J. F. Schwarzlose Berlin …

… sind seit einiger Zeit mit ihrer kompletten Kollektion bei uns im Shop vertreten – Grund genug, mir diese Linie noch einmal näher anzuschauen: Ich kenne, wie einige von Euch, das 2012 gegründete oder vielmehr wiederbelebte Haus schon länger, hatte die Linie allerdings einige Zeit aus den Augen verloren. Das ändern wir heute, zusammen 😉

J. F. Schwarzlose Berlin kann auf eine lange Geschichte zurückblicken, die in vielen Punkten denen anderer älterer und ehrwürdiger Häuser ähnelt: Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet,  avancierte man um die Jahrhundertwende herum zum kaiserlich-königlichen Hoflieferanten, begeisterte Blaublüter und monetär Gesegnete, machte sich einen Namen. Deutscher Erfindergeist verhalf darüber hinaus zu noch mehr Ruhm: „Perfume Soap-Powder“, ein mit den vier Düften „Eau De Cologne“, „Rosa Centifolia“, „Lilaflor“ und „Melati Radja“ bestückter Automat, der für einen Cent Taschentuch, Schal oder anderes besprühte, trug die Düfte der Firma noch weiter hinaus in die Welt. Die Parfums werden später in Baccarat-Flakons ausgeliefert und erfreuen sich großer Beliebtheit, Kurt Hilscher designt in den 20er Jahren die Plakatwerbung. Irgendwann Mitte des 20. Jahrhunderts wird es stiller um die Firma, die schlussendlich 1976 ihre Produktion einstellt. Lutz Herrmann entdeckte das Kleinod zusammen mit Tamas Tagscherer und Véronique Nyberg (die Parfumeurin) wieder und sie hauchten ihm gemeinsam neues Leben ein, legten einige der alten Klassiker wieder auf und stellten ihnen neue Kreationen an die Seite.

schwarzloseteam

Hier in der Petra ein kurzer und informativer Artikel, darüber hinaus ein Interview auf Scenture, Helder Suffenplans schönem Blog, lest hier. Ein kurzes Filmchen habe ich auch noch gefunden, das sich, warum auch immer, nicht vernünftig einbetten lässt – siehe hier bei Fashiondaily.tv.

Vor mir liegen nun vier der mittlerweile sieben Düfte – die sehen wir uns heute an, der „Rest“ wird vertagt.

Beginnen wir mit dem für Nicht-Berliner etwas kryptischen 1A-33, dessen Name allerdings schnell erklärt ist:

schwarzlose1a33 „1A-33” die Neuinterpretation des Schwarzlose-Klassikers atmet echte „Berliner Luft“. Das alte Autokennzeichen Berlins gibt „1A-33” den Namen und ist der Duft, der das alte und neue Berlin am besten repräsentiert.

„1A-33“ führt als Frühlingsduft die Lindenblüten der Stadt mit aquatischen Noten als Reminiszenz an Spree und Wannsee zusammen. Diese sinnliche Ode an die Leichtigkeit des Seins, an alles Neue und Verführerische, beschwört äußerst subtil eine aufregende Welt amouröser Eskapaden in all ihrer Ambivalenz.

Die Ingredienzen: Kopfnote: Mandarine, Roter Peffer, Aquatische Noten; Herznote: Jasmin, Lindenblüte, Magnolie; Basisnote: Zedernholz, Iris.

