BLACK TAR – Mit Parfumerie Particulière nach Mexiko …

… zieht es mich heute und ich bin schon mächtig gespannt. Soweit ich das mitbekommen habe, ist unser heutiger Duftkandidat nämlich einer der kontroverseren innerhalb der Kollektion, das kündigt sich zumindest teilweise auch schon im Text an, will sagen – man könnte es vermuten …

BLACK TAR

„The smell of danger on every street corner reminds us that no-one is master of their emotions. Follow the asphalt, Iztapalapa, a dead end. And a beautiful and mysterious woman, forbidden desire … In the whispered roar, she says the words, Black Tar. Poisons have many guises but these may linger even as they grow fainter.“

Die Ingredienzen: Zement, Zedernwacholder oder auch Juniperus oxycedrus, Tuberose, Guajaholz, Vetiver.

Da hat wohl jemand eine Latina den Kopf verdreht, oder nicht? Vielleicht war die Latina auch gar keine echte Frau aus Fleisch und Blut, sondern Mexiko-City, die Hauptstadt von … Das war jetzt nicht schwer 😉 Iztapalapa wird nämlich in der Beschreibung von BLACK TAR erwähnt, siehe oben – es ist ein Stadtteil von Mexiko-City, und in der Tat nicht der unschuldigste. Jener Bezirk entstand 1928, als man die Stadt in einzelne Teilbereiche gliederte – der Name allerdings stammt noch von den Azteken, die bereits dort siedelten. Er bedeutet soviel wie „im Uferwasser“. Das bezieht sich auf den mittlerweile so gut wie ausgetrockneten Texcoco-See, der früher wohl gerne mal über die Ufer trat – heute gibt es aber in exakt diesem Stadtbezirk mitunter kein fließendes Wasser für die Bevölkerung (oder eben welches, das eine „dürftige“ Qualität besitzt), weswegen der Name in meinen Ohren doch etwas ironisch nachklingt. Darüber hinaus ist Iztapalapa wohl bekannt für eine sehr hohe Rate hinsichtlich seiner Kriminalität. Diebstähle, Vergewaltigungen, Drogenhandel, Morde – die Zahlen sind im Vergleich zur restlichen Hauptstadt beziehungsweise deren Teilbezirke in Iztapalapa am höchsten.

Evening at Iztapalapa (Mexico City) by Correogsk/Gustavo Sandoval Kingwergs via Wiki Commons; CC BY-SA 3.0 –> https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de

Ich konnte das jetzt nicht so stehen lassen. Ohne das Bild verfälschen zu wollen, es sind ja die Fakten, ist das, ganz für sich alleine genommen eben doch – tendentiös. Und klischeehaft. Deshalb musste ich ein wenig weiter recherchieren: Der Bezirk beheimatet unter anderem den Cerro de la Estrella National Park, der den gleichnamigen Berg schützt. Dieser wiederum ist spannend, und zwar vor allem in archäologischer als auch insgesamt kultureller Hinsicht: Es finden sich in dieser Region viele Überbleibsel, die im Zusammenhang mit Teotihuacán stehen. Teotihuacán ist natürlich UNESCO-Weltkulturerbe, es handelt sich um eine der bedeutendsten prähistorischen Ruinenstädte Amerikas, berühmt vor allem für die Sonnenpyramide und den Stufentempel. Teotihuacán liegt etwas über 40km weit weg von Mexiko, war aber wohl einmal wirtschaftlich und kulturell dominierendes Zentrum Mesoamerikas – es lebten dort vermutlich bis zu 200.000 Menschen, was die Stadt zur größten ihrer Zeit auf dem ganzen amerikanischen Kontinent macht und zu einer der größten weltweit. Ich möchte nochmal darauf hinweisen: Die Azteken haben Teotihuacán bereits zerstört vorgefunden. Wir sprechen von einer Blütezeit des dortigen Lebens zwischen 100 und etwa 650 nach Christus (falls sich wer fragt: ab da schwand der Einfluss, ab circa 750 nach Christus wurde sie verlassen, warum ist noch nicht eindeutig geklärt). Darüber hinaus ist der Cerro del Estrella als Platz der New Fire Ceremony bekannt, die auf die Azteken zurückgeht. Deren Kalender beziehungsweise Zyklus umfasst 52 Jahre – am Ende desselben veranstaltete man ein fünftägiges Ritual, das sich nach „großem Kino“ anhört: Die Welt war natürlich während dieser fünf Tage in ihrer (Weiter)Existenz bedroht, weshalb man mit Fasten, Opfergaben, rituellem Aderlass, Stillschweigen und anderem dagegen anzugehen versuchte – scheinbar mit Erfolg, die Erde steht, noch. Der Park allerdings ist leider schon geschrumpft seit seiner Gründung – und selbstredend bedroht durch Umweltverschmutzung, Vandalismus und so weiter, die üblichen Verdächtigen eben …

