Innovationen aus dem Duftlabor – Æther Parfums …

… haben mich letzte Woche schon beschäftigt, allerdings habe ich mich da dann doch eher auf Nebenschauplätzen herumgetrieben: Nische und Mainstream, Natur und Synthetik waren Thema, heute kommen wir schlussendlich zu den Düften, meine Lieben!

Der Name Æther Parfums ist natürlich nicht „einfach so“ aus der (duftenden) Luft gegriffen, der Markengründer und Inhaber Chabot hat sich einen bedeutungsschweren Begriff ausgewählt, einen überaus vielschichtigen – im Press Book ein Überblick über den Bedeutungshorizont:

„[Ete:r] Æther borrowed from classical Latin/Ancient Greek Aither/ from aíthô „burn“/ spiritus aethereus / aithêr („Pure Air, Aether“) (Encyclop. and Encyclop. Brit., Sv ether)

[I] – Speaking of a hypothetical fluid or by reference thereto:

•  [PHYSICS] – Subtlest and highest part of the atmosphere where pure air is found;

•  [METAPHYSICS] – „Fifth Element“ (with fire, air, water and earth), according to Aristotle, the Æther is the matter of the stars, where the soul comes from;

•  [MYTHOLOGY] – According to the ancient Greeks, this subtle fluid is a kind of primordial God. The personification of Heaven in its upper parts, where the air is more pure and warmer and breathed by the gods (as opposed to the Ær breathed by mortals);

•  [POETRY] – Refers to celestial spaces. „But now I, a boat lost under the hair of coves, Hurled by the hurricane into the bird-less ether, I, whose wreck, dead-drunk and sodden with water, neither Monitor nor Hanse ships would have fished up“ (Arthur Rimbaud, The Drunken Boat, 1871).

[II] – Speaking of a chemically defined body

•  [CHEMISTRY] – Very volatile spirit obtained by distilling a mixed acid with alcohol;

•  [MEDICINE] – Colorless liquid with a characteristic odor, used in industry as a solvent and in medicine as an antispasmodic, antiseptic and anesthetic. In particular (Ether used as a narcotic) „You will need some preparation, that is to say a certain habit, to feel in all their completeness the singular effects of ether (…) different from the effects of hashish, the effects of opium and morphine.“ (Guy de Maupassant, Tales and news, Dreams, 1882).“

Maupassant, Rimbaud – haach, damit erreicht mich Monsieur Chabot selbstverständlich! Auf der Webseite seiner neuen Marke kann man einen schönen Kommentar nachlesen, denn Lionel Pailles, Duftkenner, Journalist und Autor geschrieben hat und den ich bereits in meinem Messeartikel zitiert hatte (die Markierungen sind von mir):

„WHENCE COME THESE ETHEREAL, INCISIVE, RETRO-FUTURISTIC POTIONS? COULD THEY HAVE BEEN DESIGNED BY SOME MAD SCIENTISTS A THOUSAND MOONS AWAY?

ether_oxyde NEW LIBRARY OF SCENTS, AETHER IS A CHEMICAL REACTION THAT „FIRES“ THE IMAGINATION AND HEALS HEARTS DISAPPOINTED BY TOO MUCH BOTTLED UP CONFORMITY AND BY THE REALISTIC TROPISM OF PERFUMERY. A CONTEMPORARY PHARMACOPOEIA FOR ADVENTUROUS SOULS IN SEARCH OF SURPRISE, DAZZLE, AS WELL AS CREATION.

AETHER IS A TRIBUTE BY ITS CREATORS TO SYNTHETIC MOLECULES AND THE FRENZY OF CHEMISTRY. OLFACTORY KAMIKAZE, ELEMENTARY MOLECULES EXPLODE EACH OF THE PERFUMES INTO A BIZARRE ABSTRACTION, A BEAUTIFUL STRANGER. THE NOSE, WHICH CLINGS TO NO KNOWN INGREDIENT IS FIRST CAUGHT BY SURPRISE AND THEN SUBMITS TO PURE EMOTION: THE DISCOVERY, THE FIRST DAY, THE FIRST TIME.  IF EACH MOLECULE HAS A RATHER DISTINCTIVE SMELL, WHO COULD GUESS EXACTLY WHAT THE SMELL OF THE ALDEHYDE C12 OR ISO E SUPER WOULD BE?

