Vom ersten Regenfall im September…

… erzählt Oriza L. Legrands Duft Chypre Mousse aus dem Jahre 1914:

orizallegrandchypremousse „Nach dem ersten Regenfall im September verströmt die Natur einen Geruch von Humus, Torf und feuchten Wiesen. Die richtige Zeit für einen Spaziergang im Wald, um die Frische nach der Hitze des Sommers zu genießen. Der Herbst bietet uns die Gelegenheit nachzudenken, die Natur zu beobachten, die uns sachte auf den kommenden Winter und seine ersten Fröste vorbereitet.

Die moosigen Pfade und kostbare Juwelen des Unterholzes werden von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet. Chypre Mousse erweckt in uns die uns umgebende Natur, die schon bald vom ersten Schnee bedeckt sein wird. Chypre Mousse vereint den Geruch des feuchten Unterholzes, des gefallenen Laubs und den Duft von Moos, während man Pilze und Kastanien sammelt.“

Ein Chypre-Duft, sehr schön! Wann hat Coty nochmals mit seinem gleichnamigen Duft diese Duftfamilie quasi erfunden? Allzu viel früher kann das nicht gewesen sein, Moment… Wiki weiß wie immer zu helfen – dort ist Folgendes zu lesen:

„Der Name leitet sich von dem Parfüm »Chypre« ab, das François Coty 1917 kreierte und nach der Insel Zypern (franz. Chypre) benannte, weil die Duftbausteine darin vorwiegend aus Mittelmeerländern stammten.»Chypre« wurde oft imitiert und dadurch zum Prototyp einer ganzen Duftfamilie, obwohl verwandte Duftkompositionen während des gesamten 19. Jahrhunderts zu finden waren.“

chypre_mousse Das verwirrt mich nun ein wenig: Chypre Mousse soll ein Chypre sein, wurde aber früher kreiert als der namensgebende Coty-Chypre? Dass es ähnliche Düfte mit ähnlichem Duftakkord schon früher gab – geschenkt. Dass aber Zypern vor Coty schon in dem Namen eines Duftes der exakt gleichen Familie auftaucht? Auf diese Ungereimtheit hin habe ich natürlich recherchiert… Habe ein paar Bücher hier befragt genauso wie das Internet und…

… konnte irgendwann nicht mehr warten mit dem Testen des Duftes. Denn: Es gibt wenige Reviews darüber im Netz, aber die, die es gibt, sind so schwärmerisch, so verführerisch, dass mir die (vermeintliche?) Unlogik betreffs der Namensgebung alsbald schnuppe war… Ida Meister bei Fragrantica und Kafkaesque waren es, um genau zu sein, die mich ungeduldig werden ließen.

Ida Meister schrieb über Chypre Mousse:

„It is Confession Time. I didn’t want to wait for another week: I ordered this edp PRONTO. 😉

Chypre-Mousse sings to me. All that lurks in the forest, humid and expectant after the first September rains. The exquisite aromas of the undergrowth; peat, mushrooms, humus. Moss and more moss; sheer delight for me, who craves that velvety green aromatic cushion beneath the nose, the feet, my fingers! A carpet of russet leaves underfoot, the seductive aroma of grilled chestnuts around the corner. Oriza may have had dandies in mind for Chypre-Mousse, but it is my ongoing intoxicating love affair with all things Green. I will wear my velvet cloak of chypre gratefully.“

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Auch bei Kafkaesque zeigt sich jemand deutlich verfallen:

„Chypre Mousse sings to me as well. I think it is an absolute masterpiece. To me, it doesn’t smell old-fashioned or dated for one simple reason: I’ve never smelled anything quite like it. From any age.“

Und weiter:

„I had to have Chypre Mousse, then and there, without further testing. Suffice it to say, that is extremely unusual for me. I’m not sure how to best describe Chypre Mousse. It’s not the typical oakmoss fragrance; it has neither the dark grey, mineralized, dusty fustiness of some oakmoss fragrances, nor the bright green, softly plush, fresh mossy feel of others. To me, it smells like the damp forest floor, wet leaves, dewy violets, earthy mushrooms, drenched forests, and a symphony of green, brown, grey, and purple.“

