Nachdem ich euch in meinen letzten Beiträgen – Tonka Hysteria von D’Orsay – oder wie ein Dufthaus sich neu erfindet und Flower Lust und Rose Blaze von D’Orsay – Duftende Blumengrüße zum neuen Jahr – bereits die Marke selbst sowie die ersten drei Kreationen vorgestellt habe, möchte ich nun diese kleine Serie zum Label D’Orsay mit Incense Crush und Holy Berry abschließen. Heute könnte es ein wenig sakral werden, denn Incense, also Weihrauch, ist ja das Kirchenräucherwerk schlechthin und die Beeren unseres zweiten Kandidaten heute sollen heilig sein.
Incense Crush – Kühle Liebe
Incense Crush, unser erster Kandidat am heutigen Tage, wurde von dem Parfümeur Julien Rasquinet geschaffen, der als eine Art Liebestrank zur Verführung gedacht ist. Wir erinnern uns: Dieses Thema begegnete uns bei D’Orsay bereits bei Flower Lust von Dominique Ropion – eine spannende würzig-süße Melange aus Orangenblüte, Ylang-Ylang, Tonkabohne und Pfeffer. Doch die Version von Julien Rasquinet dürfte so gänzlich anders ausfallen, denn er vereinte die Ingredienzien Gewürznelke, Kardamom, Leder, Weihrauch, Zedernholz, Eiche und Vetiver.
„Ich wollte, dass dieses Parfüm von der Begegnung zweier Seelen erzählt, die sich verlieben. Eine äußerst sinnliche Komposition, in deren Mittelpunkt Weihrauch steht, der allgemein eher als mystische Substanz wahrgenommen wird, während ich ihn tatsächlich als unglaublich sinnlich empfinde.“
Der französische Parfümeur Julien Rasquinet wurde 1983 geboren und an der bekannten ISIPCA in Versailles ausgebildet. Nach Stationen bei Robertet und Firmenich arbeitet er seit 2016 als Parfümeur bei IFF. Bekannt ist er unter anderem für Kreationen wie Ambre Safrano für bdk Parfums, Bois d’Ascèse für Naomi Goodsir oder Cerana für Nectar Olfactif. Seine Düfte wirken oft komplex und konzentriert, mit spürbarer Tiefe und einer besonderen Vorliebe für harzige und holzige Facetten.
Wie duftet Incense Crush von D’Orsay?
Dunkles Leder – glatt, kühl und knarzig – trifft auf trockene Eichennoten und die rauchigen Facetten des Weihrauchs und evoziert so eine meditative, sakral anmutende Melange, die mich an Lagerfeuer, an Asche, an Klostermauern erinnert. Die Farbe Grau ist vorherrschend, die Stimmung ist düster. Ernst, nachdenklich und ein bisschen melancholisch ist Incense Crush von D’Orsay auch im weiteren Verlauf. Kardamom und Gewürznelke nehme ich als einzelne Duftnote nicht wahr, zu dicht und eng verwoben ist das Trio aus Leder, Weihrauch und Eiche. Nach und nach besänftigt sich die Kreation. Vetiver bringt noch ein paar erdige Facetten in die Komposition und unterstreicht deren Kühle. Sehr subtil und nur im Hintergrund erahnend nehme ich die hellen Holznoten der Zeder wahr, die der harschen Rauchigkeit von Incense Crush ein wenig Einhalt gebieten.
Ist Incense Crush ein Duft für Nischenneulinge?
Eine schwierige Frage. Einerseits mag es Einsteiger im Nischenduftmetier geben, die sofort hin und weg sind von der besonderen Ausrichtung dieses Extrait de Parfum. Allerdings sehe ich die Kreation eher als einen Duft für Connaisseurs, für Kenner der Szene, die mit so einem Weihrauch-Eiche-Leder-Kaliber umzugehen wissen und seine wundervolle Komposition schätzen. Incense Crush ist ein Statement, kein Duft fürs Büro oder den Alltag, sondern einer, den man am Abend, zu besonderen Anlässen oder genau dann tragen sollte, wenn man ein Zeichen setzen möchte. Harsch, trocken, rauchig und von Anfang bis Ende komplett ohne Süße auskommend, überzeugt das Extrait de Parfum mit einer mittleren bis starken Präsenz und einer ausgezeichneten Haltbarkeit. Ein rauchig-holziger Lederduft für alle, die das Besondere und Ausgefallene lieben.
Holy Berry – Heiliges Beerchen!
Holy Berry sollte gänzlich anders geartet sein als Incense Crush. Der IFF-Parfümeur Tanguy Guesnet ist für mich bislang noch unbekannt. Was ich herausfinden konnte: Bereits in frühen Jahren, im Alter von fünf oder sechs, beobachtete er die Verkäufer in einer Parfümerie dabei, wie sie Düfte auf Teststreifen sprühten. Die besonderen Gerüche und die Ästhetik dieser Szenerie beeindruckten ihn dabei so, dass er schließlich Parfümeur werden wollte. Er bezeichnet sich selbst als Genussmenschen. Auf einer Reise nach China wohnte er der Ernte von Geranium bei, was ihn maßgeblich inspirierte und wenn er es mit dem Parfumhandwerk nichts geworden wäre, hätte er sich als Tennisspieler oder Barkeeper einen Namen gemacht. Für Holy Berry mixte er die Ingredienzien Erdbeere, Milch, Kardamom, Iris, Jasmin, Adlerholz (Oud), Vanille und Sandelholz zu einem „Gefühl der sofortigen Sucht und des puren Vergnügens“.
Wie duftet Holy Berry von D’Orsay?
Saftig-süße Erdbeeren vereinen sich im Auftakt von Holy Berry mit milchig-cremigen Facetten und grünlich-würzigem Kardamom – kraftvoll, prächtig, ein wahrer Genuss. Das Oud bringt fein-holzige Rauchnuancen in die Komposition, zeigt sich insgesamt aber eher zurückhaltend und wenig dominant, während das Sandelholz für warme, liebliche und ambriert anmutende Momente sorgt. Die Erdbeerfruchtigkeit bleibt ebenso wahrnehmbar wie die milchigen Noten, wodurch sich eine süße, cremige und holzig-fruchtige Melange ergibt.
Ist Holy Berry ein Gourmand?
Ich würde das Extrait de Parfum als Fruity Oud bezeichnen, denn einen Dessert-Charakter würde ich der Komposition nicht zuschreiben. Wer Erdbeere in Düften liebt und auch milchigen Akzenten nicht abgeneigt ist, für den könnte Holy Berry durchaus das Richtige sein. Das Oud empfinde ich persönlich als ausgewogen dosiert. Überhaupt ist die Komposition sehr harmonisch. Keine Duftnote sticht heraus oder übertönt die anderen. Ich sehe das Extrait de Parfum eher in der kühleren Jahreszeit, ohne es dabei als klassischen Kuschelduft einzuordnen. Mit einer mittleren Präsenz und einer guten Haltbarkeit ist Holy Berry ein guter Begleiter in Alltag und Freizeit.
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