SOMETIMES A SHIMMERING BUBBLE AND SOMETIMES DAZZLING BEAUTY, THE MOLECULE – THIS ALMOST-NOTHING IN INFINITY – IS THE SACRED YOUNG MUSE OF THE COLLECTION. AT ÆTHER, NO FLOWER-SHOW OR FLIGHT OF LYRICISM AROUND THE HISTORICALLY TRADITIONAL RAW MATERIAL; RATHER THE EVOCATION OF METALLIC VEGETATION, UNKNOWN WOODS, IMPERCEPTIBLE SOUNDS, MOMENTS TO COME … THESE SCENTS OF IMPERIAL FANCY DO NOT ENVY THE WAKE OF OTHERS, BUT PREFER A LUMINOUS HALO, A MAGICAL RING, AN AURA OF HUMOUR AND MYSTERY.“

Beginnen möchte ich mit Ether Oxyde:

Ether Oxyde. FAR AWAY, VERY FAR AWAY, YOU VAGUELY SMELL A BEAUTIFUL FRESH AND CONTEMPORARY WOOD; CLOSER, THERE IS THIS STRANGE „ETHER aCCORD“  (ETHYL ACETATE), A SORT OF GENTLE STEAM, WHICH APPROACHES THE SKIN LIKE A BREATH OF BURNING WOOD (AMBROXAN, Iso E Super). AN EMANATION OF LOVE. „AND IF PEACE HAD A SMELL ?“ SHE ASKED ME, A LITTLE WORRIED. „IT MIGHT BE LIKE THIS“ I REPLIED.“

Die Beschreibung ist – perfekt. Irgendwo weit, weit weg entführt uns gedanklich schon in die Ferne, die hier nichts mit Sonne, Strand, Sand zu tun hat, ganz im Gegenteil. Ether Oxyde ist – hip. Und das meine ich durchweg positiv. Die meisten von Euch werden es die letzten Jahre festgestellt haben was Trends angeht – diese sind sehr oft skandinavisch. Mode, Design, Einrichtung, die Schweden, Dänen und Norweger haben in vielerlei Hinsicht die Nase vorn. Mal farbenfroh, meistens schnörkellos, funktional und trotzdem oder gerade deswegen schön. Ether Oxyde ist ein Schnappschuss, wie er auch in einem der neuen Landleben-Liebe-Magazine mit der speziellen Vorliebe für Handgefertigtes abgebildet sein könnte: Draußen sein, irgendwo in der Natur – am Lagerfeuer oder am Grill oder Grillen am Lagerfeuer, ob nun zu Zweit, mit der ganzen Familie oder auch mit Freunden. Leben, lachen, lieben – könnt Ihr mir folgen? Frieden, ja – ich denke, das sieht nicht nur für mich so aus: Neudeutsche „Quality Time“ mit Menschen, die man als Familie bezeichnet.

Group of red houses, Fjärdlång, Stockholm (Sweden)

Tommie HansenGroup of red houses, Fjärdlång, Stockholm (Sweden)“ via Flickr – CC BY 2.0

Ether Oxyde wartet mit Etwas auf, dass duftet wie … beim Bügeln oder vielmehr in der Nähe vom Bügeln: Wasserdampf, in Kombination mit einem feinen Bügelwasser, bereits abgekühlt und wunderbar frisch, sauber, von einem dezent-seifigen Geruch, vielleicht auch mit ein paar Blümchen verziert. Klar – es ist das Iso E Super, dass einmal mehr mit seiner Vielseitigkeit brilliert. Wie riecht Iso E Super? Nach allem und nach nichts, und das ziemlich gut, meine Lieben 😉 Holzig, floral, fruchtig, frisch, sauber, seifig, seidig, ozonisch-luftig, warm, von einer subtilen Süße – all das wohnt Iso E Super inne und doch fällt es schwer, den Duft genauer zu benennen. Terre d’Hèrmes beispielsweise dürfte auch ziemlich genau wegen diesem Stöffchen so populär geworden sein, denn es gibt vermutlich niemand, der Iso E Super nicht mag.

