Neo-Gourmands: Mehr als nur Dessert

Room 1015 erklärt Kokoa Bang kurzerhand zum Nicht-Gourmand. Meine Nase ist sich da nicht so sicher: Die Verbindung aus saftiger Birne und dunklem Kakao lässt mich eindeutig an Birne Hélène denken. Allerdings geht der Duft über diese Assoziation hinaus. Prickelnder Champagner, cremige Blüten und balsamische Noten bringen Transparenz und Spannung in die Komposition. Und genau hier kommen die sogenannten Neo-Gourmands ins Spiel.

Wie Kokoa Bang wirklich riecht und weshalb mich der Duft an Birne Helene erinnert, könnt ihr in meiner ausführlichen Rezension nachlesen.

Kokoa Bang von Room 1015

Was macht einen Duft zum Gourmand?

Als Gourmands werden Düfte bezeichnet, die an etwas Essbares oder Trinkbares erinnern. Häufig sind das süße Noten wie Vanille, Schokolade, Karamell oder Honig. Gourmandig können aber ebenso Kaffee, Brot, geröstete Nüsse, Gewürze oder sogar herzhafte Speisen riechen. Entscheidend ist nicht die Süße, sondern die kulinarische Assoziation, die eine Komposition hervorruft.

Auch eine einzelne Zutat wie Vanille oder Kakao macht aus einem Duft noch keinen Gourmand. Vanille kann trocken und holzig wirken, Kakao dunkel und herb. Erst das Zusammenspiel der Noten entscheidet darüber, ob wir eine Komposition als gourmandig wahrnehmen.

Und was ist ein Neo-Gourmand?

Neo-Gourmands greifen vertraute Gourmandnoten auf, verleihen ihnen aber neue Facetten. Kakao begegnet Champagner, Dattel trifft auf Myrrhe, Pistazie auf Leder und Vanille auf Tabak oder Labdanum. Dadurch entstehen Düfte, die durchaus nach einem Dessert riechen können, deren Komposition jedoch darüber hinausgeht.

Der Begriff bezeichnet keine fest umrissene Duftfamilie. Vielmehr steht er für eine Weiterentwicklung klassischer Gourmanddüfte. Vertraute Noten werden anders und auf überraschende Art und Weise kombiniert. Manche Neo-Gourmands sind luftig und transparent, andere dunkel, würzig oder ausgesprochen süß. Gemeinsam ist ihnen, dass sie über eine reine Dessertassoziation hinausgehen.

Fünf aktuelle Neo-Gourmands

Wie unterschiedlich das ausfallen kann, zeigen die folgenden fünf Düfte.

Kokoa Bang: Birne Hélène mit Champagner

Bei Kokoa Bang zeigen sich die gourmandigen Facetten sofort: Saftige, vanillig-süße Birne und dunkler Kakao erinnern mich deutlich an Birne Hélène. Herber Champagner und luftige Blütennoten halten den Duft transparent, während Myrrhe und Benzoeharz für Wärme sorgen. So bleibt die Dessertassoziation deutlich erkennbar, ohne dass Kokoa Bang in irgendeiner Weise schwer oder übermäßig süß wirkt.

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Ain’t That Sweet: cremig, würzig & überraschend unsüß

Ain’t That Sweet von D. S. & Durga beginnt dunkel, herb und deutlich würzig. Besonders die Muskatnuss kann ich gut erkennen. Anschließend wird der Duft cremiger, milder und sanfter. Milchige Noten, etwas Vanille und dezent teigige Anklänge treten hervor, ohne dabei eine ausgeprägte Süße zu entwickeln. Ob das tatsächlich nach Dattelkuchen riecht, kann ich allerdings nicht beurteilen – ich habe noch nie einen gegessen.

Im weiteren Verlauf wird Ain’t That Sweet wieder dunkler, würziger und ambrierter. Trotz Dattel, Milch und Vanille bleibt der Duft für mich erstaunlich unsüß. Gourmandig wirkt er auf mich dennoch, denn diesen Eindruck erzeugen hier weniger zuckrige Noten als vielmehr die cremigen, milchigen und leicht teigigen Aspekte des Eau de Parfum.