In Teotihuacán sitzt darüber hinaus der größte Fischhandelsmarkt Mexikos sowie einer der größten Nahrungsmittelgroßhändler – von letzterem aus wird so gut wie die ganze Hauptstadt mit Nahrungsmitteln versorgt.

Hunger ist genau das richtige Thema, um wieder zu BLACK TAR umzuschwenken: Hungrig ist hier jemand, ganz offensichtlich nach Abenteuer. Oder „nur“ bezirzt von einer gefährlich scheinenden Sirene auf den Straßen der Stadt … trotzdem oder gerade deswegen, ich muss die ganze Zeit an Alice Coopers Achtziger-Hit Poison denken … Wie war das? „I wanna love you but I better not touch, don’t touch, I wanna hold you, but my senses tell me to stop, I wanna kiss you but I want it too much, too much, I wanna taste you but your lips are venomous poison“ und so weiter und so fort.

… es passt so gut. Genauso wie Cholo Goth, eine „Erfindung“ der Prayers (deren Sänger im übrigen der ganz frisch angetraute Ehemann von Kat von D ist, die ein zauberhaft süßes Paar abgeben) – ich denke bei der düsteren Schönheit, die Euch mit BLACK TAR erwartet an … Gothic. An Gothics. Und weil wir hier in Mexiko weilen, kommt Ihr wohl oder übel nicht um die Prayers und ihre Mischung aus Wave und Oldschool-Hip Hop, Grufti-Chic und Gangsta-Style drumherum 😉

BLACK TAR ist selbstredend eine Granate, keine Frage. Und was für eine Kombination! Tuberose, die Männerfresserin par excellence, die florale Femme Fatale und Vorzeigeverführerin, jene, die keine Gefangenen macht. Narkotisierend, betörend, beschwörend und – bewaffnet. Ein ganzes Arsenal an Waffen, wenn Ihr mich fragt. Mit dieser Frau möchte man es sich nicht verscherzen, sie ist wehrhaft: „Steinig“, betongleich duftet BLACK TAR, nein, es muss genauer werden … es ist Zement. Zement am Abend, in der Nacht – und zwar im Sommer. Sonnengewärmt und langsam abkühlend, seine Hitze an die Umgebung abgebend, strahlend. Teer, dass ein Andy Tauer fast schon neidisch werden könnte (der in seinen Düften sehr gerne einmal Birkenteer verwendet, für die, die sie nicht kennen), Rauchigkeit, die einem mitunter fast die Tränen in die Augen treiben möchte. Das alles kommt im übrigen von dem Cade-Öl, jenem speziellen Wacholder. Und dann ist da wieder – die Tuberose. Piguets Fracas quasi, rosaroter Tuberosenkaugummi in einem derart dunklen, nein, sogar finsteren Rauchgewand … Geil. Anders kann ich das jetzt nicht ausdrücken. Und sicher zehn Mal dreckiger und animalischer, als viele Ouddüfte das so von sich behaupten (wollen).

Ihr werdet es Euch schon denken können, in welche Richtung es geht – Freunde von Abgefahrenerem, von D.S. & Durga oder von BeauFort London, von Andrea Maack und Comme des Garçons und Konsorten haben hiermit Spaß, versprochen. Dass ich dazu gehöre, habe ich ja bereits verraten, mich verraten … dann trolle ich mal mit meiner Räuchertuberose und genieße 🙂

Einen schönen Tag Euch und viele liebe Grüße

Eure Ulrike

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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