Oscar Wilde lässt grüßen – Dark Lord von By Kilian …

… beschäftigt uns heute – und ist für mich nach langer Abstinenz im Hinblick auf By Kilian gleich der dritte Duft des Hauses, den ich mir dieser Tage stellvertretend für Euch unter die Nase klemme. Dann wollen wir es doch gleich angehen – der Name liest sich ja schon vielversprechend, oder nicht?

Ein düsterer Dandy – Dark Lord

 

Inspiration: “A gentleman is one who never hurts anyone’s feeling—unintentionally,” the quixotic Oscar Wilde once noted of the elite race of men who are shamelessly, unapologetically themselves and with perfect aplomb. They charm by their character, and please only those who are refined enough to receive them.

Fragrance story: DARK LORD ‘EX TENEBRIS LUX’ is a gentleman of the night. Meet him in the most surprising of circumstances and his mystery slowly unfolds: A head-twisting mix of shadows and light, it seduces in seconds with its elegant, long-lasting accords of leather and strong vetiver, its jasmine drenched in rum, and a dandyish entrance of bergamot and pepper. From darkness, into light.“

Die Ingredienzen:
Vetiver, Bergamotte, Pfeffer, Rum, Jasmin, Nagarmotha, Leder

Parfumeur: Alberto Morillas

Dark Lord, der dunkle Lord schmückt sich mit dem Beinamen „Ex Tenebris Lux“, aus dem Dunkel ins Licht. Er ist ein Mitglied der Kilianschen „The Smokes“-Familie, die sich, ob nun ganz olfakorisch plastisch oder im übertragenen, abstrakten Sinn, dem zeitlosen Duft von Bakhoor widmet, das arabische Wort für Räucherwaren im Allgemeinen, für Harze, Räuchermischungen und Konsorten.

Darüber hinaus zählt Dark Lord wohl überdies zur Carpe Noctem-Kollektion. Das lateinische Carpe diem, Nutze, genieße den Tag, dürften wohl die meisten kennen. Anstelle des Tages steht hier die Nacht, jene mit ihren scheinbar unendlichen Möglichkeiten. Der 2017 erschienen Black Phantom „Memento Mori“ wird als „partner in crime“ genannt, als weiteres Mitglied dieser Kollektion, eine Art duftendes Vanitas-Motiv, poetisch an die Vergänglichkeit erinnernd. Bevor man sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt, lässt sich vortrefflich und vielleicht nicht ganz ureigen christlich schwelgen in genussvoller Maßlosigkeit – im Falle von Black Phantom in deliziös-gourmandigen Noten von hauptsächlich Kaffee und Rum. Lecker, ganz genau – wer ihn noch nicht kennt, sollte testen!

William Dyce Omnia vanitas 1848
Omnia Vanitas (1848) von William Dyce (1806-1864) / Public domain

Von einer ähnlichen Sinnlichkeit, einer unmittelbar zugänglichen, soll Dark Lord ebenfalls sein, so verspricht man vollmundig vorab, ein Komplize für geheimnisvolle, ausufernde Nächte genauso wie sein Vorgänger …

Oscar Wilde (1854-1900) 1889, May 23. Picture by W. and D. Downey.jpg
Oscar Wilde (1854-1900), fotografiert am 23. Mai 1889 von W. und D. Downey

Gemeinfrei, Link

„Ein Gentleman ist jemand, der niemals die Gefühle anderer verletzt – unabsichtlich“, bemerkte der fantastische Oscar Wilde einmal über die Eliteklasse der Männer, die schamlos und, ohne sich zu entschuldigen, sie selbst sind und das mit perfekter Souveränität. Sie bezaubern mit ihrem Charakter und gefallen nur jenen, die feingeistig genug sind, sie zu verstehen.