„I sprayed Chypre Mousse on four people […] For them, Chypre Mousse was something indescribable, inexplicable, odd, but utterly mesmerizing.“

Schauen wir uns die Noten an: Kopfnote: Minze, Muskatellersalbei, Fenchel, Grüne Noten; Herznote: Eichenmoos, Galbanum, Angelika (Engelwurz), Farn, Gewürznelke, Mastix, Veilchenblätter; Basisnote: Vetiver, Kiefer, Eichenmoos, Pilze, Kastanie, Leder, Labdanum (Zistrose), Balsamische Noten.

Who ate my house

Frisch auf der Haut ist mein erster Eindruck… likörig. Kräuterschnaps. Der Alkohol muss erst verfliegen, was er sehr schnell tut… es bleiben… grüne Noten, in allen möglichen Facetten: Ich rieche Wald, Nadel- und Laubwald, Bäume mit dicht bemoosten Wurzeln. Feuchtes Moos und Erde, von Leder untermalt, kühlem, etwas ruppigem Glattleder, das sich allerdings subtil im Unterholz versteckt. Es duftet bittersüßfruchtigfeucht nach Veilchenblättern, dunklen, und Farnen, taubenetzt. Es funkelt in diesem Wald, dessen Dämmerung die Sonnenstrahlen durchbrechen. Dampfende Erde, erfrischend-kühles Nass. Knarziges Holz, bitter-herbes Grün und feuchtes Moos, zarte Blüten, versteckt am Waldboden genauso wie… ja – Pilze. Minze, verwoben mit der seltsamen Veilchenfruchtigkeit, der staubtrocken-erdigen und dazu Pilze. Woher kommen sie? Ich vermute durch irgendeine Symbiose, an der Leder beteiligt ist.

Bask

Chypre Mousse ist für mich der erste Duft, der Wald in dieser Form wirklich olfaktorisch abzubilden vermag. Ein herrliches Duftgemälde von einer bemerkenswerten Sillage, das seinesgleichen sucht und, überflüssig zu erwähnen, nicht findet: Ich habe noch nie einen ähnlichen Duft gerochen und bin begeistert. Ein Must-Buy? Sehr wahrscheinlich schon…

Viele herzliche Grüße,

Eure Ulrike, verliebt.

P.S.: Je länger und öfter Chypre Mousse auf meiner Haut ist, desto komplexer und facettenreicher entwickelt er sich. Ich husche nun schon seit Stunden öfters als nötig durch meine Wohnung, um den Duftschweif zu genießen, der mir hinterherweht: Anklänge von Kräutern, die eine anisartige Süße aufweisen. Nebulöser Blütenschimmer. Aromatisches Grün. Magisch. Ich kann gar nicht aufhören, Chypre Mousse zu folgen…

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

3 Kommentare

  1. Simone
    11. Februar 2014
    Antworten

    Ich hab es schon häufiger mit Chypres versucht, aber wir kamen nicht zueinander, aber dieser hier hat mich begeistert. Sehr,sehr speziell und wirklich immer wieder neu und überraschend. Leider kann ich das auch über „Reve d’Ossian“ behaupten und wenn ich es mir recht überlege, dann fand ich „Horizon“ auch ganz nett…

  2. Daniel
    23. September 2017
    Antworten

    Waouw! Quel magnifique parfum certainement créé par des petits êtres de la nature.
    Car oui ce parfum sort tout droit d’une forêt enchantée , une potion magique qui vous transporte dans un monde féerique.
    Sublime !

  3. Avatar photo
    Ulrike Knöll
    25. Oktober 2017
    Antworten

    Merci beaucoup Daniel,

    j’aime Chypre Mousse aussi – et „forêt enchantée“ est une description parfaite pour le parfum!
    Bien à toi

    Ulrike

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