Parfums CIRO – ein neuer alter Stern am Dufthimmel

Wer sich schon etwas länger und/oder intensiver mit Parfums beschäftigt, wird das Phänomen kennen: Immer wieder stolpert man über Marken, die seinerzeit sehr populär waren, die über Jahrzehnte hinweg zu der olfaktorischen Avantgarde zählten, der Oberliga, Klassiker schufen – und irgendwann verschwanden. Weil der Eigentümer verstarb oder das Geschäft nicht mehr gut lief, weil sie besitzertechnisch durch viele Hände liefen und irgendwann in einem Firmenkonglomerat gelandet sind, das lediglich die Markenrechte hält, die in einer Schublade ganz weit unten schlummern. Als Parfumista könnte man da mitunter heulen. Man liest Sagenhaftes über einen Duft, eine Marke – und hat keine Chance mehr, diesen zu testen. Oder man ergattert irgendwo on- oder offline ein Pröbchen, vielleicht auch einen ganzen Flakon eines Parfums, das zu schön um wahr zu sein ist – und leider nicht mehr erhältlich, weil der Hersteller nicht mehr existiert. Oder man bekommt mit, hoffentlich noch rechtzeitig, dass eine Firma ihren Betrieb einstellt – und kann sich, wenn man rechtzeitig genug dran ist, noch Vorräte seiner duftenden Lieblingspreziosen sichern. So gerade geschehen bei mir, und zwar bezüglich Parfums d’Orsay (Tilleul und der Dandy dürfen mir nie ausgehen) .

Umso erfreulicher ist es, wenn einer jener Marken eine Renaissance gelingt – will sagen: wenn sich ihr jemand annimmt, mit Sinn, Verstand und Herzblut, und sie erneut zum Leben erweckt. Das ist vor Jahren beispielsweise mit Lubin so geschehen, deren Geschichte könnt Ihr in meiner Rezension zu Lubin hier nachlesen. Herrlich, wenn ein „Stück“ Kulturgeschichte gerettet und wiederbelebt wird!

Das dürfen wir dieser Tage auch im Falle einer anderen Marke miterleben – die Rede ist von Parfums CIRO, deren Düfte soeben bei uns im Shop eingetroffen sind und denen wir uns dieser Tage widmen werden.

Parfums CIRO – ein amerikanisch-französischer Dufttraum

Wir schreiben das Jahr 1889, das für die Parfumgeschichte nicht nur deshalb bedeutend ist, weil Guerlains Ikone Jicky lanciert wurde. Es ist auch das Geburtsjahr von Jacob S. Wiedhopf, der als Sohn deutschsprachiger Einwanderer in Brooklyn, New York das Licht der Welt erblickt. Seine Karriere in der Parfumbranche beginnt er früh – als achtzehnjähriger Jungspund bei der Alfred H. Smith Company, die damals Importeur von Kerkoffs Djer-Kiss war, einer Duft- und Kosmetiklinie, die zu dieser Zeit sehr erfolgreich war in den USA. Jener Erfolg war nicht nur den Produkten geschuldet, sondern darüber hinaus auch einer sehr gekonnten Platzierung sowie einem geschickten Marketing, Wiedhopf lernte also früh, „wie der Hase läuft“. 1921 gründete er mit einem Partner die nach diesem benannte Guy T. Gibson Company, mit der die beiden für die von Wiedhopf sehr geschätzte Marke Caron als amerikanischer Importeur tätig wurden. Wiedhopf aber wollte mehr – er hegte den Traum von einer eigenen Marke, so erschienen bereits in den Zwanzigerjahren die ersten Düfte, die er nach seinen Vorgaben kreieren ließ. Ab 1936 lancierte er diese unter dem Namen Parfums CIRO – und eröffnete parallel dazu einen Zweitsitz für die Marke in Paris, und zwar am legendären Place Vendôme. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Duftliebhaber weltweit begeisterten sich für die Kreationen von Parfums CIRO, die in atemberaubenden Flakons präsentiert wurden, unter anderem von Julien Viard designt und von Baccarat gefertigt.