Hach ja, die Linden … sie sind häufiger mal ein Wahrzeichen Berlins, nicht nur in Straßennamen … ich erinnere mich noch an eine sehr schöne Duftkerze von Marc vom Ende, die ebenfalls Berliner Lindenluft oder -duft abbildete … Sie sind auch die allerersten Anklänge, die meine Nase erreichen und mich schwelgen lassen, liebe ich Lindenblüten doch sehr. Ein Quentchen Magnolie, weniger, als ich mir gewünscht hätte als Fan, aber immer noch genug, um sie wahrzunehmen, gesellt sich hinzu, alsbald Gesellschaft bekommend: Zuallererst hätte ich auf rote Beeren getippt und bin … verwirrt, etwas. Nach weiterem Schnuppern erklärt sich mir meine süß-fruchtige Assoziation: Es ist cremiger, üppig blühender, nektarsüßer Jasmin, Gott sei Dank ohne jegliche indolische Facetten, der sich mit saftig-reifen Mandarinenschnitzen vermählt hat. Keck, kokett und unbeschwert ist diese junge Mischung, die von einer dicken Irispuderschicht untermalt wird. Zeder stiftet hier lediglich leise, überaus zarte saubere und verhalten seifige Töne, die den Duft gekonnt abrunden.

Berlin 2013

Denis Boucquet „Berlin 2013“ via Flickr – CC BY 2.0

Meine Assoziation ist die eines jungen Mädchens, das erstmalig in der Großstadt gelandet ist, die die weite Welt verheißt, vielleicht auch die Bühnen derselben? Liebenswürdig und sanft, gleichzeitig aber auch voller Tatendrang und auf eine unschuldige Weise verführerisch präsentiert sich mir 1A-33.

Trance ist ein anderes Kaliber, wie der Name schon vermuten lässt:

schwarzlosetrance Auch bei „Trance“ von J. F. Schwarzlose Berlin handelt es sich um die Wiederbelebung einer alten Duftkreation der Goldenen Zwanziger Jahre. Der Duft stammt von Max Schwarzlose, einem der Söhne von J. F. Schwarzlose. Die Grundstoffe enthielten damals einen starken Rosenanteil, welchen Véronique Nyberg mit Hilfe maskuliner Noten neu ausbalancierte, sodass diese Komposition für Männer wie Frauen gleichermaßen tragbar ist.

Wie der Name schon sagt, besitzt der Duft eine geradezu hypnotische Wirkung und soll den Träger und seine Umgebung in eine olfaktorische Trance versetzen. Zur damaligen Zeit war der Begriff Trance das Synonym für den Zeitgeist: man kannte sich mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse aus und war entsprechend auch mit Hypnosesitzungen vertraut, eine Mode der damaligen Zeit.

Die Ingredienzen: Kopfnote: Türkische Rose, Rose; Herznote: Rose, Gewürze, Blätter; Basisnote: Absinth, Wermut, Leder, Labdanum (Zistrose), Balsamische Noten.

Eine Rose, und was für eine! Trance gefällt mir ausnehmend gut, das ist schnell festgestellt – warum? Weil es, entgegen der ersten Vermutung, keine wirkliche Dunkel-, vielmehr Düsterrose ist. Hell ist er nicht, und ja, Trance ist opulent. Aber es dominieren neben der Rose zwei Aspekte, die mich begeistern: Einmal das Leder, des weiteren krautig-grüne Noten, die der fruchtig-samtigen, likörigen Rose eine interessante Herbheit, eine kühne verleihen. Ein ausladendes, leuchtend rotes Rosenbouquet, in den unterschiedlichsten Farbnuancen strahlend, erwachsenes Glattleder, das auf eine subtile Art und Weise gleichermaßen intellektuell als verrucht erscheint. Dazu passen selbstverständlich Absinth und Wermut – und nehmen zumindest mich umgehend mit auf eine Zeitreise in die goldenen Zwanziger, evozieren Bilder der wunderschönen Frauen in den Salons.

68/365 - Roaring Twenties

Lauren Nelson „68/365 Roaring Twenties“ via Flickr – CC BY 2.0

Wie immer bei Rosendüften – wer mit dieser schönen Blüte nichts anfangen kann, wird Trance nicht mögen. Denen aber, die derlei Blumenzier genießen können, sei er wärmstens ans Herz gelegt. Und – ich sehe eine gewisse Ähnlichkeit, eine Verwandtschaft mit Juliette has a Guns Lady Vengeance, regelmäßige Leser werden es wissen: Meiner Lieblingsrose und einem meiner All-Time-Favoriten. Ich denke, das dürfte einige hier äußerst neugierig machen, oder nicht?

schwarzlosetreffpunkt8uhr Treffpunkt 8 Uhr heißt unser nächster Kandidat:

„Treffpunkt 8 Uhr“ stellt eine Neuinterpretation eines Schwarzlose-Klassikers dar und erinnert an Berliner Flirts und Liebesgeschichten.

