Zwei Tage „Kurz & Knackig“ …

… stehen uns bevor – und zwar begehen wir den heutigen Tag gleich mit drei besonders spannenden Kandidaten! Fix ans Werk, den Anfang macht Ballena de la Pampa von Fueguia 1833:

„Dieser Duft stellt das Bild eines Wals dar, der auf dem Gras der Pampas ruht. Eine Kombination von 13 Moschusarten, umrandet von Ambra und Stroh.

Süßgräser spielen bei „Ballena de la Pampa“ –  dem Wal in der Pampa – eine wichtige Rolle, wichtig, da ihre süßliche, fast fruchtige Krautigkeit sofort und dauerhaft präsent ist. Gewichtiger jedoch ist im wahrsten Sinne des Wortes der Wal, den wir als Vertreter der 13 Moschussorten interpretieren. Geschmeidig, weich schillert seine Haut in der Sonne der Grassteppe, der Pampa, umspielt vom Wind, der einen gewürzigen Ambraakkord aus der Ferne mit sich bringt.“

fueguia1833ballenadelapampa

Wal in der Pampa? Liest sich witzig 😀 Der Duft ist nicht witzig, dafür stimmt er mich aber außerordentlich heiter, was daran liegen mag, dass ich den Geruch von Gras und Heu liebe, vor allem auch in Düften, wo man ihn viel zu selten vorfindet. Ballena de la Pampa duftet ganz vorzüglich – und zwar nach Heu, nach getrockneten Gräsern, Kräutern und Blüten, deren getrockneter Nektar noch wahrzunehmen ist. Verzeiht mir den Vergleich, aber ich muss ihn bringen: Eine Freundin von mir ist passionierte Meerschweinchenliebhaberin, schon seit Jahrzehnten. Die kleinen Mupfen haben es außerordentlich gut bei ihr und bekommen in schöner Regelmäßigkeit Kräuterheu vom Bauern auf dem Land serviert. Immer, wenn ich sie und ihren Zoo besuchen gehe, muss ich, wenn das Kräuterheu frisch ist, meine Nase darin versenken – weil es so himmlisch duftet nach Wiese, wohin das Auge blickt. Nach der Weite der Landschaft, der Sonne. Ziemlich exakt diese Impression fängt auch Ballena de la Pampa ein – und bettet das äußerst freudige Geschehen auf einer watteweichen und überaus ansehnlichen Moschusbasis. Normalerweise ist Moschus eher weniger meins, in diesem Falle hier erkennt man aber, dass man sich sehr viel Mühe bei der Abstimmung gegeben hat und dass der verwendete Moschus keinesfalls irgendein Billigprodukt und/oder ein Lückenfüller ist, so fein ausbalanciert und austariert zeigt er sich. Mich stimmt Ballena de la Pampa friedvoll und gelassen, er gleicht einem Sonnenstrahl, der mir das Gemüt, die Seele wärmt. Genau so etwas braucht man an solch grauen Tagen wie heute!

Sunset over hay

Boris Kasimov „Sunset over hay“ via Flickr – CC BY 2.0

The Orchid Man von Frapin ist unser zweiter Kandidat:

theorchidman „The Orchid Man ist Frapins zehnter Duft, der stark von der erstaunlichen Persönlichkeit des Boxers Georges Carpentier inspiriert wurde, der in Amerika auch unter dem Spitznamen „Orchid Man“ bekannt war. Frapin war sofort vom Leben dieser Legende begeistert und wollte dessen Geschichte mit einem Duft neu erzählen.

Georges Carpentier war ein Allrounder – er war elegant, ein einfallsreicher und geschickter Mann, der wusste, wie man sich in jeder Phase seines Lebens neu erfindet. Ein Boxer, ein mutiger Mann und stolzer Bürger, der sich auch in anderen Sportarten wie Rugby als Talent erwies. Zu Beginn der 30er Jahre zeigte sich, dass Georges auch abseits vom Sport Begabungen besaß. Aus dem Boxring ging er damals auf die Bühne. Den Showman Carpentier zog es von Paris nach Hollywood. Er erlebte den Aufschwung der Wall Street und ihren Zusammenbruch. Ein moderner Mann, der immer für neue Abenteuer bereit war – so eröffnete der Orchid Man eine der ersten Cocktail-Bars in Paris und das mit vollem Erfolg.

Beim Boxen geht es, genau wie bei Parfums auch, darum, sich selbst zu begegnen. Ein Aufeinandertreffen, das von Ritualen und einstudierten Bewegungen, von genauen Regeln und dem Respekt dem Anderen gegenüber beherrscht wird. So wurde das Boxen Ende des 19. Jahrhunderts zur Sportart der Gentlemen. David Frossard, Experte in der Welt des Boxens, hatte all diese Geschehnisse im Kopf, als er die Idee für einen frischen, kraftvollen und männlichen Duft entwickelte. Das Ergebnis ist ein animalisches aber auch intellektuelles Parfum, das durch frische und herbe Noten begeistert.“

Georges Carpentier 1920s

By Magnums Cigarettes, England (NYPL) [Public domain], via Wikimedia Commons

Georges Carpentier, ein Mann, der jedem Boxliebhaber etwas sagt – so auch mir. Brecht, ebenfalls Boxfan, wusste nicht viel Gutes über ihn zu berichten, wie Wikipedia trefflich zusammenfasst:

„In seinem, Fragment gebliebenen, Boxerroman beschreibt der leidenschaftliche Boxfan Bertolt Brecht den Aufstieg des Boxers George Carrare, der Carpentier nachempfunden ist. Er beschreibt Carrare als strategischen „Gehirnboxer“ ohne „Sportsgeist“ und sieht darin das Beispiel eines vor allem aufgrund von Geschäftsinteressen inszenierten Aufstiegs, der vor allem durch die gezielte Auswahl seiner Gegner und Bestechung ermöglicht wird.