Geklaut bei Parfums CIRO

In der vorletzten Ausgabe der Inside Beauty, für die ich seit Jahren eine Kolumne namens „Duftmanufakturen“ schreibe, habe ich die Marketingkampagnen, die Parfums CIROs Düfte damals begleiteten, als eines Don Draper würdig bezeichnet. Serienliebhaber werden ihn kennen – Draper ist ein Werbewunderkind in der Sechzigerjahre-Serie Mad Men.

Place Vendôme, Paris by Giorgio Galeotti [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Wiedhopf allerdings war damit offensichtlich noch nicht ausgelastet – seine Leidenschaft für Düfte, seine Liebe zu der Parfumkunst ließ ihn noch ein weiteres Werk vollbringen: Er gründete1949 zusammen mit einigen anderen die berühmte Fragrance Foundation und wurde ihr erster Präsident. Für diejenigen, die sich die Frage jetzt stellen: Die Fragrance Foundation ist eine gemeinnützige Bildungseinrichtung der Duftstoffindustrie und verleiht seit Anfang der Siebzigerjahre die Fragrance Foundation Awards. Es gibt selbstredend auch einen deutschen Ableger, der seinen eigenen Preis verleiht – die Duftstars.

Eine jener Begebenheiten, die von der Beliebtheit der Marke künden, fällt auf das Jahr 1955: Im Rahmen einer der berühmten Fashion Shows des New Yorker Luxuskaufhauses Jay Thorpe im The Plaza Hotel nehmen drei der Bestseller von Parfums CIRO eine tragende Rolle ein – Danger, Reflections und Surrender sind Namenspaten von Roben der Eigenmarke Jay Thorpe Originals, die sich von den Düften stilistisch inspiriert sehen und anlässlich der Show publikumswirksam inszeniert werden. Leider habe ich keine Fotos gefunden, die hätten mich selbst brennend interessiert.

Der letzte Duft von Parfums CIRO erschien 1961 – Panorama. Bis dahin hatte das Haus über zwei Dutzend Düfte lanciert. Ich habe ein wenig recherchiert – wenn es sich um den Jacob S. Wiedhopf handelt, wovon ich ausgehe, starb er 1971 in Brooklyn, New York.

A Star is born, again – Parfums CIRO

Gewiefte Parfumistas werden es schon anhand der Homepage von Parfums CIRO und deren Impressum erahnen, wer heutzutage hinter der Marke steht, die ihre neue Heimat in Hamburg gefunden hat. Die Rede ist von Rainer Diersche, einem alten Bekannten, dem Eigentümer und Kreativen hinter LINARI. Der Zufall wollte es, dass Diersche über Parfums CIRO stolperte und sich der Marke annahm, die zu Unrecht verschütt gegangen war. Ein Mann, eine Mission und eine Vision – Parfums CIROs Stern soll wieder leuchten am Parfumhimmel, das hat sich Diersche auf die Fahnen geschrieben.

Sechs Düfte umfasst die Kollektion, die von zwei Parfumeuren kreiert wurden, von Alexandra Carlin und von Alexander Streeck. Carlin (Symrise) ist noch jung, kann aber bereits einige beachtliche Dufterfolge vorweisen wie beispielsweise Honour Woman und Beloved Man für Amouage, Immortelle Tribal für Givenchy, Bloodflower für Parfums Quartana, zwei Düfte für UÈRMÌ, darüber hinaus einiges für Affinescence, Oriflame, Ferrari, Iceberg, um nur einige zu nennen. Alle Düfte tragen die Namen ihrer Vorbilder, jenen Klassikern des Hauses. Ich sage absichtlich Vorbilder, weil die aktuellen Düfte nicht auf den alten Rezepturen basieren, sondern komplette Neukreationen sind, wobei sich die Parfumeure von dem Image der alten Düfte inspirieren ließen, ihren Geschichten.

… das habe ich auch getan, als ich die Texte dazu schrieb – die stammen nämlich aus meiner Feder. Insofern freut es mich, mir heute und morgen mit Euch die Düfte erneut unter die Nase zu klemmen 😉

A Knight in shiny Armour – Chevalier de la Nuit

Parfums CIRO

„Chevalier de la Nuit – ein Duft für moderne Helden und Heldinnen.

