Von meinem Dufterlebnis mit Maybach…
… hatte ich gestern bereits angefangen zu erzählen. Auf Einladung der „Society & Technology Research Group” war ich nach Sindelfingen zur Daimler AG gereist, um mir dort bei einer Fahrt ins Grüne die Duftkugel, die erfolgreichste Sonderausstattung des Maybachs, zu Gemüte zu führen.
Auf der Mittelkonsole im Fond angebracht sitzt das Paradebeispiel einer, genauer: der ersten geglückten Automobilbeduftung. Eine Acrylglaskugel, die sich mit einem mundgeblasenen Flakon bestücken lässt, und dann mittels eines sogenannten Bypass-Systems den Fahrzeuginnenraum mit bedufteter Luft anreichert. Das funktioniert völlig lautlos – per Knopfdruck.
Auch hier hat man sich einige Gedanken gemacht: Die Duftintensität ist variabel und mittels Rändelrad frei wähl- und einstellbar. Weil die menschliche Nase Düfte alsbald adaptiert und, sobald sie zur Gewohnheit geworden sind, ignoriert, schaltet sich die Anlage nach zehn Minuten automatisch aus, woraufhin nach wenigen Augenblicken auch der Duft verschwindet. So lässt sich der Duftgenuss ganz auf die Bedürfnisse, das Verlangen und die Nase des Benutzers abstimmen. An der Kleidung verbleiben natürlich keinerlei duftende Rückstände, was ich nur bestätigen kann. Schade eigentlich, denn ich glaube, dass Euch die Düfte sehr gut gefallen würden…
Was für Düfte sind es denn, die in der Duftkugel verwendet werden? Ganz abgesehen davon, dass jeglicher Duft hier zum Einsatz kommen kann, die Duftkugel also den höchsten Grad an Individualisierbarkeit hat, den sie haben kann, liefert Maybach zwei Düfte mit der Duftkugel aus, die auch über ein spezielles Fach im Rücksitz verfügen – eine Schatzkammer, wie ich meinen möchte. Drei Wechselflakons werden mit der Anlage ausgeliefert, die extra dafür von einem regional ansässigen Künstler, dem Glasbläser Michael Schwarzmüller aus Karlsruhe, gefertigt werden.
Das Duftkonzept wurde, wie ich gestern schon erwähnte, im Hause selbst ersonnen, ein Aspekt, den ich höchst bemerkenswert finde und der die Philosophie der Daimler AG widerzuspiegeln scheint: Man gibt nichts außer Haus, sondern entwickelt selbst – und greift dann auf die Hilfe von externen Experten zurück. Dieselben waren im Falle der Beduftungsanlage unter anderem Roman Kaiser, Aromastoffchemiker bei Givaudan und Buchautor, sowie Ursula Wandel, Parfumeurin bei Givaudan, die auch die Düfte kreierte.
Die Zielsetzung war sehr nachvollziehbar: Ein Duft sollte „easy to like“ sein, wie Engelhardt sich ausdrückte, etwas sein, das jeder als angenehm empfinden solle. Eine schwierige Aufgabe, bedenkt man, dass Daimler als europäisches Unternehmen weltweit tätig ist und gerade Maybach-Kunden aus aller Herren Länder besitzt, alle mit unterschiedlichen Wurzeln, aus unterschiedlichen Kulturen stammend und somit über andere olfaktorische Prägungen verfügend.
Und doch ist es gelungen: Schlicht „Citrus“ genannt ist der Duft, der sich dahinter verbirgt, längst nicht so eindimensional wie der Name. Transparent ist er in der Farbe und Transparenz ist auch sein Motto: Er erfüllt binnen weniger Augenblicke den Raum, umfängt mich geschmeidig und ich vermag zu verstehen, wie gut die Idee aufgegangen ist. Citrus hat keinerlei Kanten, ohne dass es ihm jedoch an Tiefe mangelt: Hesperidische Frische atmend weckt er die Lebensgeister, ohne allzu forsch dabei vorzugehen – Zitrone, Bergamotte und, wie ich meine, Limette, die meiner Nase nach zu urteilen auf hauchfeinen Aromen grünen Tees angerichtet sind. Schwer macht er es einem, ihn ingredienzentechnisch zu packen… Trotzdem liegt in jedem Falle Moschus darunter, weich und wattezart, ohne sich aufzudrängen. Die Sauberkeit mit einer Ahnung Holz lässt mich auf Zeder tippen, die mit einer Ahnung Vanille zart untermalt sein könnte, von einem unidentifizierbaren Hauch Blüte begleitet.
