Die Schöne und das Biest – Sven Pritzkoleits Civette Intense

Civette Intense ist der letzte Duft aus der Pritzkoleitschen als „Wood“, Hölzer betitelten Teilkollektion. In meiner letzten Rezension zu seinem Lignum Vitae schrieb ich bereits Folgendes: „Lignum Vitae ist ein Duft“monster“, genauso wie seine bisher vorgestellten Duftgeschwister: Ein extrem komplexer Duft mit einem deutlichen Vintagecharakter, aber dennoch zeitgemäß umgesetzt. Auch er verfügt über eine unglaubliche Sillage und … ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen den Mut hätten, solche Düfte herzustellen, dass mehr Menschen den Mut hätten, solche Düfte zu tragen. Parfum darf meiner Meinung nach nämlich „knallen“: Sich bis zur Unkenntlichkeit und Austauschbarkeit zurücknehmende gefällige Düfte gibt es wahrlich schon genug und für mich sollte das Motto eines Parfums auch ein anderes sein. Gleichklang im Sinne von Mediokrität findet man bei Sven Pritzkoleit nicht, gar nicht – und das ist perfekt so.“

Civette Intense steht dem in nichts nach, das kann ich Euch schon verraten – und ist einem Duftthema gewidmet, das heute eigentlich eher unpopulär ist: Animalischen Düften, animalischen Anklängen. Man findet sie in einigen Düften von Sven Pritzkoleit, vor allem in seinen holzigen Düften. Barbara Herman hat mit ihrer Linie Eris Parfums, die ich bereits erwähnte, ebenfalls dieser eigentlich ehrwürdigen alten „Parfumschule“ Aufwind gegeben, indem sie animalische Düfte in das 21. Jahrhundert holte. Sven Pritzkoleits Civette Intense ist ein Vintage-Duft, er ist dem Charakter nach definitiv retro, aber dennoch kein Omaparfum, um es einmal klar beim Namen zu nennen, denn er ist durchaus tragbar, aber sehr kantig. Wer mit animalischen Düften nichts anfangen kann, wird sich vielleicht noch mit dem einen oder anderen Vertreter von Eris anfreunden oder versöhnen können, bei Civette Intense in jedem Falle aber nicht mit von der Partie sein.

Sven Pritzkoleit schreibt Folgendes zu seinem Tierchen:

Animal Wood – one of the most special perfumes of the collection! Greens and civette, the scent against any kind of fear!

Die angstlösende Kraft der Zibetkatze! Vorsicht, Höchstdosis! Mit frischen grünen Facetten – mal kraftvoll, mal besänftigend.“

Angstlösend oder angsteinflößend? Eine Frage der Perspektive, meine Lieben! Ich schätze animalische Anklänge und Düfte, so auch beispielsweise den Pantherkäfig von Mazzolari, wie ich ihn liebevoll genannt habe, Lui – das liegt ganz bestimmt auch nicht nur daran, dass ich auch Katzen verehre, egal welcher Größe 😉

Miguel spricht das namensgebende Zibet direkt an, genauso wie die Zibetangst, die vorherrschende:

„The name itself is outrageous. One of the most feared ingredients, the one that brands hide from official comunication, is now featured in a fearless way. Civet can be done in a lot of different ways and in this perfume its animalic fecal nature is juxtaposed with green notes. This combination creates a paradox. The green becomes soiled, the animal is freshened. There is a woody base which unites the two blocks but the final work is a result of clashes. There is a harshness about it but also a furry warmth in this complicated beastly perfume. Besides the battle between sweaty animalic and green I can smell leather and castoreum in a way that makes me think of Nishane’s Afrika Olifant but this doesn’t mean that they smell alike. They just share the same vibe.“

Die von Miguel attestierte Ambivalenz kann ich sehr gut nachvollziehen, genauso wie den Rest seiner Dufteindrücke: Nishanes Afrika Olifant ist ein Bruder im Geiste von Le Labos Oud 27, den ich zusammen mit einem Kumpel einmal liebevoll „Nili“ getauft habe, weil er für uns … nach Nilpferd riecht. Und beide wiederum haben, obschon Afrika Olifant wärmer ist und deshalb für mich weiter weg von Civette Intense, jene extrem trockene Seite, die animalisch tönend duftet, und sich hier in Pritzkoleits Zibetbiest wiederfindet. Ich nehme darüber hinaus mineralische Anklänge wahr, dunkelgrün-abstrakt zierendes Blattwerk (oder sind es Gräser?), alle erdverbunden schwingend. Hier denke ich entfernt selbstredend auch an Piguets Bandit, der allerdings wirklich nicht viel mit unserer Großkatze hier zu tun hat, der stolzen, obschon er sicherlich ein ähnliches Klientel ansprechen könnte. Wer genug „Mut“ hat, den Banditen zu tragen, wird auch Civette Intense, der ebenfalls Vintagecharme versprüht, allerdings modern angehauchten, seine Freude haben. Sind sie zu stark, bist Du zu schwach – oder so ähnlich 😉

Für beide Geschlechter tauglich und tragbar, entdecke ich in Civette Intense obschon seiner Mächtigkeit, seiner Wildheit, seiner Kompromisslosigkeit einen Tröster, einen Beschützer: Der Duft verströmt eine Atmosphäre der Sicherheit, wärmt wie ein alter Pelzmantel einer geliebten Person, obschon er kein warmer Duft ist und ihm keinerlei Wärme innewohnt. Er ist sowohl Trutzburg als auch Statement und für mich definitiv ein Kaufkandidat, zumal ich es genauso wie Barbara Herman (und sicherlich auch Miguel) bedauere, dass heutzutage nicht mehr animalische Düfte den Parfummarkt erreichen.

