Die Düfte von Antonio Alessandria

Antonio Alessandria habe ich mir für heute rausgepickt, für den ersten Tag nach meinem Urlaub. Resturlaub vom letzten Jahr, den man auch nicht wirklich Urlaub nennen konnte, weil ich mit Renovieren beschäftigt war, mal wieder. Der eine oder andere hat es schon mitbekommen – ich ziehe (hoffentlich) bald um. Ein Großteil der Düfte ist schon im neuen Zuhause, meine Katzendamen und ich sitzen hier also nun noch auf mehr oder weniger gepackten Koffern und freuen uns auf ein bisschen Frühling, aber in jedem Fall ganz viel Sommer auf dem Land. Bis dahin werde ich Finger und Nase aber noch ein paar Mal in Kalk- und Lehmputze halten müssen, weswegen es mir heute eine echte Freude ist, Euch wieder im Blog zu beehren mit DÜFTEN 😉

Bei meiner letzten Probenorder – irgendwie müssen die olfaktorischen Kostbarkeiten ja auf meinem Schreibtisch landen – hatte ich mir ein paar „ältere“ Düfte und Marken herausgesucht, die hier im Blog noch schmählich ignoriert wurden bisher. Ihr wisst es selbst, der Markt wächst kontinuierlich, wir kommen hier schon seit langem im Blog nicht mehr hinterher. Früher war es machbar, alle Neuigkeiten hier abzudecken, zum Teil auch einzeln – bei der Flut an Neuerscheinungen ist das gar nicht mehr möglich, weshalb wir selektieren müssen. Da geht notwendigerweise leider aber immer wieder etwas unter, weshalb ich entschlossen habe, ab jetzt immer wieder regelmäßig danach zu forsten, was uns hier im Blog durch die Lappen gegangen ist. Die Marke von Antonio Alessandria gehört dazu, sie flog bisher unter unserem Radar, was ich heute zu ändern gedenke.

Duftperlen aus dem Süden Italiens – Antonio Alessandria

„Living is breathing. We breathe, but not only to live. Our scent instantly transforms our aura into something more emotional. An aroma can trigger an elusive memory like a story in a series of frames. This is my own idea of a perfume, a memory, an emotion, a dream. My fragrances are stories of my life, my imagination and my secrets.“

Antonio Alessandria stammt aus Catania, Sizilien, wo er 1971 geboren wurde. Wie viele andere Parfümeure und Markeninhaber entdeckte er seine Leidenschaft für Düfte recht früh, wuchs darüber hinaus auch in einem schöngeistigen Umfeld auf – die Mutter hatte wohl ein Fashion Atelier, seine Schwester widmete sich der klassischen Musik und dem Klavierspiel. Dennoch dauerte es einige Zeit, bis Alessandria dann bei den Düften landete – er nahm vorher einen Umweg über ein Elektroingenieursstudium, arbeite dann jahrelang in dieser Branche bei einem großen Unternehmen. Seine frühe Duftliebe vergaß er allerdings nie, nahm dann an Trainings in Italien und Paris teil, setzte sich mit Parfümeuren in Verbindung, um von ihnen zu lernen. 2005 eröffnete er in Catania eine Parfümerie, die sich ausschließlich der Nische widmet – Boudoir 36. 2014 machte er dann seinen Traum wahr und gründete seine eigene Marke, die er selbstredend mittlerweile nicht nur über seine Parfümerie vertreibt, sondern die weltweit vertreten ist.

Antonio Alessandria
Antonio Alessandria

Im Netz finden sich einige Interviews mit Antonio Alessandria, die ich Euch nicht vorenthalten möchte:

Anlässlich der Esxence hat Alessandria auch häufig Interviews gegeben, allerdings auf Italienisch – wer das versteht, schaut hier: Esxence 2015, Esxence 2016.

Bei uns im Shop gibt es momentan die ersten drei Düfte von sechs der Marke Antonio Alessandria – Nacre Blanche, Noir Obscur und Nuit Rouge, die ich Euch heute und morgen vorstelle. 2017 stellte Alessandria seinen letzten Duft vor – Gattopardo, dessen Name an den berühmten Roman Der Gattopardo (wird heute nicht mehr übersetzt, sondern bleibt so stehen – früher: Der Leopard) von Giuseppe Tomasi di Lampedusa erinnert, der 1963 von Visconti genial verfilmt wurde. Bei Great Smelling Fragrances gibt es ein englisches Interview mit Alessandria dazu:

Eine Hymne an die Nacht – die Inspiration

Parfums sind für Alessandria eine große Liebe und Passion – eine Muse hat er auch für seine Düfte:

„Antonio Alessandria begreift Parfüm als eine Leidenschaft voller Geheimnisse, Sinnlichkeit und Verführungskraft. Im Bild des Mondes fand seine Auffassung der Parfümeurskunst eine natürliche Entsprechung. Das Geheimnis der Dunkelheit, die verschiedenen Phasen, sein eigentümliches Licht, das die Nacht erhellt und die Wahrnehmung verändert, seine Symbolkraft … mit seiner veränderlichen und ambivalenten Erscheinung übt der Mond seit jeher eine große Anziehungskraft auf Menschen unterschiedlichster Kulturen und Religionen aus. Auch Alessandria konnte sich ihr nicht entziehen und wählte den Mond als Muse für seine duftenden Kreationen.“

Der Mond bestimmt also das erste Trio motivisch, das lässt sich auch an der Namensgebung ablesen – alle drei Düfte beginnen mit dem Buchstaben „N“ als Referenz an die Nacht.

