Rubaiyat von Anatole Lebreton – Rosen, Wein und leise Sinnlichkeit

Mit Rubaiyat entführt uns der französische Parfümeur Anatole Lebreton weit in die Vergangenheit – genauer gesagt ins 11. Jahrhundert. In jene Zeit, in der der persische Mathematiker, Astronom und Philosoph Omar Chayyām lebte. Chayyām war ein Universalgelehrter, dessen Arbeiten weit über seine Epoche hinaus wirkten: Er lieferte bedeutende mathematische Erkenntnisse, wirkte an der Reform des persischen Kalenders mit und beschäftigte sich intensiv mit Fragen von Zeit, Ordnung und Vergänglichkeit.

Rubaiyat von Anatole Lebreton – Parfumflakon vor persischer Miniaturmalerei mit ornamentaler Schrift und floralen Motiven

Neben seinen naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien verfasste Chayyām auch Lyrik. Seine Vierzeiler, die sogenannten Rubāʿīyāt, wurden jedoch erst lange nach seinem Tod einem breiteren Publikum bekannt. Maßgeblich verantwortlich dafür war die freie englische Nachdichtung des britischen Schriftstellers Edward FitzGerald im 19. Jahrhundert, die Chayyāms Gedankenwelt neu interpretierte und zugleich das westliche Bild des Dichters nachhaltig prägte.

Vierzeiler zwischen Zweifel und Hingabe

Die Rubāʿīyāt selbst folgen einer strengen, klaren Form. Jeder Vierzeiler ist in sich geschlossen, verdichtet, oft pointiert. In wenigen Zeilen entfaltet sich ein Gedankengang, der in den seltensten Fällen Antworten liefert und dafür umso häufiger Zweifel sät. Die Gedichte handeln von der Vergänglichkeit des Lebens, der Fragilität von Sicherheiten, von Genuss und Rausch ebenso wie von der Skepsis gegenüber religiösen und moralischen Dogmen.

Charakteristisch für Chayyāms Vierzeiler: Sie changieren zwischen rationalem Denken und sinnlicher Erfahrung, zwischen Erkenntnisdrang und Hingabe an den Moment. Wein, Rosen und Liebe erscheinen dabei weniger als bloße Symbole des Hedonismus, sondern vielmehr als Ausdruck einer stillen, fast schon stoischen Akzeptanz der eigenen Endlichkeit. Ganz nach dem Credo: Nutze den Augenblick, denn das Leben kann allzu schnell vorbei sein.

Orientalisches Stillleben mit offenem Buch, Wein, Granatapfel, Trauben und persischer Miniaturmalerei – inspiriert von Rubaiyat von Anatole Lebreton

Rubaiyat – Rosen und Wein

Mit den Duftnoten Kardamom, Türkische Rose, Wein, Pfeffer, Himbeere, Myrrhe, Cashmeran und Karamell greift der Duft Rubaiyat von Anatole Lebreton das Sujet des Genusses und des Rausches auf, dem sich auch die als Inspiration dienenden Vierzeiler Omar Chayyāms immer wieder widmen. Wein, reife Beeren und üppig blühende Rosen treffen hier auf Gewürze und warme, behagliche Akzente und erschaffen so eine Komposition, die weniger den Exzess als vielmehr die bewusste Hingabe zelebriert.

Rubaiyat von Anatole Lebreton im Test

Helle, luftige Rosennuancen eröffnen den Duft: frisch, zart-floral und mit einer sanft seifigen Klarheit. Kardamom und Pfeffer bringen würzige Facetten ins Spiel, während sich die Rose im weiteren Verlauf mit den süß-säuerlichen Akzenten der Himbeere verbindet. Der Wein fügt der Komposition eine feine Herbe und dunklere Nuancen hinzu, verleiht Rubaiyat Tiefe und Volumen. Die anfänglich unbeschwerte, fast jugendliche Rose scheint dabei allmählich zu reifen. Sie wird sinnlicher, erwachsener, geheimnisvoller. Zum Ausklang treten weiche, umhüllende Noten in den Vordergrund. Cashmeran sorgt für eine ruhige, sanfte Behaglichkeit, begleitet von der sahnigen Süße des Karamells, das dem Duft eine dezente, zurückhaltende Lieblichkeit verleiht, ohne ihn ins Gourmandige kippen zu lassen.

Wer opulente Rosendüfte oder einen dominanten Weingourmand erwartet, wird bei Rubaiyat nicht fündig. Das Eau de Parfum ist leise, ruhig, fast schon nachdenklich. Eine Komposition, die all jenen gefallen dürfte, die fein ausbalancierte, klare und sich nach und nach entwickelnde Kreationen bevorzugen und Rose lieben. Mit einer mittleren Präsenz und einer guten Haltbarkeit, ist Rubaiyat ein Unisex-Duft mit femininer Tendenz, der sich besonders in der kühleren Jahreszeit, aber auch an ruhigen Abenden im Frühling oder Herbst sehr stimmig trägt. Kein Duft für große Auftritte, sondern für Momente der Zurückgezogenheit – elegant, warm und unaufgeregt.

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Julia Biró Verfasst von:

Bereits 2010 gingen so einige Blogbeiträge auf mein Konto. Dann war ich „kurz“ weg – sechs Jahre. Umso mehr freut es mich, dass ich nun wieder die Chance bekomme, mein Näschen im Dienste der Duftrezension schnuppern zu lassen und eifrig in die Tasten zu hauen. Was Nischendüfte angeht, habe ich damals übrigens schnell Feuer gefangen. Meine Ausbildung tat dazu ihr Übriges: Als diplomierte Biologin kenne ich mich nicht nur mit Fauna und Flora, sondern auch recht gut mit der Herstellung von Ölen und Extrakten aus, was den Reiz der Parfumwelt natürlich noch größer macht.

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