Kontrastreiche Inhaltsstoffe kennzeichnen „Treffpunkt 8 Uhr“, ein Duft, der die spannungsgeladene Vorfreude eines Rendezvous eingefangen hat.

Die Vorfreude auf das Date:
Ein Gefühl von Anziehung und Erwartung entsteht durch einen aphrodisierenden Mango-Akkord, der mit würzigen, betörenden und süchtig machenden Noten frischen Ingwers vermischt wurde. Die Stunde rückt näher und die Sinne werden von einem Strudel widerstreitender Gefühle aus Muskatellersalbei gefesselt; Weisheit, Impulsivität, Selbstvertrauen und ein Hauch von Zweifel. Ein allumfassendes Gefühl der Ruhe kommt auf, als die Uhr acht schlägt. Ein Herz aus Vetiver schlägt langsam voller Präsenz und vornehmer Eleganz.

Die Ingredienzen: Kopfnote: Mango, Ingwer; Herznote: Salbei, Herbstzeitlose; Basisnote: Vetiver.

Alleine die Ankündigung von Mango – und dann noch in Kombination mit Ingwer und Vetiver – versetzen mich in einen Zustand der freudigen Aufgeregtheit, möchte ich mal sagen, auf dieses Date freue ich mich!

First Date

Emily Poisel „First Date“ via Flickr – CC BY 2.0

Diese olfaktorische Verabredung enttäuscht mich nicht und ich falle umgehend in einen Zustand frühlingshafter Verliebtheit – und zwar mit Schmetterlingen im Bauch, jawohl! Eine überaus zarte, mittel-, aber keinesfalls überreife Mango, hervorragend in Szene gesetzt: Ingwer, herb-trocken und auf die ihm eigene Art fruchtig-holzig, eine subtile Prise frischen Salbeis, der aromatisch-grün würzt und salzig-rauchiger Vetiver – ich muss schon sagen, das passt wirklich außerordentlich gut zusammen. Im Hintergrund blüht es, das nehme ich wahr, es cremt ein wenig, aber außer einem klitzekleinen Bisschen Fruchtsüße entdecke ich keinen weiteren Süßstoff, keinen Honig, keinen Nektar – und das steht dem Duft sehr gut zu Gesicht.

Treffpunkt 8 Uhr – wer hier wen trifft, ist nicht vorhersehbar, sprich: der Duft eignet sich, wie ich finde, für beide Geschlechter gleich gut. Die Salznoten dürften für Fans von Sel de Vétiver aus dem Hause The Different Company etwas sein, Liebhaber von L’Artisan Parfumeurs Timbuktu als auch den Hermès-Gärten von Ellena dürften hier ebenfalls gut bedient werden. Und Vetiver-Groupies kommen ohnehin auf ihre Kosten. Meine Lieben – ein sehr schöner Begleiter für Frühling und Sommer und mein bisheriger Favorit.

Leder 6 bildet den Abschluss meines heutigen Artikels – und wirft selbstredend das Kopfkino an, erst recht, wenn man über das Berliner Treiben etwas im Bilde ist:

schwarzloseleder6 Das sündige Berlin
Der Fetisch: ein Gegenstand, dem man magische Kräfte zuschreibt; ein Gegenstand der Begierde. Der Duft von J.F. Schwarzlose Berlin, der in atemberaubender Weise die Ursprünge der Parfumherstellung mit Berlins entfesselter Moderne verbindet.

Leder 6 ist eine moderne Interpretation des Schwarzlose-Dufts „Spanisch Leder“, hier neu erfunden als orientalischer Lederduft. Er besitzt in dieser Version eine süchtig machende Note; ermöglicht wird dies durch einzigartige Technologien und Grundsubstanzen von MANE, einem der Weltmarktführer in Sachen Duftstoffe.