So schwungvoll-geschliffen übersetzte uns Harmen die einleitende Beschreibung aus dem Hause By Kilian zu deren Duft Dark Lord. Wer By Kilian kennt, weiß, dass sich literarische Motive schon seit jeher einem roten Faden gleich als Inspirationsquelle(n) durch die Kollektion(en) ziehen. Oscar Wilde darf dabei natürlich nicht fehlen – warum? Nun, schaut man sich einmal Kilian Hennessy an, den Mann hinter der Marke, sieht man sofort, dass es sich hierbei um einen modernen Dandy handelt – seht und lest beispielsweise hier bei GQ (2019), in diesem älteren Artikel (2008) bei der Welt im Rahmen der Stilikonen-Kolumne oder auch bei How To Spend It (2017), wo man ihn unter anderem als „den Ästheten“ bezeichnet.

Kilian Hennessy ist Sproß und Erbe einer besonderen Familie, der Cognac-Dynastie der Hennessys. Das 1765 gegründete Unternehmen wird mittlerweile in, ich meine, achter Generation von der Familie geführt, fusionierte 1971 zuerst mit Moët et Chandon, dem französischen Champagnerhersteller, hernach dann 1987 mit Louis Vuitton. Das Resultat ist vermutlich hinlänglich bekannt – der Luxusgüterhersteller Louis Vuitton Moët  Hennessy, Kürzel LVMH, ist weltweiter Branchenführer mit einem Umsatz von knapp 54 Milliarden (2019). Bernard Arnault, der Firmenlenker, der gleichzeitig auch Mehrheitseigner von Christian Dior S. A. ist, rangiert auf dem beachtlichen dritten Platz der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt. Kilian Hennessy trägt seinen Namen sehr wahrscheinlich zu Ehren seines (verstorbenen) Großvaters, der die Geschicke von Hennessy lange leitete und für die Zusammenschlüsse, die oben genannten, verantwortlich ist. Ich hatte schon einmal ein bisschen gegoogelt, inwiefern Kilian Hennessy an LVMH beteiligt ist – aktiv im Unternehmen tätig scheint er wohl nicht zu sein, dennoch dürfte er in Anbetracht der Familienhistorie zumindest indirekt mit  einigen Aktien und/oder einem netten monetären Background gesegnet sein, denke ich 😉 Seine 2007 ins Leben gerufene Marke hat er mittlerweile verkauft, allerdings leitet er, soweit ich das sehe, ihre Geschicke nach wie vor – By Kilian gehört heute zu Estée Lauder.

Kommen wir aber zurück zu Dark Lord, zu Oscar Wilde und zu dem Dandy-Motiv, das meines Erachtens nach ganz vortrefflich zu Kilian Hennessy passt. Das Bildnis des Dorian Gray ist Wildes bekanntestes Werk, das ihn weltberühmt werden ließ: Wildes einziger Roman, der thematisch den Ästhetizismus des Fin de Siècle zum Thema hat, das (zu dieser Zeit aufkommende) Dandytum, dessen perfekte Personalisierung der Protagonist Dorian ist, als auch Homosexualität – eine literarische Ausformulierung der Lebenswelt von Wilde selbst, wenn man so möchte.

Oscar Wilde Sarony
Oscar Wilde, fotografiert 1882 von Napoleon Sarony (1821-1896) / CC0

Jenen Typus des – geschlechtsneutral gemeinten – „Lebemannes“, der in seinem auf Ästhetik ausgerichteten (nicht immer gleichzusetzen mit dem schönen Schein, aber eben mitunter doch …), ausschweifenden, oftmals dekadent anmutenden Existenzweise durchs eigene Leben tingelt, gibt es in der Literatur häufiger, vor allem in derjenigen des ausgehenden 19. und beginnenden 20 Jahrhunderts, siehe Baudelaire, Flaubert und Konsorten. Ansätze dazu gab es sicherlich bereits bei den (vor allem deutschen) Romantikern, wirklich greifbar wurde dieser Zeitgenosse aber erst mit Edgar Allan Poe und vor allem auch Charles Baudelaire, dessen Flaneur.

