Besser spät als nie – der Jahresrückblick 2016

Meine Lieben,

eifrige Stammleser/innen werden wissen, dass wir es hier im Blog auch die letzten Jahre so gehandhabt haben, unseren Jahresrückblick immer erst im neuen Jahr zu veröffentlichen. Warum? Weil ich es immer spannend finde, mir meine Notizen zu machen und dann mal zu schauen, wie es denn die üblichen Verdächtigen so sehen, das vergangene Jahr – gemeint sind die bekannten Blogger, die Ihr in unserem Blogverzeichnis findet.

Dieses Jahr kommt unser Rückblick später, was unter anderem daran lag, dass mich WordPress verärgert hat, die Software, mit der wir das Blog hier betreiben: Ich hatte bereits einen ellenlangen Artikel vorbereitet, der sich … puff, wie von selbst, ins digitale Nirwana verabschiedet hat. Und ward nicht mehr gesehen … fast war ich davon überzeugt, geträumt zu haben, weil seltenst Daten komplett verschwinden, aber Harmen war mein Zeuge. Vielleicht kennt Ihr das … ich musste erst ein paar Tage ins Land ziehen lassen, bevor ich die Muße gefunden habe, diesen Artikel nochmals komplett neu zu verfassen. Außerdem sind mir natürlich auch einige Neuheiten dazwischengekommen, die ich Euch vorher noch vorstellen wollte.

Die olfaktorische Flut – Der Nischenduftmarkt 2016

2016 … kamen unendlich viele neue Düfte auf den Markt. Das sage ich jedes Jahr – und es stimmt auch jedes Jahr. Die Nische legt unentwegt zu, neue Düfte, neue Marken wohin das Auge auch blickt. Erste Ermüdungserscheinungen werden sichtbar – bei den Kunden, den Parfümerien und Shops, sowie bei den Endkunden, den Verbrauchern, den Parfumistas. Das liegt in allererster Linie daran, dass der Markt unübersichtlich geworden ist in seiner Fülle, dass es mittlerweile schwierig ist, einen Überblick zu behalten. Und dass viele Parfümerien ein Platzproblem haben: Dieser ist in Ladengeschäften eben nicht unbegrenzt, wenn voll, dann voll – für eine neue Marke muss oftmals eine alte gehen. Hier haben wir es mit Aus Liebe zum Duft natürlich sehr viel einfacher: Wir haben – Lagerflächen. Und unbegrenzt Platz in unserem virtuellen Ladengeschäft. Darüber hinaus sind wir für Euch natürlich nach wie vor beständig unterwegs und bestrebt, Neues zu entdecken, das uns begeistert – und Euch hoffentlich auch. Unser Zusammenschluss mit den Österreichern von Nägele & Strubell ist darüber hinaus eine klassische Win-Win-Situation: Wir haben nun auch, vorerst nur in Österreich, Ladengeschäfte, unser Angebot ist breiter geworden und als Schmankerl haben wir nun endlich einige Marken auch im Shop, die vorher nicht zu uns kommen wollten: Trotzdem wir eine jahrelange Expertise in Sachen Nischenduft belegen können und ich an dieser Stelle auch nicht mit der Einzigartigkeit unserer Plattform angeben muss, stellen sich auch heute noch einige Marken bei reinen Onlinegeschäften an – seltsam, aber wahr.

Ich selbst sehe den Nischentrend als ungebrochen an und bin der Meinung, dass Nische „der neue Mainstream“ ist: Sicher, die Klassiker wie Chanel No. 5 und Konsorten bleiben. Und viele Düfte, ob nun Mainstream oder Nische, verschwinden nach einiger Zeit, weil sich nicht jeder am Markt halten kann. Nichtsdestoweniger denke ich, dass die Zeiten vorbei sind, in denen zehn Frauen im Aufzug das tupfengleiche Parfum tragen. Ich hatte im Rahmen des Artikels zu 2787 Perfumes bereits eine Publikation einer Philosophie-Professorin angesprochen, siehe hier, die ich für ziemlich wegweisend halte hinsichtlich der Zeit, in der wir leben – ich zitiere mich mal selbst:

„Kennzeichen für den aktuellen Zeitgeist ist eben auch die Rückbesinnung auf … „Analoges“, so würde ich es nennen. Ich habe eine exzellente Habilitationsschrift hier liegen in gedruckter Form, die ich mir schon lange einmal komplett zu Gemüte führen wollte – es handelt sich um Madalina Diaconus „Tasten – Riechen – Schmecken. Eine Ästhetik der anästhesierten Sinne“. Auch oder gerade wegen der zum Teil geäußerten Kritik an eben jener Arbeit, sie zitiere zu viele Beispiele, arbeite zu wenig nahe an der philosophischen Theorie, macht die (zugegebenermaßen sehr anspruchsvolle) Arbeit spannend – auch und gerade für einen (ambitionierten) weiteren Kreis, und zwar außerhalb jener, die sich sonst mit philosophischen Werken befassen (gleich: Menschen an Universitäten).