Die Mondanbeterin – Nacre Blanche

Antonio Alessandria Nacre Blanche Inspiration für Alessandrias ersten Duft war, neben seinen Erfahrungen, die er im Rahmen seiner Parfümeurstrainings als auch im Laufe der Zeit in seiner Nischenduftparfümerie sammelte, eine Legende: Diese besagt, dass junge Frauen zur Zeit der Tuberosenblüte im Haus eingesperrt wurden, um sie vor der Männerwelt zu beschützen, die sich durch den sinnlichen Duft dieser betörenden Blume animiert fühlen könnte, zu verführen – oder verführt zu werden? In jedem Fall liegt diese Legende Alessandrias erstem Duft zugrunde, wenn man es so möchte – und wurde von ihm auch weitergesponnen mit den anderen beiden Düften, die da noch folgen werden.

Bleiben wir aber bei Nacre Blanche – dessen Ingredienzen: Kopfnote: Bergamotte, Grapefruit, Mandarine, Petitgrain, Koriander; Herznote: Tuberose, Jasmin, Ylang-Ylang, Osmanthus; Basisnote: Benzoeharz, Vanille, Leder, Patchouli, Sandelholz, Moschus.

„Der Mond, weiß wie eine Perle, wirft sein Licht durch das Fenster. Seine Reflexion im Spiegel lässt die alabasterfarbene Haut einer jungen Frau erstrahlen. Der Duft der nachtblühenden Tuberose weht vom Garten herüber und vermischt sich mit den Düften des Schlafzimmers.“

Nachtwandler, Mondanbeterinnen, Tuberosen und Alabasterhaut – da bin ich selbstverständlich sofort wieder bei den schwindsüchtigen Schönen von Baudelaire. Das entlockt sicherlich einigen Stammlesern mittlerweile ein mittelprächtiges Gähnen, aber ich kann nichts dafür, mein Gehirn ist einfach so vernetzt: Tuberose = Baudelaire, sonst hätte ich diese wächserne Verführerin auch niemals lieben gelernt. Schauen wir uns einmal an, was Alessandria für eine Tuberose kreiert hat – nebenbei bemerkt: mutig ist das ja schon, eine Tuberose als erster Duft?!

… und was für eine. Es IST eine Tuberose. Achtung, Femme Fatale-Alarm, keine Bubble Gum-Tuberosen-Lolita wie der wundervolle, gefühlt pinkfarbene Klassiker aus dem Hause Robert Piguet, Fracas, sondern eine FSK 18-Tuberose. Diese Königin der Nacht macht keine Gefangenen, sie weiß, was sie ist und was sie will – und bekommt es auch … Zuerst täuscht sie vor und an – und zwar mit einem zitrischen Stillleben: Hesperidenfrüchte, die kühl und erfrischend sind wie der Mond zu sein scheint, strahlend … und eh man es sich versieht, hat einen die Tuberose gepackt. Denn sie folgt kurze Zeit später in all ihrer Pracht: Narkotisierend steht sie in voller weißer Blüte, buttrig, indolisch und rauchig-ledrig. Das ist selten, beides. Und erinnert mich bisweilen entfernt an Jasmin et Cigarettes von État Libre d’Orange.

Nacre Blanche ist spätestens ab jetzt wahnsinnig komplex – so ist es eben, wenn man sich den nächtlichen Schönen nähert, die einen in ihren Bann ziehen 😉 Ich rieche Pudrigkeit, darüber hinaus metallische Anklänge, dunkelgrüne Noten, die mich in ihrer salzigen, dunkelgrünen Bitterkeit an Papyrus erinnern. Und dazwischen, dahinter – Wärme. Würzig-staubige, subtil-süße und harzgeküsste Harzwärme.

Nacre Blanche ist gleichermaßen avantgardistisch als auch traditionell, ihm wohnt genauso viel Retrocharme inne, wie er auch modern erscheint. In jedem Fall ist es ein raumgreifender, vielschichtiger Duft deutlich femininer Natur, der, Ihr werdet es schon ahnen, aber wirklich nur Frauen anspricht, die keine Angst vor weißen Blüten und/oder Tuberosen haben 😉

Ich bin gespannt, wie es morgen weitergeht mit den anderen beiden Nachtgedichten, den duftenden – bis dahin alles Liebe und viele Grüße

Eure Ulrike

 

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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