Nun – beim Boxen ist das immer so eine Sache: Vier Verbände, die Weltmeistertitel vergeben. Viel Geld, um das es sich unentwegt dreht. Und oftmals leider auch viel Gemauschel, das ist nichts Neues und bis heute so geblieben. Trotz allem – das Boxen ist eine Allegorie auf das Leben, das hat Hemingway einmal sehr schön herausgestellt. Und ich sehe es genauso wie Frapin, die im Boxen eine intensive Begegnung mit einem selbst sehen, ähnlich wie bei Parfums.

Frisch auf der Haut angekommen, habe ich sofort einen anderen Duft im Kopf – Creeds Aventus, Everybodys Darling, völlig zu recht. Frisch und herb, fruchtig und markant, sportlich, maskulin und ein echter Immergeher. Obgleich Creeds Aventus mehr Duftnoten zu bieten hat, wirkt The Orchid Man auf mich wesentlich komplexer, vielschichtiger, feingliedriger, mehr Understatement. Und er verfügt über eine wirklich schöne, kühle Ledernote, die dem bisweilen etwas vordergründigen Aventus komplett abgeht. Ganz generell leben sie aber von dem Dreiklang zwischen der herb-frisch-fruchtigen, fast schon ein wenig aquatisch wirkenden Bergamotte, die auf cremigen Jasmin trifft, weniger betörend als vielmehr die Anmutung gut gepflegter Haut zeichnend, gebettet auf einer Basis aus Moos, Patchouli und mehr würziger als warmer Ambra.

Ich kann nicht anders: Mir gefällt The Orchid Man ausgesprochen gut. Ich mag aber auch seinen Duftbruder Aventus, obgleich dieser ein echter Crowdpleaser ist – was ja allerdings nichts Schlechtes heißen muss 😉

Les Liquides Imaginaires neuestes Werk Peau de Bête – Eau de Peau rundet unseren Tag für heute ab:

„Die Idee hinter diesem Eau de Parfum von Liquides Imaginaires ist eine echte Innovation. Es ist das erste Parfum, das komplett auf eine Herznote verzichtet – und das zugunsten einer tiefen, komplexen, dunklen und leidenschaftlichen Basis, die nicht vergeht.

Diese außergewöhnliche Vorgehensweise in der Komposition spiegelt Peau de Bête, die Haut der Bestie, perfekt wider und steht für Feuer, Leidenschaft und ungeahnte Begierden.

Ein würziger, dunkler und komplexer Duft, der die innere Bestie zum Leben erweckt. Durchdringende Leidenschaft, animalische Triebe und dunkle Begierden erwachen beim Aufsprühen des Parfums. Tief verborgene und dunkle Geheimnisse kommen zutage …

Das klassisch Schöne vergisst man schnell – Peau de Bête bleibt in Erinnerung.“

lesliquidesimaginairespeaubete

Die Haut der Bestie, die Haut des Biestes? Liest sich spannend, hochspannend! Wohingegen ich diesen nicht-pyramidalen Aufbau eigentlich kaum glauben mag … mal abgesehen davon, dass Humiecki & Graef und zarkoperfume bereits mit ähnlichen Geschichten auf dem Markt sind. Was ich wahrnehme, gefällt mir aber, wie bisher eigentlich immer, seeehr seeehr gut: Kamille, die umgehend von einer fetten Note schwarzen Pfeffers eingeholt wird, die meine Nase kitzelt. Von Hellgelb mitten ins Schwarze, oder sollten wir besser Dunkle sagen? Dunkel schillert er nämlich, dieser Duft – und dunkel stelle ich mir auch ein Biest vor. Mächtig und dunkel, grau-braun-finster funkelnd. Heu, einmal mehr heute, zeigt meiner Nase, dass dieses Monster ein gutes Herz hat, tief verborgen unter dem harten Kern. Kräuterheu mit einem Quentchen Honig, gülden inmitten der Dunkelheit strahlend, von Nagarmotha untermalt, wie immer auf eine seltsam-einzigartige Weise luzide leuchtend. Wacholder, herb-fruchtig eigenartiger, sauber-ernstes Zedernholz, balsamisches Guajakholz mit einer leichten Süße, die von Pfeffer nach wie vor in der Balance gehalten wird. Und jede Menge Harze, die, in der Hauptsache rauchig, aber durchaus auch wärmend die Basis bereiten.

WeirdTalesv36n2pg038 The Werewolf Howls

Mont Sudbury [Public domain], via Wikimedia Commons

Ob ich jetzt eine Schöne bin? Keine Ahnung. Aber das Biest hier liebe ich. Und das geht vermutlich einigen anderen auch so. Hier kommt das Beste aus vielen Welten zusammen: Stellt Euch vor … Tauers Vorliebe für Birkenteer, Gualtieris Kracher Black Afgano (Nasomatto) und Stercus (Orto Parisi), ein Hauch von Annick Menardos Patchouli 24 für LeLabo ohne den Schinken und eine ordentliche Prise Pfeffer, wie man sie beispielsweise in Carons Coup de Fouet findet (nur eben ohne Nelke). Ja, doch, das kommt dem Ganzen sehr nahe – und weiß durchweg zu begeistern, zumindest mich!

Morgen geht es mindestens so spannend weiter, bleibt also dabei 🙂

Viele liebe Grüße,

Eure Ulrike.

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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