Bevor ich Euch jetzt langweile ???? komme ich zu der These, die Diaconu aufstellt hat und die ich für sehr spannend und zutreffend halte: Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Jahrhundertelang waren Augen und Ohren, also sehen und hören, die primären Sinne. Sinne, denen man „Wahrheit“ zusprach beziehungsweise deren Eindrücke man als notwendig für Wirklichkeitserfassung, -auffassung und somit Wahrheitsfindung erachtete. Die sogenannten sekundären Sinne, Riechen, Schmecken und Tasten, galten jahrhundertelang als nicht zuverlässig, darüber hinaus auch als irgendwie „schmutzig“, weil körperlich. Diaconu zielt darauf ab, dass uns in den letzten Jahren im eigentlichen Wortsinne Hören und Sehen vergangen ist: Durch Reizüberflutung mittels Medien jeglicher Art werden sie uns bisweilen zuviel – ich denke, davon können wir alle ein Liedchen singen. Sie erkennt in vielen Strömungen des Zeitgeists oben proklamierten Paradigmenwechsel – eine Besinnung auf die früher „niederen“ Sinne, die Sekundärsinne, die dadurch eine sinnliche Aufwertung erfahren, deren Erfahrung(en) heutzutage einen ähnlichen, gleich gestellten, vielleicht auch zum Teil höhergestellten Wert beigemessen wird. Diaconu gibt dafür viele Beispiele – Stichwort: die LoHaS-Bewegung-, unter anderem die Slowfood-Bewegung, unsere heutigen Bestrebungen hinsichtlich des Essens, darüber hinaus auch Tätowierungen und, sehr ausführlich behandelt, Düfte, Parfums.

Für mich war dieses Werk in den Auszügen, in denen ich es gelesen habe, die theoretische Untermauerung meines Gefühls, meiner Überzeugung. Ich sehe diese Besinnung auf „Handfestes“ schon sehr lange in fast jedem neuen Trend, der die letzten Jahre aufpoppt: Sei es das Urban Gardening oder der Schrebergarten, der wieder in Mode gekommen ist, die neue Lust am Landleben, dem wachsenden Wunsch nach gesunder (Bio-)Ernährung, an der Selbstversorgung als Ziel oder zumindest den selbst gezogenen Tomaten auf dem Balkon, der Obst- und Gemüsekiste, die man als Abonnement in so gut wie jedem Teil Deutschlands von einem Bauern in der Nähe beziehen kann. An dem Boom von Do It Yourself, von Plattformen wie etsy und Dawanda, neuerdings auch Makerist, an der Craftbeer-Welle, durch die sich Harmen gerade fleißig trinkt, den kleinen und oftmals feinen Destillerien, die Schnäpse herstellen (neulich hier genannt, die Stählemühle und Monkey 47), Gin, Whisky und so weiter. Und, um jetzt wieder zu 2787 Perfumes zurückzukehren – auch an der Lust an der Natur.“

Ein ganz wesentlicher Aspekt, der dem Etikett „Handmade“ selbstredend innewohnt, ist der Unikatscharakter der Waren: Einzelstücke sind gefragt, gerne personalisierte. Klasse statt Masse – als Ausdruck von Individualität. An diesem Anliegen hinsichtlich unserer Lebensführung als auch dem Konsum wird sich, denke ich, so schnell nichts ändern. Als ebenso weiterhin „ausbaufähig“ sehe ich deshalb auch den Marktanteil der Raumdüfte, die für mich ein erweitertes Statement sind, meiner Lebensumgebung (m)eine persönliche Note geben und selbstverständlich auch Wohlgefühl vermitteln, wohlduftend.

Was sagen „die Anderen“ – Eine Übersicht

Bevor ich loslege mit meinen Favoriten, meinen Eindrücken, vielleicht auch … Enttäuschungen, habe ich Euch mal zusammengefasst, was „die üblichen Verdächtigen“ so geschrieben haben zum vergangenen Jahr:

Persolaise hat sogar einen 60-Sekunden-Clip veröffentlicht, seht hier:

Schaut man sich die Listen an, herrscht wenig Einigkeit, eigentlich verwunderlich – das war auch schon anders. Einige Kandidaten werden aber des Öfteren genannt, unter anderem folgende:

  • Aedes de Venustas Cierge de Lune – eine wunderbare Vanille, die auch bei meinen Favoriten gelandet wäre, wenn … ich persönlich Vanille (häufiger) tragen würde 🙂
  • Amouage Myths – ein weiteres Duo aus dem Oman, beide kommen (zu Recht) gut an
  • Amouage Bracken Man – yeah, endlich mal wieder ein echter Männerduft! Ich finde ihn auch toll!
  • Arquiste El & Ella – leider ist die Marke vom deutschen Boden quasi komplett verschwunden, was ich nie verstanden habe, da sie einige sehr sehr schöne Düfte in ihrem Portfolio haben
  • Atelier des Ors Iris Fauve – ich hatte berichtet anlässlich der Pitti, eine tolle neue Iris
  • Dusita, und zwar diverse Düfte der noch ziemlich neuen Marke, die ich auf der Pitti als erstes unter die Nase bekommen habe
  • Eau de Néroli Doré von Hermès
  • Galop d’Hermès, der … ein wirklich schöner „Mainstreamer“ ist, obschon die Düfte des Hauses eigentlich nicht dem klassischen Mainstream zuzurechnen sind; Qualität, die man riecht, elegant und feminin, ich kann es verstehen, dass er so oft genannt wird, obschon er nicht in meiner persönlichen Top10 ist
  • Masque Milano Romanza
  • Neela Vermeire Rahele – der tolle neue Osmanthus von Vermeire, die sich immer großer Beliebtheit erfreut mit ihren von Duchaufour kreierten Düften
  • Oliver & Co. Ambergreen – ein grüner Ambraduft, der … mir leider überhaupt gar nicht gefallen hat …
  • UIrich Langs Apsu … steht bei mir auch auf meiner Favoritenliste …

… nach der Ihr mich jetzt bestimmt fragt – ja, meine Lieben, die kommt, und zwar in epischer Länge – morgen!

Bis dahin alles Liebe und viele herzliche Grüße,

Eure Ulrike

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Meine Liebe galt schon seit je her dem Ästhetischen: So geht mir das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und seitdem immer auf der Suche nach dem oder vielmehr: einem neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse, meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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