Der Worte viele – abgesehen davon, dass ich Wilde sowie seinen Dorian all jenen wärmstens ans Herz legen kann, die ihn noch nicht kennen oder nur von seinen im Netz fast schon omnipräsenten Zitaten („Versuchungen sollte man nachgeben, wer weiß, ob sie wiederkommen“ und so weiter und so fort): Im Hinblick auf Dark Lord erwarte ich mir einen opulenten Duft, einen sowohl feingeistigen als auch „fleischlichen“, im Sinne von erotischen Vertreter, sinnlich-„sündig“, gerne auch mit einer Prise Ironie ausgestattet, stilsicher, erlesen und elegant und selbstredend auf eine Art „dunkel“, geheimnisvoll, (ver)lockend.

Das schafft Dark Lord, und zwar spielend. Im Auftakt hatte ich eine Art Geistesblitz, fühlte mich an einen Duft erinnert, musste erst einmal hirnen, bis ich darauf kam – Amouage, und zwar die Nummer II aus der Library Collection, ein Understatement-Fougère, gleichermaßen zurückhaltend … nein, falsches Wort: unaufdringlich, aber überaus prägnant und präsent. Dessen waldig-fougèrige Note, die tiefdunkelgrün-bittere, sehe ich auch in Dark Lord, ohne die beiden allerdings zeitgleich unter die Nase klemmen zu können. Düster-schillerndes  (Tannen)Grün in diversen vornehmlich krautig-aromatischen Facetten strahlt mir entgegen, leise salzig-grasig angehaucht dank herb-frischem Vetivergras.

Wo aber sind jene wollüstigen Aspekte, wo wartet die „Sünde“? Die sind selbstredend mit von der Partie, die lustvoll-sinnlichen Komponenten, und zwar in Form von köstlichen Rum-Aromen (Rum, echten Rum, nicht die Plörre, die man aus Alkopops beziehungsweise Mixgetränken kennt, sowie beispielsweise  meinen Lieblingsvertreter, den 20jährigen Plantation Barbados, anyone? Ansonsten testen – ein Schluck Sonne mit Anklängen von tropischen Früchten, Kaffee, Kakaopuder, hmmm …), die kostbares Glattleder tränken. Handschuhleder, Glattleder allerbester Qualität, von jenem edlen Tröpfchen durchdrungen und durchwirkt. Dieses erhält durch cremigen, wunderbar weich anmutenden Jasmin eine hautnahe, (noch) erotisch(er)e Wirkung, sich gleichermaßen charakterstark und auf eine Weise maskulin-markant präsentierend.

https://www.pexels.com/photo/man-in-gray-suit-3526923/

Dark Lord dürfte den Nerv der Zeit treffen und erinnert mich insofern an den Dandys unserer Tage, jene sogenannten Pitti Peacocks, die „Pitti-Pfaue“, die sich anlässlich der gleichnamigen italienischen Messe gerne in Florenz versammeln (es gibt nicht nur die Pitti Fragranze, auf der diese Vertreter ebenfalls anzutreffen sind, sondern vor allem eben die Pitti Uomo, jene Urmesse für Herrenmode). Ein prominentes Beispiel für diesen männlichen Prototypen ist, neben Kilian Hennessy selbst, ein weiterer Erbe, nämlich Lapo Elkann aus dem Fiat-Clan, der immer wieder gerne als Stilikone in diversen Publikationen on- und offline auftaucht.

By Kilians Dark Lord ist ein moderner Gourmand-Lederbursche, ein Business Punk, der all jenen das Herz aufgehen lassen wird, die für jene kontemporären Lederdüfte brennen wie beispielsweise Tom Fords Tuscan Leather, Parfum de Marlys Godolphin, Oro von BOIS 1920 und wie sie alle heißen.

… was das nicht heißt: dass wir, meine lieben Frauen, ihn vollumfänglich der Herrenwelt überlassen müssen. Sicher, die Tendenz des Dark Lords ist klar, dennoch – ich für meinen Teil habe, trage und liebe Godolphin und könnte mir durchaus vorstellen, dem dunklen Lord ein Plätzchen in meinem heimischen Parfumschrank einzuräumen 😉

Einen schönen Tag Euch und viele liebe Grüße

Eure Ulrike

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Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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