Angel’s Dust – Francesca Bianchis Engelstaub …

… triggert selbstredend hinsichtlich des Namens: Als Kind oder vielmehr Teenager der Neunziger Jahre fühle ich mich sofort erinnert an Faith No Mores ikonisches Album, an das herrliche Cover von Commodores Easy und die anderen schönen Titel. Noch mehr Neunzigerkinder hier? 😉

Mit Angel’s Dust hat sich Bianchi aber einem ganz anderen Thema angenähert als dem der Musik, einem, das sich in der Welt der Düfte einer großen Beliebtheit erfreut – dem Boudoir …

Pudrig-feminine Verführung – Angel’s Dust …

„Dieser Duft erinnert an ein elegantes Boudoir, das die Aromen von Holz, Gesichtspuder und Lippenstift verströmt und wurde geschaffen, um zu verführen. Eine Verbindung von Blüten, Moschus und Mysore-Sandelholz macht Angel’s Dust zuerst pudrig, samtig und unschuldig. Einige orientalische Harze verbreiten dann jedoch einen ganzen Schwung an dekadenter Sinnlichkeit.“

Kopfnote: Schwarzer Pfeffer, Mimose
Herznote: Rose, Iris
Basisnote: Moschus, Sandelholz, Tolubalsam, Benzoeharz, Vanille

https://pixabay.com/de/photos/make-up-b%C3%BCrsten-make-up-artist-2824659/

Soweit so gut, die offizielle Duftbeschreibung. Allerdings gibt es seitens Bianchi zu ihrem Duft auch einige interessante Anmerkungen, und zwar zu ihren Inspirationsquellen. Sie betont, dass sie sich durch einige Filme sowie Düfte zu der Kreation von Angel’s Dust animieren ließ. Was die Filme angeht, erwähnt sie diese – im Plural – nicht weiter – schade, das hätte mich als alten Filmnerd nun wirklich brennend interessiert. Einen Film allerdings gibt sie an – Sofia Coppolas Marie Antoinette (2006):

Die Kritiken zu Marie Antoinette waren im übrigen sehr durchwachsen: viele störten sich daran, dass der Film die namensgebende Protagonistin als eine Art Pop-Königin inszeniert, ein It-Girl, party- und verschwendungssüchtig und dementsprechend in schönen Bildern schwelgt. Seine visuelle Pracht allerdings verschweigt bewusst, entgegen dem, was man von herkömmlichem Historienkino kennt, die Schattenseiten, die mitunter dreckigen der damaligen Zeit und zeigt sich im Großen und Ganzen auf eine Weise eher modern (das Kostümdesign ist aufwendig, aber nicht unbedingt komplett an historische Vorbilder angelehnt, die Musik ist modern usw.). Dennoch ist es ein schöner Sonntagsfilm (ich liebe derlei an regnerischen Sonntagen ;)), den man sich durchaus auch noch über ein Jahrzehnt später zu Gemüte führen kann.

„Ich mag offenbar den Rokoko, aber besonders in diesem Film die Weiblichkeit, die gezeigt wird: Schuhe, Sünden, die Libertinage, Kuchen und die absolute Unbekümmertheit ohne jegliche Schuldgefühle.“ – Francesca Bianchi

Bezüglich der Düfte hält sich Bianchi weit weniger bedeckt – sie benennt Frédéric Malles Klassiker Lipstick Rose, den sie als „wunderschön“ bezeichnet und als Erinnerung oder vielmehr Zitat von Make-up, was ja auch das Vorhaben des Parfumeurs Ralf Schwieger war. Putain des Palaces von den Parfum-Pop-Art-Krawallos von État Libre d’Orange ist ein weiterer Duft, auf den sie verweist – „nicht so sehr wegen des Duftprofils, sondern wegen der sinnlichen Gegenüberstellung von äußerst weiblicher Verführung und dekadenter, schmutziger Sinnlichkeit – und der Rokokostimmung.“

Geklaut auf Francesca Bianchis Instagram-Account

Von einem“ federleichten Hauch“ ist die Rede bei Bianchi, einem, der zugleich „verführerisch, gewagt und lasterhaft“ sein sollte – ihr Ausgangspunkt bei der Schöpfung von Angel’s Dust. Die Vintage- oder vielmehr Retro-Facetten des Duftes waren und sind ihrer Meinung nach unverzichtbar – eine notwendige Konsequenz ihrer Vorstellung von der Form, der Ausprägung von Weiblichkeit in längst vergangenen Zeiten: Frauen, die über ein Boudoir verfügten, jenes mysteriöse Ankleide- und Schminkzimmer, das nicht nur einen Rückzugsort darstellte, sondern quasi das „Arbeitszimmer“ der Damen. Stundenlang brachten diese dort damit zu, sich zu hegen und zu pflegen, sich zu cremen und zu pudern, weil Schönheit, Anmut und Verführung(skunst) damals für eine Frau Macht bedeutete, Einfluss möglich machte. Gott sei Dank ist das heute nicht mehr der einzige Wirkungsbereich, der uns zur Verfügung steht …

