Duftnoten-Domino

Mangels Fernseher musste ich neulich mal wieder an alte Kinderspiele denken. Himmel und Hölle, Blinde Kuh, Mau-Mau, Lego und Domino. Wirklich gespielt habe ich letzteres als Kind nicht. Die Regeln sind mir daher völlig fremd. Wir haben die Steinchen viel mehr fein säuberlich in einer Reihe hochkant aufgestellt, durch Wohn-, Ess- und Kinderzimmer verschlungene Bahnen gelegt, angestupst und der nachfolgenden Kettenreaktion freudig-staunend zugesehen. So einfach und dennoch wirkungsvoll. Ach, Kind müsste man noch mal sein…. Der Gedanke an den Domino-Effekt, denn so nennt man das kaskadenartige Umstürzen der Spielsteine hochwissenschaftlich, brachte mich auf eine Idee: Duftnoten-Domino. Klar, im übertragenen Sinne und rein geistig, lösen wir heute eine duftende Kettenreaktion aus.

Unser erster Spielstein oder besser Domino-Duftbaustein, unser Kettenreaktionsauslöser also, ist die Mimose. Mmmh, mag sich da so mancher denken, was soll an dem grünen Sensibelchen so besonders sein? Einzelgängerisch und so gar nicht auf Kuschelkurs klappt das zarte Mimöschen bei der kleinsten Berührung oder Erschütterung seine gefiederten Blätter zusammen. Fast könnte man gar meinen, die Mimose wäre ein echter Misanthrop. Dabei trägt der empfindsame Halbstrauch den Zweitnamen ‚Schamhafte Sinnpflanze’, was ihrem wahren Charakter doch viel mehr entspricht. Das Zusammenklappen der Blätter nennt man Seismonastien, also Bewegungen, die auf Druckveränderungen innerhalb der Pflanzenzellen zurückzuführen sind. Diese Seismonastien können sehr schnell vonstatten gehen und werden meist durch bereits erwähnte Erschütterungen oder Berührungen ausgelöst. Aber auch Hitze oder Verletzungen können Ursachen für die Pflanzenbewegungen sein. Übrigens: Die Mimose klappt auch nachts ihre Blätter in die sogenannte Schlafstellung zusammen… süß!

So, nun aber genug der Infos über das Sinnpflänzchen, das auch unter dem Namen ‚Rühr-mich-nicht-an’ bekannt ist, welcher mich immer ein bisschen an die himmelblaue Romantik eines Vermissmeinnichts erinnert. Mmmmh, duften die eigentlich? Also die Vergissmeinnichts. Gibt es Düfte mit Vergissmeinnicht drin? Weiß das jemand von Euch? Waaah, jetzt aber nicht die falsche Abzweigung im duftenden Domino nehmen! Wieder zurück zu unserem Ausgangssteinchen. Die Duftnote Mimose stellt nämlich in keinster Weise der Widerspenstigen Zähmung dar. Den Namen Mimose tragen mehrere Pflanzen. Zum einen gibt es die bereits erwähnte Schamhafte Sinnpflanze oder Echte Mimose, ein Halbstrauch, der in Südamerika beheimatet ist, mittlerweile aber auch nach Südeuropa eingeschleppt wurde. Zum anderen gibt es die Falsche Mimose oder auch Silber-Akazie. Diese ist zwar entfernt verwandt mit der Echten Mimose, kommt aber ursprünglich aus Australien und ist als Baum viel gewaltiger als das halbstrauchige Sinnpflänzchen. Die Blätter der Silber-Akazie sind ebenfalls gefiedert, besitzen aber keine seismonastischen Fähigkeiten. Aus den äußerst dekorativen, goldgelben Blütenbüscheln dieses Baumes vom Kontinent der Känguruhs und Koalas wird das Mimosen-Absolue hergestellt, das uns durch seinen intensiven grünlich-floralen Geruch ins so mancher Duftkomposition betört.

Eine weitere Akazienart und damit unser nächstes Duftspielsteinchen (na, wer hat mitgezählt? Beim wievielten sind wir bisher?) ist die Süße Akazie oder auch Cassia. Ursprünglich im tropischen Amerika beheimatet ist dieser kleine Baum oder Strauch zwischenzeitlich auch in vielen anderen Regionen der Welt zu finden, unter anderem auch in Spanien und Frankreich. Aus den gelben intensiv-duftenden Blüten wird das Cassia-Absolue gewonnen, dessen würziger, floral-fruchtiger Duft gerne in Verbindung mit Jasmin- und Rosennoten eingesetzt wird. Als prominentes Beispiel aus dem ALzD-Sortiment wäre hier Humiecki & Graefs Ode an die Mutter zu nennen: Clemency.