Ein überaus gelungener Spagat: Ein Duft für jedermann, der aber kein Jedermann ist. Ein Duft, der gefällt und gefällig ist, ohne flach zu sein. In meinen Augen ist dieser Vorsatz geglückt.
Duft Nummer Zwei geht in eine ganz andere Richtung – und war auch genau so konzipiert: Einen Duft wollte man haben, der die Einzigartigkeit der Marke unterstreicht, deren Geist einfängt. Die Konsequenz aus diesem Anspruch war in meinen Augen schon klar, als man mir davon erzählte – es musste ein Oudduft sein. Oud als teuerste Ingredienz der Welt für eine der teuersten Limousinen der Welt – welches Material könnte Luxus und Historizität besser ausdrücken? Vor allem in Anbetracht dessen, dass ein großer Teil des klavierlackbeschichteten Interieurs aus Edelholz besteht. Geschmacksache, mit Sicherheit – zum Auto aber passt es, und zum Kunden auch: Ich hatte vorher geraten – der durchschnittliche Maybachkunde ist männlich und Ende 50. Im übrigen sind es meist die Frauen, die die Sonderausstattung bestimmen – vielleicht auch ein Grund, weshalb die Duftkugel sich so reißenden Absatzes erfreut. Ich würde sofort eine nehmen, bezweifle aber, dass sie mir jemand in mein Konkurrenzgefährt einbauen mag ;)
Kommen wir aber zurück zum Oudduft, der unprätentiös „Agarwood“ getauft wurde, es aber in sich hat: Zuallererst hielt ich ihn im Wagen für eine relativ zahme Oudinterpretation, was ich rückblickend aber korrigieren muss. Agarwood hat – Schmackes, mit Verlaub. Und schon wieder imponiert mir Maybach, nämlich mit der Auswahl dieses Duftes – dessen Markanz und der Mut dazu finde ich bravourös. Eine Marke, die auf eine so lange Geschichte zurückblicken kann und sich ganz klar dem Luxussegment zuordnen lässt, die sollte Gesicht und Persönlichkeit zeigen. Und einen Duft von Gewicht wählen, von Aussagekraft – kein identitätslos-austauschbares Wässerchen. Format, bitteschön. Und das hat Agarwood ohne Zweifel: Die medizinischen Facetten hat man zwar etwas ausgeblendet, dafür hat man eine andere Seite des Ouds herausgearbeitet, die nicht minder typisch ist – die rauchig-harzig-holzige. Diesbezüglich knistert und rauchschwadet Agarwood unübersehbar, schwelt und glüht, von einer samten-süßen, vermutlich durch Harze veredelten und maskulin-würzigen Basis untermalt. Bittersüß wirkt er auf eine Art, von Anflügen von Tabak begleitet und von einer subtilen Ledernote vollendet.
Ein gewagter, aber dennoch klassischer Duft für ein Herrenzimmer – was der Maybach, mit Verlaub und Pardon für die Saloppheit, ja auch irgendwie ist. Ich jedenfalls habe es mir darin überaus gerne gemütlich gemacht und könnte mich sogleich sehr gut daran gewöhnen.
Etwas Vergleichbares gibt es in der Tat auf dem Parfummarkt nicht, allerdings entdecke ich entfernte Ähnlichkeiten mit einem Wunschkind aus der Liaison von by Kilians Pure Oud und Nasomattos Black Afgano.
Sollte also letzterer einmal wieder vergriffen sein Ihr Lieben – dann würde ich Euch einfach empfehlen, Euch einen Maybach zu leisten. Dieser bietet mehr als vollwertigen Ersatz ;)
Herzlichst, Eure Ulrike.