https://pixabay.com/de/photos/frau-m%C3%A4dchen-modell-gesicht-lippen-1281830/

Puder, Rosen und Iris, das ist selbstredend die Grundlage für einen Boudoir-Duft – Körperpuder, Lippenstifte und Co. dufteten schon früher danach, tun es auch heute erfreulicherweise noch zum Teil, Tendenz steigend. Bianchi gibt an, dass sie, um die „schmutzige Seite sinnlicher Erfahrungen“ widerzuspiegeln, ihrer Kreation noch eine Mischung aus Harzen zu gönnen. Ein Fan erwähnte wohl Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos‘ Briefroman Les Liaisons Dangereuses, Gefährliche Liebschaften, einem der besten Werke und Klassiker der französischen Literatur der damaligen Zeit – und Bianchi bestätigt, dass sie exakt jene vornehme und zugleich lasterhafte Atmosphäre im Kopf hatte.

„Viele haben Angel’s Dust mit einigen mythologischen Düften von Guerlain verglichen. Ich fühle mich von dem Vergleich geehrt, könnte aber niemals auch nur daran denken, etwas solch Perfektes zu erschaffen.“ – Francesca Bianchi

Putain des Palaces ist toll, Lipstick Rose natürlich erst recht und die Guerlain-Vergleiche oder -assoziationen machen noch neugieriger … Ich bin ehrlich gespannt, gibt es doch auch so einige Boudoir-Düfte und/oder Puderkreationen, die ich extrem gerne mag. Lipstick Rose gehört auf jeden Fall dazu, darüber hinaus Ombre Rose von Brosseau, einer meiner Nischeneinstiegsdüfte und last but not least – 1889 Moulin Rouge von Histoires de Parfums, erklärtermaßen mein absoluter Liebling.

Angel’s Dust beginnt … opulent, und zwar im Sinne von raumgreifend. Das Harzbett (oder sollte ich in diesem Zusammenhang lieber von Recamière sprechen?) ist schon zu Beginn deutlich zu erahnen, während es noch pfeffert – man merkt es gleich, es wird später deftig. Die Pfeffernote ist kokett und auf meiner Haut überaus ausgeprägt und schwarz. Sie kitzelt meine Nase neckisch, während im Hintergrund zarte Mimosen blühen und sich Anklänge von Puderhonig ins Bild wabern. Während ich noch auf die Boudoir-Protagonisten warte, sind sie auch schon da – das Iris-Veilchen-Duo pudert, was das Zeug hält und cremt. Auf meiner Haut hält sich diese Seite des Duftes aber immerzu die Waage mit der pfeffrig-harzigen Seite, die für die körperlich-sinnlichen Aspekte des Duftes steht. Man kann es ruhig sagen: es geht um eine sexuelle Komponente, die mit dem Begriff der „Erotik“ auch nicht annähernd optimal beschrieben ist, weil wir es hier in der Tat mit verhalten rauchigen, darüber hinaus aber ebenfalls relativ animalisch anmutenden Anklängen zu tun haben. Brave Lingerie in Weiß? Wohl eher nicht, hier geht es zur Sache, meine Damen 😉

https://www.pexels.com/photo/adult-black-and-white-body-female-415314/

Angel’s Dust ist alles, aber kein Engel(chen). Ein Puderduft und somit pudrig – ja. Aber eben auch – ein Boudoir-Duft, will sagen: FSK 18. Diese duftende Schönheit hat es faustdick hinter den Ohren und macht definitiv keine Gefangenen. Angel’s Dust weiß, was er kann und was er will – es ist ein olfaktorischer Verführer, eine, obschon oft bemüht, hier aber definitiv treffend: duftende Femme Fatale. Dazu braucht es noch nicht einmal männerfressende Weißblüher, die Harzpuder-Kombi reicht vollkommen aus. Angel’s Dust zeigt in der Tat Vintage-Facetten, ein Retro-Naturell, sein kraftstrotzender und aussagekräftiger Charakter macht ihn zu einem Statement – und zu einem Duft, der sich wirklich nur für Frauen eignet, am besten selbstbewusste, die sich in ihrer weiblichen Haut wohlfühlen und wissen, wer sie sind, was sie erreichen wollen …

In diesem Sinne entschwebe ich mal gen Wochenende und wünsche Euch ein wunderschönes ebensolches – alles Liebe,

Eure Ulrike

 

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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