Klack, das nächste Steinchen fällt und trifft auf eine Duftnote, die namentlich der eben genannten Cassia zum Verwechseln ähnlich ist: die Zimtkassie. Aus den Blättern, Zweigen und der Rinde der Zimtkassie wird ein ätherisches Öl hergestellt, das unter dem Namen Chinesisches Zimtrindenöl bekannt ist und einen würzig-süßen Zimtgeruch verströmt.

Um der Verwirrung noch ein duftendes Krönchen aufzusetzen, bringe ich noch einen weiteren Namensvetter mit ins Spiel: Cassis. Jeder der schon einmal einen Kir oder Kir Royal gesüffelt hat, kennt den gleichnamigen Likör aus schwarzen Johannisbeeren. Der französische Name der schwarzen Frucht aus der Familie der Stachelbeergewächsen klingt recht mondän. Eher einfallslos erscheint dagegen der deutsche Name schwarze Johannisbeere. Und bei unseren Freunden in den Alpenrepubliken bezeichnet man Johannisbeeren ganz allgemein als Ribisel (Österreich) und Meertrübeli (Schweiz). Im Gegensatz zum Likör wird der schwarze Johannisbeeren-Duftstoff nicht aus den Früchten der Pflanze hergestellt, sondern aus den Blattknospen. Nichtsdestotrotz besitzt der Duftstoff einen ebenso kräftigen wie charakteristischen Johannisbeergeruch. Mmmmh, lecker! Und das finde nicht nur ich, sondern auch die Damen und Herren von Borsari 1870, die die schwarze Johannisbeere in einem Duft ihrer Arte-Kollektion ganz sommerlich-frisch mit Zitronengras vergesellschaftet haben. Der eifrige Blogleser wird sich erinnern, dass Uli hat vor ein paar Wochen bereits darüber berichtet hat.

Tja, wer so lecker riecht braucht sich über Trittbrettfahrer nicht zu wundern. Der mit den Zitrusfrüchten verwandte südafrikanische Buccostrauch (auch Buchu oder Duftraute) verströmt einen intensiv-fruchtigen schwarzen Johannisbeerduft mit minzigen Anklängen. Oder besser, das aus seinen Blättern gewonnene ätherische Öl duftet danach. Zu finden ist diese Ingredienz zum Beispiel in Byredos Bal d’Afrique.

Von Bucco komme ich zu Boldo und damit zum letzten Duftspielstein unseres Dominos. Der Boldostrauch ist in Südamerika beheimatet, kann bis zu sechs Meter hoch werden und entwickelt stark duftende weiße oder gelbe Blüten. In der dortigen traditionellen Volksmedizin werden die Blätter des Boldostrauches gegen Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt und als Gewürz verwendet. Die Parfumindustrie schätzt das ätherische Boldoblätteröl aufgrund seiner fruchtig-floralen Würze. Anscheinen erinnert es an Heidelbeeren. Mmmh, bisher ist es mir noch nicht unter’s Näschen gekommen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 🙂

Einen schönen Tag wünscht Euch,

Eure Stephanie.

Bildquelle: Domino von Guido Ric und Süße Akazie von Maksim –  some rights reserved. Vielen Dank!

Neueste Kommentare

Stephanie Biró Geschrieben von:

Bereits 2010 gingen so einige Blogbeiträge auf mein Konto. Dann war ich „kurz“ weg – sechs Jahre. Umso mehr freut es mich, dass ich nun wieder die Chance bekomme, mein Näschen im Dienste der Duftrezension schnuppern zu lassen und eifrig in die Tasten zu hauen. Was Nischendüfte angeht, habe ich damals übrigens schnell Feuer gefangen. Meine Ausbildung tat dazu ihr Übriges: Als diplomierte Biologin kenne ich mich nicht nur mit Fauna und Flora, sondern auch recht gut mit der Herstellung von Ölen und Extrakten aus, was den Reiz der Parfumwelt natürlich noch größer macht.

7 Kommentare

  1. Christiane
    2.Jun 2010
    Antworten

    Eine tolle Idee und brillant umgesetzt – ich freue mich auf die nächsten Steine und damit verbundenen Wissenszuwachs und Schnupperanregungen.
    12 points heute für Stefanie!