Iso E Super ist so etwas wie der Frauen- oder besser Menschenversteher, ein Gruppenzusammenschweißer, die kleinste mögliche Schnittmenge. Ambroxan im übrigen auch: Das duftet … leicht, kuschelig, moschusartig, fein-süß und sauber, bisweilen ein wenig animalisch. Beide Stoffe kennt man schon von Escentric Molecules, hier gab es für jedes Molekül einen Duft, sowie von Juliette has a Guns Not a Perfume, das ganz dem Ambroxan gewidmet ist. Ich habe ihn nicht mehr genau im Kopf, insofern bringt ein Vergleich hier vermutlich nicht viel.

Wo waren wir stehen geblieben? Bei dem Wasserdampf, dem lauwarmen. Möchte man Ether Oxyde in ein Bild packen, dann sitzt man draußen mit Natur um sich herum, irgendwo unter Bäumen, im lauen Abendwind in ein Plaid gewickelt, von Ferne weht ein Feuerchen herüber, dass gerade erst entfacht wurde oder schon aus ist (dann könnte es auch ein früher Morgen sein …).

Aufgeräumt, klar, minimalistisch und ein Immergeher, mehr Aura als Parfum – Ether Oxyde wird man schwerlich nicht mögen können.

Spring Arrived

Herbert Shin „Spring arrived, Stockholm“ via Flickr – CC BY 2.0

Bicycle

Sandra „Bicycle“ via Flickr – CC BY-SA 2.0

Weiter geht es mit Citrus Ester:

Abgedroschen, aber trotzdem schön: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, wie es in Hesses Gedicht namens Stufen heißt. Jenen Anfang, der vielmehr ein Aufbruch ist, durch Grapefruit zu symbolisieren. Ihr kennt sie ja, diese Studien, oder? Menschen empfinden Zitrusfrüchte als „jung, jugendlich“ – man schätzt Leute, die nach eben jenen duften wohl im Schnitt ein paar Jährchen jünger. Rhabarberakzente locken natürlich, insofern flugs auf die Haut damit …

Methyl Grapefruit oder besser Methyl Pamplemousse ist wohl in der heutigen Parfumherstellung genauso wichtig wie eine gute schwarze Bluse im Kleiderschrank: Eine Basisingredienz, die vielseitig verwendbar ist und häufig Einsatz findet. Nach Grapefruit duftet sie, klar, nach dem Saft, dem säuerlich-herben, genauso wie nach der hell-gelben Schale, bitter, frisch, sauber (ja, auch!) und von ein paar dunkelgrünen Blättern umrankt, die aber auch von dem Rhubafuran kommen könnten. Dieses bildet strahlenden Rhabarber ab, grün-aromatisch und säuerlich-fruchtig, mit sachte mentholischen Anleihen. Firascone von Firmenich duftet nach Rosen, frisch-fruchtig mit einem Hauch von Safran, ein Damascone Ester, der wohl dem natürlichen Damascone am nächsten kommt. Citrus Ester ist also nicht durchgängig ein Hesperidenobstkörbchen, sondern entwickelt sich zum vollkommenen rosenbekränzten Stillleben.

Rhubarb Bread

l. hillesheim „rhubarb bread“ via Flickr – CC BY-ND 2.0

Jung (oder junggeblieben, das spielt überhaupt keine Rolle), frisch und dynamisch kommt Citrus Ester daher, modern und zeitgemäß, minimalistisch und doch mit einer herausragenden Sillage. Ein schöner Begleiter für das ganze Jahr, den ich definitiv an beiden Geschlechtern sehe. Freunde von Byredos Rose Noir (die alles, nur nicht schwarz ist) oder Rose Ikebana aus der Hèrmessence-Kollektion sind hier ganz bestimmt richtig und dürften gefallen an diesem Duft finden!

Morgen geht es weiter mit den anderen drei Düften – bis dahin alles Liebe,

Eure Ulrike

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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