Leder riecht aufregend, zugleich umhüllend und verrucht. In der Basisnote greift Leder 6 die alte Komposition „Spanisch Leder“ von J.F. Schwarzlose Söhne auf, die Berlin in den 1920er Jahren elektrisierte.

Im ersten Moment setzt die Kopfnote einen Akkord von Osmanthus-Absolue frei, jener chinesischen Duftblüte, woraus sich in Folge eine ledrig-animalische Note ergibt. Safran-Essenzen runden das aufregende erste Erlebnis ab. Die Herznote überrascht durch Milch und die Wärme von Vanille: Mit dem Extraktionsverfahren „Jungle Essence“ gelang es, der Basis von „Spanisch Leder“ von J.F. Schwarzlose Söhne aus dem Jahr 1921 zu folgen.

Die Kombination aus Weihrauch und japanischen Styraxharzen verleiht Leder 6 seinen lustvollen Charakter. Assoziationen werden geweckt an die verruchte, vergangene und gegenwärtige Welt Berlins, der man sich nur schwer entziehen kann. Berlin ist berühmt für seine freizügige Clubszene, die alles – wirklich alles – bietet: ohne Reue. Von Berghain zu Kitkat – für jeden ist eine Spielwiese da. Das hat Véronique Nyberg dazu inspiriert, dem Lederthema eine moderne Note zu geben.

Leder in Düften – immer gut, zumindest als Ankündigung. Ein moderner Lederduft mit den genannten Inhaltsstoffen? Das macht neugierig, zumindest mich – so stürze ich mich Hals über Kopf auf die olfaktorische Spielwiese, die mir Nyberg bietet …

Mistress Goddess Mrs. Sabine Mondestin

Sabine Mondestin „Mistress Goddess Mrs. Sabine Mondestin“ via Flickr – CC BY 2.0

Leder 6 kann was, keine Frage: Kinky ist der Duft, modern, sinnlich und sexy, allerdings nicht auf eine vulgäre Art und Weise. Samtiges Veloursleder, „playful“ würde man im Englischen sagen, ich weiß nicht, ob das deutsche „spielerisch“ dem komplett gerecht wird. Safran würzt und stiftet herb-trockene, rauchig-holzige Facetten, denen durch Vanillecreme, sanfter, ein gekonnter Gegenpol gesetzt wird. Das ganze in lauwarmer, köstlicher Milch gebadet, die immer mal wieder ein kurzes Schimmern von pfirsichhaft anmutendem Osmanthus hervorblitzen lässt. Unsere Schönheit hüllt sich natürlich nicht nur in Leder, sondern auch in Harze: Balsamisch und rauchig ist ihr Gewand. Die Ambivalenz, die Leder 6 innewohnt, gefällt mir: Einerseits diese Weichheit und Süße, andererseits aber auch wieder (ge)strenge Seiten – kinky und „playful“, das sind wohl wirklich die beiden Worte, die dieses feminine Kleinod am besten beschreiben. Was mir persönlich sehr positiv auffällt: Leder 6 pappt und klebt nicht, die Süße ist niemals zuviel, wird nicht lästig, sondern betont die feminine Sinnlichkeit, die der Duft ausstrahlt.

Ein mehr als interessanter Einstieg, findet Ihr nicht? Und – kennt Ihr die Kollektion bereits, habt Ihr vielleicht schon Düfte von J. F. Schwarzlose in Eurem privaten Repertorie? Ich bin gespannt!

Ein schönes Wochenende mit hoffentlich gutem und sonnigem Wetter wünscht Euch

Eure Ulrike.

P.S.: Passend zum Thema: Ich habe gerade mal wieder eine Krimiphase und wandle ebenfalls durchs Berlin der Zwanziger – und zwar mit Volker Kutschers Reihe um den Berliner Bullen Gereon Rath. Sehr empfehlenswert, meine Lieben!

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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