  2. Margot
    2.Jun 2010
    Antworten

    Hallo Stephanie,

    Hat riesigen Spaß gemacht diesen Artikel zu lesen. Schließe mich Christiane an und vergebe 12 points!
    Wenn Du nun noch gefragt hättest: „So liebe Leser, und welcher Duft verbirgt sich dahinter? “ Wäre doch ein SUPER-Ratespiel und eine SUPER Herausforderung für die SUPER-Nasen unter den Blog-Lesen.
    LG,
    Margot

    • Steffi
      2.Jun 2010
      Antworten

      Liebe Christiane, liebe Margot,

      vielen, vielen Dank für die Blumen. Das geht ja runter wie Öl. 🙂
      Es hat auch richtig Spass gemacht den Artikel zu schreiben. Ich glaube, das merkt man auch beim Lesen. 🙂

      @ Margot: Das mit dem Ratespiel ist in der Tat eine Idee. Keine Sorge, es gibt noch genug Duftnoten, bei denen Schein und Sein deutlich auseinanderdriften. Fragt sich nur wie sich so ein interaktives Ratespiel umsetzen ließe… Mmmh, mal Gedanken machen! Auf jeden Fall Danke für den Denkanstoß! Für kreative Einfälle bin ich immer offen! Für sonstige natürlich auch 😉

      Liebe Grüße aus dem Dauerregen (wo bitte ist das mir versprochene quasi-mediterrane Klima am Bodensee??),
      Steffi

  3. Duca
    5.Jun 2010
    Antworten

    Danke für den sehr informativen und interessanten Bericht! Ich freue mich auf weitere Dominoduftsteine

    lg
    Duca

  4. monica
    7.Jun 2010
    Antworten

    hallo an die supernasen mit bitte um hilfe für folgende tagesaufgabe:

    suche für einen 30 jährigen, naturburschen vom lande,körperlich schwer arbeitend,nur etwas sportlich,aber mit viel bewegung um sich herum, einen „einfachen, spritzigen “ duft, also nichst synth., keinen pudrigen Duft, kein moschus etc.( trägt bisher david. cool water)und vanille mag er gar nicht. könnt ihr mir helfen? wünsch euch einen schönen tag.monica

  5. Ulrike
    7.Jun 2010
    Antworten

    Hallo liebe Monica,

    das bekommen wir garantiert hin 😉
    Bin unterwegs, melde mich aber im Laufe des Tages rück – mit Ideen natürlich 🙂

    Liebe Grüße,

    Ulrike.

  6. Ulrike
    8.Jun 2010
    Antworten

    So liebe Monica, melde mich zurück mit Tipps für den jungen Burschen 🙂

    Ein „einfacher spritziger Duft“ soll es sein und bisher ist es Cool Water, ergo eine eher aquatische Nummer. Das heißt, es sollte eher etwas aquatisches sein und/oder zitrisches.

    Da kommen mir natürlich gleich diverse Colognes in den Sinn: An aquatischem fällt mir als allererstes Mirra e Anice Stellato aus der Borsari Arte Kollektion ein – ein aquatisch anmutendes, herrlich frisches dynamisches Cologne für eher jüngere Männer. Das müßte ihm sehr sicher gefallen. Wie wäre es dann z.B. mit Acqua di Parmas Colonia Assoluta oder Colonia Intensa – letzteres mit leichten Wildledernoten auf holzig-zitrischem Grund. Carthusias Uomo sowie der neue 1681 dürften definitiv auch einen Test wert sein.

    Zitrische Kandidaten wären auch Diptyques Unisexduft Oyédo, Czech & Speakes Citrus Paradisi und Histoires de Parfums Jules Verne 1828. Ein weiterer schöner maskuliner aquatisch-meeriger Kandidat ist Sel Marin von Heeley.

    Auch bei Creed findet sich sicher etwas – Erolfa z.B. könnte sehr gut passen. Vielleicht wäre auch Original Vetiver etwas, überhaupt könnte ein leichter Vetiver mit zitrischen Akzenten auch eine Idee sein – vielleicht die leichte Interpretation von Nicolai, aus deren Linie Baladin auch etwas sein könnte. Was leichte Vetiverdüfte angeht würde mir spontan noch Fantastic Man von Byredo in den Sinn kommen, obgleich dies kein monothematischer Vetiver ist. Aber ein sehr tragbarer, junger und ziemlich außergewöhnlicher Duft. Darüber hinaus käme auch The Different Companys Sel de Vetiver in Frage, ein krautig-salziger Vetiver, der an Meerluft erinnert.

    Ich hoffe, Dir damit etwas geholfen zu haben? Halte uns mal auf dem Laufenden 🙂

    Liebe Grüße,

    Ulrike.

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