Harmen und ich sind ab heute auf dem Weg nach Berlin zu den Art and Olfaction Awards, bei denen Sven Pritzkoleit auch mit seinem Liquorice Vetiver vertreten ist als Finalist genauso wie Barbara Herman mit ihrer Belle de Jour – wir werden berichten, ich bin sicher, es wird toll!

Ganz viele liebe Grüße,

Eure Ulrike

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Meine Liebe galt schon seit je her dem Ästhetischen: So geht mir das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und seitdem immer auf der Suche nach dem oder vielmehr: einem neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse, meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

2 Kommentare

  1. Ute
    6.Mai 2017
    Antworten

    Liebe Ulrike,

    danke für Deine immer wieder tollen Berichte, die vor dem inneren Auge und in der Fantasie Duft Kreationen förmlich zum Leben erwecken.

    Lediglich beim Parfüm knallen: ich muss als Migräniker schon die ganze Woche
    im öffentlichen Verkehr mit Menschen fahren, die ihr Parfüm, egal welcher Art,
    knallen lassen. Oft steige ich mit Schwindel aus, und dann soll ich arbeiten.
    Bitte auf keinen Fall Knaller Düfte tragen, wenn man sehr nah an andere rankommt und bitte keinesfalls auf der Arbeit.

    Manche Düft brauchen einfach einen ganz speziellen Rahmen, dazu gehören diese
    Düfte von Sven Pritzkoleit. Dann sind sie eine Bereicherung und keine Pein.

    LIebe Grüsse von Ute

  2. Ulrike Knöll
    26.Mai 2017
    Antworten

    Huhuu liebe Ute,

    ich kann Deinen Ansatz total verstehen: Es gibt viele Leute, die, aus welchen Gründen auch immer, empfindlich auf Düfte reagieren. Und ein Duft sollte schon der Situation angepasst werden – meine beste Freundin beispielsweise ist Ärztin und trägt in der Praxis nur sehr verhalten Parfum, dann auch nur sehr unkomplizierte Düfte, aus eben diesem Grund. Für ihre Freizeit hat sie ein eigenes Sortiment.

    Mit „knallen“ meinte ich dennoch nicht unbedingt, dass man jemand einen Duft um die Ohren bzw. die Nase schlagen muss, dass „mehr mehr hilft“ oder dass man ohne Rücksicht auf Verluste wie eine Bekannte von mir bei knapp 40 Grad im Sommer zum Restaurantbesuch Andy Tauers L’Air du Désert überdosieren sollte (wunderschöner Duft, aber in dieser Situation und Konzentration wirklich nicht besonders gut gewählt).

    Ich habe damit vielmehr darauf angespielt, dass ich bestimmte Tendenzen auf dem Markt nicht besonders toll finde: 1.) Die Hinwendung zu Düften, die sauber, wie frisch geduscht, etc. duften – das hat für mich etwas sehr Artifizielles, obschon es Düfte aus diesem Segment gibt, die ich mag. Es erinnert mich daran, dass mittlerweile 90% der Ami-Promis, vor allem der Frauen, gleich aussehen und die Hälfte der Optik Fake ist. Es stellt für mich eine Art Gleichschaltung dar und ist darüber hinaus Ausdruck dessen, dass Geruch an und für sich eigentlich verleugnet wird, negiert werden soll. 2. ) Das Anliegen, kommerziell erfolgreich zu sein, ist an und für sich nichts Verwerfliches. Wenn es aber damit einhergeht, dass man Produkte kreiert, die wirklich JEDEM gefallen sollen, man den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner nimmt und um Gottes Willen weder anecken noch durch Innovation „erschrecken“ will – dann ist das Ergebnis die totale Austauschbarkeit, in 237.000 Variationen. Das sehe ich bei vielen vielen Düften, vor allem im Mainstreambereich, aber zunehmend auch in der Nische, die eben so etwas wie der neue Mainstream wird/werden will.

    Animalische Düfte sind hier ein ganz gutes Beispiel: Animalisch ist für viele – schmutzig. Zu körperlich. Nicht eingängig, zu kantig. Iiiihhh. Lieber weiße Laken, aquatische Anklänge mit frischen Duschgelassoziationen. Ein gutes (Gegen)Beispiel der beiden oben genannten Punkte.

    Und wieso muss ein guter Duft überhaupt eingängig sein? Das KANN er sein, aber – muss er es? Meiner Meinung nach nicht. Ich sehe das aber auch in der Kunst so, sei es nun Musik, Film, Malerei, Literatur – etwas „Schönes“ oder „Gutes“ muss nicht sofort zugänglich sein, es KANN es sein, aber wenn es das nicht ist, kann man sich ruhig auch mal die Zeit nehmen, sich darauf einlassen und den Versuch unternehmen, zu verstehen. Ambivalenzen sind spannend. Und nicht umsonst sind es auch oft genau die Ambivalenzen, wie ich in meinem Artikel zu den Workshops anlässlich der Art and Olfaction Awards ausgeführt hatte, die Düfte zu Klassikern werden ließen: Ein bekannter Teil, etwas, das einem vertraut ist, kombiniert mit etwas Unbekanntem, vielleicht gar einer kleinen „Provokation“ (Stichwort: Overdose).

    Aber ich bin mir ohnehin sicher, dass Du weißt, was ich meine, oder? 😉

    Viele liebe Grüße,

    Uli

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