1888…

1888 ist der Name des Neulings aus dem Hause Casamorati 1888. Unschwer erkennen lässt sich, dass er als eine Art Stellvertreter für deren gesamte Kollektion steht, als eine Art Signature-Duft fungieren soll für das Label, das zum Parfumhaus Xerjoff gehört.

Casamorati gab es tatsächlich einmal: Ein prächtiges Dufthauses, gegründet zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert in Italien. Zum Spezialgebiet von La Fabbrica di Profumi C. Casamorati zählte die Herstellung erlesener Düfte und Badeseifen. Unter anderem stellte man Profumeria Fina alla Violetta Ideale her, einen Veilchenduft. Den hätte ich doch sehr gerne mal getestet, bin ich doch ein großer Fan des Parmaveilchens… Ihr auch?

In jedem Fall erging es Casamorati wohl leider ähnlich wie vielen europäischen Parfumhäusern: Zahlreiche Auszeichnungen und Preise hatte man erhalten – Die außergewöhnlichste und ganz bestimmt prestigeträchtigste Anerkennung erhielt Signor Casamorati von Ihrer Majestät Königin Margarethe von Italien persönlich: Beim Besuch einer der nationalen Ausstellungen war Ihre Hoheit derart beeindruckt von der Qualität der Seifen, dass sie dem Parfumeur als Zeichen ihrer Dankbarkeit und ihres tiefen Respekts eine goldene Anstecknadel schenkte. Darüber hinaus war man natürlich Liebling vieler Promis und VIPs, weithin bekannt und beliebt und trotzdem… geriet man irgendwann in Vergessenheit. Casamorati hatten Glück, wie einige andere ehrwürdige Parfumhäuser auch: Das italienische Luxushaus Xerjoff nahm sich der Firma an und setzte es sich zum Ziel, das historische und künstlerische Erbe jener glamourösen Casamorati-Ära zu bewahren. „Somit wurden einige der historischen Originalrezepturen behutsam überarbeitet und erneut lanciert – auf dass der Geist Casamoratis ewig leben werde!“ – so steht es bei uns im Shop zu lesen.

Ich liebe ja solche Geschichten – man mag sich nur beispielsweise an Lubin erinnern oder an Acqua di Parma…

1888 als Vorzeigeduft kommt selbstredend auch in besonderem Kleide daher: Der typisch geformte Flakon in distinguiertem Rostrot, mit seiner spitz zulaufenden, goldenen Verschlusskappe, wird von einem kleinen Relief geziert. Abgebildet ist hier ein spannendes Hybrid, das sowohl an den römischen Weingott Bacchus als auch an Bocca della Verità erinnert, letzterer wurde unsterblich durch den Klassiker „Ein Herz und eine Krone“ mit Gregory Peck und Audrey Hepburn.

Kennt Ihr diesen entzückenden Film? Ich bin ja ein großer Hepburn-Film, insofern… Madame spielt in dem Film eine Kronprinzessin, die sich vor ihren Pflichten drückt und des Nachts aus ihrem goldenen Käfig in die Straßen Roms flieht. Schlafend wird sie von dem amerikanischen Reporter Joe gefunden, der sie mit in seine kleine Wohnung nimmt. Beide verheimlichen dem jeweilig anderen so einiges: Ann erzählt Joe nichts von ihrem blauen Blut in der Hoffnung, einfach mal ein paar normale Stunden verbringen zu können. Und Joe erzählt es Ann nicht, als er ihre Herkunft erfährt, da er eine exklusive Story wittert. Natürlich kommt alles anders… und eine Schlüsselszene ist eben jene in der Kirche vor der Bocca della Verità, vor dem Mund der Wahrheit, einer Steinfigur, die der Sage nach jedem die Hand abbeißt, der ihr selbige in den Steinkuhlenmund legt und der es vorher mit der Wahrheit nicht so genau nahm…

Mouth of Truth

Ich muss hier im Blog keine Hände lassen, glänze ich doch für Euch immer mit Authentizität, ich hoffe, das merkt man 😉 Kommen wir also zum Duft, zu 1888 – die Ingredienzen: Kopfnote: Koriander, Nelke, Grüner Pfeffer, Safran; Herznote: Rose, Neroli, Ylang-Ylang; Basisnote: Mysore-Sandelholz, Patchouli, Ambra, Birke.

Ich hätte bei den Zutaten einen heftigeren, orientalischeren Einstieg und überhaupt Duft erwartet – 1888 ist sicherlich ein Orientale, aber ein leiser, subtiler, voller Eleganz. Der Auftakt ist sachte, verhalten grün-(ge)würzig, zwischen Frische und Trockenheit oszillierend und von Pfefferschärfe geküsst. In dieser lässt sich eine Nelke erkennen, eine echte Nelke, keine Gewürznelke, hinter der sanft Safran in seiner ihm genuinen fruchtig-trockenen Herbholzigkeit schillert. Aus der Basis glänzt bereits warmes Sandelholz sowie die Birke, die im Zusammenspiel mit dem Safran edle Ledernoten zaubern, von zartem, dezent kakaoartig anmutendem Patchoulipuder umfangen. Ambra rundet mit gewohnter Wärme gekonnt ab.

Ein, wie ich finde, überaus schönes olfaktorisches Aushängeschild für eine Marke: Ein zeitgemäßer Orientale für beide Geschlechter, edel und rassigen Temperaments, komplex und hervorragend komponiert. Sehr sehr schön!

Hattet Ihr schon Gelegenheit zu Testen? Und kennt Ihr den Rest der Casamorati 1888-Kollektion?

Viele liebe Grüße,

Eure Ulrike.

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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