Die Nacht bricht herein, taucht alles in ihre tiefe Dunkelheit. Tönt samten und tintenblau. Und schafft so die ideale Bühne für die, die sich ihr verschrieben haben. Sie schwärmen aus, auf der Suche nach Wagnissen oder Zerstreuung, nach Erleben und Vergnügen. Schimmernd heben sich ihre Silhouetten ab von der Finsternis, während sie scheinbar ziellos durch die Straßen flanieren. Ritter der Großstadt und Eroberinnen – ihnen gehört sie, die Nacht mit ihren unendlichen Möglichkeiten. Chevalier de la Nuit ist jenen gewidmet, die sich von ihrer Leidenschaft leiten lassen.

Das Feuer entfacht Chevalier de la Nuit mit rassiger Gewürznelke, die das markante Herz des Duftes ausmacht. Würzig zeigt sie sich wie auch von einer temperamentvollen Schärfe, die von Eukalyptusfrische beflügelt wird. Ihre pudrigen Facetten werden von Iris und dunklem Patschuli betont sowie von Vetiver fein-rauchig veredelt. Hesperidenfrüchte sorgen für dynamisch-zitrische Anklänge, während erlesenes Sandelholz balsamisch untermalt, zusammen mit köstlicher Bourbon-Vanille sachtsüß den Duft vollendend.“

Der Retter in der Not – das trifft insofern auf Chevalier de la Nuit zu, dass er ein exzellenter Begleiter ist, der zu annähernd jeder Gelegenheit kleidsam erscheint. Der Flakon des Vorbilds war damals ein Kracher – ein (von Julien Viard designter) Ritter aus (in der Limited-Edition: schwarzem) Glas mit einem Herz auf der Rüstung, googelt ruhig einmal! Im Blog Cleopatra’s Boudoir finden sich einige alte Anzeigentexte zum Duft, unter anderem dieser hier (Hearst’s, 1928):

„But be she queen or maid, rich or poor, she wants with all her heart to be remembered. Chevalier de la Nuit. the „Knight of the Night“, is a scent of singular individuality, conceived and sealed by Ciro, in Paris. In its fragrance lurks a loveliness quite new. It is haunting, yet elusive — sensuous, yet exquisite.“

Nebenbei bemerkt – bei dem Rüstungshelm des Flakons handelt es sich um einen römischen Montefortino mit sogenannter Crista (Helmbusch). Ich musste nachschlagen, weil sich plötzlich die Frage stellte, wie das fellige Haarbüschel denn überhaupt heißt und wann man es trug 😉 Die Rüstung selbst ist eine Kreuzritterrüstung – ich meine, mich zu erinnern, dass ich während der Recherche zu den Düften darauf gestoßen bin, dass der Flakon, der Duft durch Richard Löwenherz inspiriert wurde. Das würde ja passen, war dieser doch Kreuzritter und man sagt ihm eine schwarze Rüstung nach …

Kommen wir zurück zu unserem edlen Recken – hinter dessen Rüstung aus mentholischem Eukalyptus und subtilem Rauch verbirgt sich eher eine Heldin, der Duft ist unisex mit Tendenz ins Weibliche. Eine stolze Iris im Herzen, in ihrer Pudrigkeit von mysteriösem Patschuli und balsamisch-holzig-warmem Sandel tatkräftig unterstützt. Ein paar Zitrusfrüchtchen (Limette!) sorgen für strahlenden Glanz und Bewegung, während Jasmin sauber cremt , von Vetiver sauber-salzig und pastellgrün bestärkt. Vanille in der Basis sorgt für wohlige, subtil-gourmandige Anklänge.

Chevalier de la Nuit ist ausladend, gleichwohl elegant. Ein leidenschaftlicher, temperamentvoller und sinnlicher Duft, der zugleich Größe zeigt und ausstrahlt, wofür ich in allererster Linie die wie so oft erhabene Iris verantwortlich mache.

Morgen geht es flott weiter mit Parfums CIRO – einen schönen Tag Euch Ihr Lieben!

Herzlichst

Eure Ulrike

 

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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