Als achte Kunst …

… bezeichnete der Kritiker und Blogger Octavian Coifan das Parfumshandwerk einmal – neben den sieben anderen, womit ausnahmsweise mal nicht die aus der Antike stammenden sieben Freien Künste gemeint sind, jener Studienkanon, der als Bildungsgrundlage galt. Ungefähr seit der Aufklärung versteht man unter Kunst jene sogenannten Schönen Künste, ergo Malerei, Bildhauerei, Architektur, Literatur, Tanz und Theater, zu denen heute gerne auch die Filmkunst (und häufiger auch das Kunsthandwerk) gezählt werden.

Pierre Guillaume setzt zum 8. Geburtstag seines Hauses Parfumerie Générale jenem Ausspruch Coifans ein Denkmal – natürlich ein olfaktorisches. Eine ganz neue Linie unter dem Namen Huitième Art, die achte Kunst, lanciert Guillaume, mit, na klar: acht neuen Düften.

Der Begriff der Kunst, der tatsächlich zumindest etymologisch von Können kommt, wie der Volksmund es schon immer ahnte, hat in der Tat eine vielfältige und sehr lang zurückreichende Historie, die uns an dieser Stelle nur sehr pointiert berühren wird. In jedem Falle wird gemeinhin als Kunst dasjenige (zumeist materielle) Resultat eines kreativen Prozesses bezeichnet. Kunstwerke entstammen also dem Bereich der Kultur, was wiederum heißt, dass das Parfumeurshandwerk ein essentieller Bestandteil derselben ist, was viele Häuser und Parfumeure ja auch für sich zu Recht so reklamieren. Darüber hinaus dient Kunst eigentlich nur sich selbst, ist also im klassischen Sinne nicht zweckgebunden sondern oftmals nur der Erbauung der sich daran Labenden dienlich. Ein Luxusprodukt sozusagen – und somit als Etikett auch auf Parfums zutreffend, obgleich meine Sammlung für mich natürlich nicht nur lebens-, sondern vielmehr: überlebenswichtig ist.

Kunst ist des weiteren auch immer als Gegenpol zur Natur zu sehen, das Artifizielle im Gegensatz zum Natürlichen. Dies nun umschreibt ziemlich exakt die prickelnde Ambivalenz, die bei Guillaumes neuer Kollektion als Contemporary Phytoperfumery bezeichnet wird und als Besonderheit herausgestrichen wird:

„Alle Parfums enthalten pflanzliche, natürliche Ingredienzen von organischer Qualität, die sich mit synthetischen Duftmolekülen vereinen – eine Synergie aus natürlichen, oft biologischen Essenzen und synthetischen Akkorden, die die Pflanzen seiner Phantasie widerspiegeln.“

Ich würde ja sagen, dass das heutzutage bei den meisten Firmen selbstverständlich ist, aber Guillaume, von Haus aus Chemiker, hat natürlich seine spezielle raffinierte Methode, die im Falle dieser neuen Düfte auch die herkömmliche Duftpyramide, ergo den gewohnten Aufbau eines Duftes aushebelt – Näheres unter anderem in diesem ausführlichen Interview. In jedem Falle bin ich natürlich gespannt wie ein Flitzebogen und werde Euch die fröhliche Riege dieser Tage alle vorstellen.

Duft Nummer 1 ist Ciel d’Airain, der mit dem Bild eines „abgeschiedenen Obstgartens am Ufer des Comer Sees unter der drohenden Dunkelheit eines Gewitterhimmels“ beschrieben wird. Birne und Birnenholz samt Ambra und Olive finden sich darin so Guillaume, was mich neugierig macht: Birne, eine seltene Ingredienz – Steffi hatte ja neulich bereits einige der wenigen Birnendüfte vorgestellt. Wie ein Kavalier alter Schule setzt er sich auch sofort in Szene, als der Duft die Nasenbühne entert: Der alte Birnbaum, der knarzige, samt seiner herb-fruchtigen, dezent mehligen und leicht säuerlichen Früchte. Angestrengt suche ich die Olive, deren Ahnung ich in jener Salzigkeit zu entdecken vermag, die sich alsbald ihren Weg bahnt. Je weiter der Duft in seinem Verlauf fortschreitet, desto verwirrter hinterlässt er mich allerdings. Er entpuppt sich auf meiner Haut als auch auf meinem Teststreifen in der Basis als Zwilling von Guillaumes Bois Naufragé – und meine Nase spielt verrückt: Jetzt nämlich entdecke ich jene salzige grüne Feige, die sich in ihrer Kokoscremigkeit vorwitzig vor die Birne schiebt und Teile derselben großflächig verdeckt. Decken sich Eure Testerfahrungen mit den meinen?

