiesener Lieblingsplatz für Sturmliebhaber.“

Roboris und vor allem Fulgor sind wunderschön und leider alleine da draußen auf weiter Flur – bis jetzt. Mal sehen, was das Gewitter von Lengling so zu bieten hat! Greenpark Sands

Ben „Greenpark Sands“ via Flickr – CC BY-ND 2.0

Acqua Tempesta beginnt … aquatisch. Gut aquatisch – mit einem Hauch Minze veredelt, die feine Süße spendet. Und erinnert mich hier etwas an … Creeds Himalaya. Oder auch Carons Anarchiste, denen ich eine entfernte Ähnlichkeit attestiere. Auf dem Duftstreifen bleibt es erst einmal so – auf meiner Haut aber gewinnt eine andere Seite die Überhand, gerade als ich die Nase abwenden möchte: Leder nehme ich wahr, und zwar entschieden maskulines. Salz, das sich in rohem Zustand über meine Haut verteilt – Fleur de Sel, ein charakteristisches Salz, das in diesem Falle dem Vetiver zu verdanken ist. Und dazu Rauch, ordentlich Rauch, mit einem Hauch Petroleum. Keine Frage, wir haben es hier mit einem ganzen Kerl zu tun, der sich bemüht, den Naturgewalten zu trotzen – vielleicht, weil er selbst eine ist? Ich denke schon. Für einen Joint hat er keine Zeit – ich vermag ihn nicht zu entdecken in dieser Impression, die mir ausnehmend gut gefällt: Ein sehr gut gemachter aquatischer Duftauftakt, der, gerade bevor man sich wegdrehen möchte, weil man das irgendwie auch schon kennt und einem der Schönling doch ein wenig zu glatt ist, seine Kanten entwickelt. Einen rauen, einzigartigen Charakter offenbart. Und mit dieser Ambivalenz fortan gekonnt spielt. Das gefällt, sehr sogar – ich wette, nicht nur mir!

No 4 In Between widmet sich einem komplett anderen Thema:

lengling4 „So schützend, so warm, so vertraut ist mein Nest. Mein jugendlicher Sinn trägt mich durch die Abenteuer meiner Zukunft, malt Bilder in meinen Kopf und legt mir einen Geschmack in den Mund. Wie es wohl riecht, wie es wohl aussieht, wie es sich wohl anfühlt?

Es reicht nicht mehr, nur Träumer zu sein, nur Philosoph, nur Architekt von Luftschlössern. Ich will meine Grenzen ertasten, will sie überschreiten, will sehen, wohin mich meine Welt entführt und ob sie mich verzaubern kann. Doch ehe ich meine Flügel ausbreite und lossegele, weide ich mich ein letztes Mal an der lieblichen Vertrautheit meiner jugendlichen Seele. Nicht mehr hier. Noch nicht dort. In between.

Der unbeschwerte und lieblich vertraute Duft der zarten Jugend verbindet sich mit Reife und der blumigen Fülle des arabischen Jasmin. Ein sensibel gemaltes Duftbild – ambivalent und überaus feminin.

Leng-Note: „Jugend“
Patchouli, Moschus, Vanille, Rosenholz

Ling-Note: „Reife“
Jasmin Sambac, Veilchen, Maiglöckchen, Pfirsich“

Voll ins Schwarze, jawohl: Wer wünscht sich nicht, genau so zu sein als Frau, aber auch als Mann? Reif, wissend, erfahren – und gleichermaßen jung geblieben, die Unschuld, den Abenteuerdrang und das Feuer im Herzen tragend, das die Jugend strahlen lässt? Wie war das noch bei Nietzsches Zarathustra? Das Zitat, das mittlerweile wohl auch zuhauf als Wandtattoo erhältlich ist, es somit in so gut wie jeden Wortschatz geschafft hat?

„Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze.

Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!

Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“ (Quelle: Online, Projekt Gutenberg)

Rosie

Lies Thru a Lens „Rosie“ via Flickr – CC BY 2.0

Ein schöner samtiger Pfirsich, jung, frisch, sehnsüchtig, ergreift Besitz von meiner Haut – und lässt mich schwelgen in seiner Fruchtigkeit … um sogleich einen cremigen und angenehm unindolischen Jasmin hinterher zu schicken, der darüber hinaus eine herrliche Nektarsüße an den  Tag legt. Was für eine schöne Kombination! Irgendwo im Hintergrund säubert das Maiglöckchen und erfrischt, Vanille unterlegt cremig, milchig und subtil süß – mehr braucht es nicht. In Between? Nein, mittendrin. Nicht zwischen den Stühlen, sondern ruhend in sich selbst und gleichzeitig immer bereit zu Neuem. Was für ein Vergnügen!

Morgen geht es gleich weiter mit den restlichen drei Düften von Lengling – bis dahin alles Liebe und viele Grüße,

Eure Ulrike.

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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