Bachanal: luftige Nusscreme mit Pistazie

Bachanal beginnt frisch, hell und luftig. Die Pistazie ist gut erschnupperbar und wird von einer hellen Mandelnote begleitet, die jedoch nicht an Marzipan erinnert. Der Duft wirkt sehr weich, cremig und beinahe fluffig. Kokosnuss nehme ich eher als feinen Kokospuder wahr, der sich dezent im Hintergrund hält.

Auf meiner Haut entwickelt Bachanal von J. F. Schwarzlose eine süßliche, liebliche Seite und erinnert mich an eine feine Nusscreme oder ein leichtes, sommerliches Dessert. Auf dem Teststreifen wirkt die Komposition dagegen etwas frischer und grünlicher. Trotz seines gourmandigen Charakters bleibt Bachanal luftig und modern, ohne schwer oder überladen zu wirken.

Vanilla Affair: Trockene Vanille mit goldener Wärme

Vanilla Affair von D’Orsay startet mit moderat süßlicher Bourbon-Vanille, die trocken, luftig und pudrig wirkt. Tabak bringt goldene Wärme und leicht likörige Momente in die Kreation, während die Tonkabohne die vanilligen Noten unterstreicht. Dabei entwickelt sie cremige, an Heu erinnernde Nuancen mit dezent nussigen Untertönen.

Die Komposition wirkt ruhig, beinahe kontemplativ und fein ausbalanciert. Mit der Zeit wird Vanilla Affair sanft ambriert, bleibt insgesamt jedoch eher zurückhaltend. Für mich ist das Extrait de Parfum deshalb vor allem ein Duft für kühlere Tage, an denen ich mich nach gourmandig-würzigen Noten sehne. Bei Vanilla Affair sind diese trocken, holzig und nur dezent süß interpretiert.

Flakon von Vanilla Affair Extrait de Parfum von D’Orsay zwischen dunklen Vanilleschoten
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Velvet Tonka Extrait: Tonkabohne auf weichem Wildleder

Velvet Tonka Extrait von bdk Parfums beginnt üppig, opulent und ausgesprochen kraftvoll. Nussige Pistazie trifft auf intensive Tonkabohne, deren Cumarin an Heu erinnert und dem Duft grünlich-würzige Nuancen verleiht. Die Süße ist deutlich vorhanden, begleitet von einer likörigen, cremigen und ambriert-balsamischen Wärme. Im Vergleich zu Bachanal zeigt sich die Pistazie hier wesentlich dunkler und intensiver.

Für den Alltag wäre mir Velvet Tonka Extrait zu ausdrucksstark. Ich sehe ihn eher als Herbst- und Winterduft für besondere Anlässe. Mit der Zeit wird die Komposition leiser und ruhiger. Im Ausklang kommen feine, cremige Wildledernoten hinzu, die den Duft weich, sanft und harmonisch abrunden.

Die fünf Düfte zeigen, wie unterschiedlich Neo-Gourmands riechen können: luftig und sommerlich, dunkel und würzig oder trocken und holzig. Gemeinsam ist ihnen nicht eine bestimmte Süße, sondern die Verbindung essbarer Eindrücke mit floralen, würzigen, balsamischen oder ledrigen Noten. Genau das macht Neo-Gourmands für mich so interessant.

Muss ein Gourmand für euch süß riechen oder reicht eine kulinarische Assoziation?

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Verfasst von:

Bereits 2010 gingen so einige Blogbeiträge auf mein Konto. Dann war ich „kurz“ weg – sechs Jahre. Umso mehr freut es mich, dass ich nun wieder die Chance bekomme, mein Näschen im Dienste der Duftrezension schnuppern zu lassen und eifrig in die Tasten zu hauen. Was Nischendüfte angeht, habe ich damals übrigens schnell Feuer gefangen. Meine Ausbildung tat dazu ihr Übriges: Als diplomierte Biologin kenne ich mich nicht nur mit Fauna und Flora, sondern auch recht gut mit der Herstellung von Ölen und Extrakten aus, was den Reiz der Parfumwelt natürlich noch größer macht.

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