Ich kann mich dessen nicht entheben – für mich aufgrund der für mich sehr hohen Ähnlichkeit zu Bois Naufragé ein fruchtig-salzig-holziger Sonnencremeduft, der ganzjährig von beiderlei Geschlechtern tragbar ist. [Edit: Nachgefragt: Des Herrn Guillaumes Assoziationen zum Himmel: CIEL D’AIRAIN: just a poetical location for the fragrance’s point of start: SKY OF BRONZE = the redolence of a STORMY SKY on the Como Lake in Italy…]

Vohina, Duft Nummer 2, wird vermutlich schon bei einem Blick auf die Ingredienzen die Herzen vieler hüpfen lassen: Pfirsich, Lavendel und Heu vereint, um einem „Sommernachmittag auf dem Lande“ zu huldigen, einem „Blumenteppich mit Pfirsichblüten und Lavendelhonig auf einem Bett aus gold glänzendem Stroh.“ Vohina ist genau das: Ein leichtfüßiges beherztes Pfirsichmädchen, das übermütig in sonnenwarmen Honig-Heuballen herumturnt unter dem ernsten, aber gutmütigen Blick seiner gestrengen Lavendelgouvernante. Und erinnert mich somit fatal an einen zauberhaften Nachtisch, den ich vor Jahren einmal genießen durfte: Ein gar herrliches Lavendel-Honig-Sorbet mit Pfirsichschnitzen und Minzblättern verziert. Haach… [Edit: Was der Name bedeutet? Ausnahmsweise schürft auch mal Herr Guillaume nicht schief – „VOHINA: nothing special, just a nice and round word very smooth in the mouth“ ist die Überlegung zum Namen und ich bin froh, dass ich nicht bedeutungsschwanger über jenen orakelt habe ;)]

Morgen geht es gourmandig weiter, versprochen – bis dahin alles Gute und liebe Grüße,

Ulrike, die jetzt trotz des Wetters Hunger auf Eis hat.

Bildquelle: Peaches von Anette Kristensen, Pears hanging in a tree von Herman Brinkman, alles via stockxchng, some rights reserved – vielen lieben Dank!

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

3 Kommentare

  1. Jutta L.
    3. November 2010
    Antworten

    Liebe Uli,

    ich finde ja mal den Flakon schön – und die Kombination Pfirsich/Lavendel/Heu klingt sehr spannend! Bei deiner Beschreibung ist es kein Wunder, Appetit auf Eis zu bekommen – die Frühlingstemperaturen hier im Badischen tun ein Übriges.

    Lieben Gruss
    Jutta L.

    • Ulrike
      8. November 2010
      Antworten

      Huhuu liebe Jutta,

      die Flakons sind ziemlich ausgefallen, ja. Aber meines sind sie, wenn ich ehrlich bin, eher nicht, ich bin ja da eher der Purist. Mich erinnern sie an Retro und Barbarella 😀 – somit in jedem Falle mal etwas anderes!

      Liebe Grüße zurück,

      die Uli.

  2. Nicole Z.
    23. November 2010
    Antworten

    Ciel d’Airain ist wundervoll, er erinnert mich sehr an Bois Naufrage, und dieser wiederum an Philosykos.
    Ich mag alle 3 sehr gerne!

    Auch Vohina führt mich in Versuchung.

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