Me, myself and I – Ann Ringstrands Ground …

… ist der zweite Kandidaten des Dufttrios aus Schweden, das vor nicht allzu langer Zeit bei uns im Shop gelandet ist. Die Markenvorstelung der Designerin Ann Ringstrand hatte ich bereits gestern hier gepostet, und zwar inklusive Rezension des von mir zuerst unter die Lupe genommenen beziehungsweise unter die Nase geklemmten Duftes namens Gather, der mir persönlich überaus gut gefällt.

Ann Ringstrand beschreibt ihre Düfte in einem Artikel des Ravelin Magazines folgendermaßen:

„They are all about the relationships that are necessary for us. Ground is what we do with ourselves. The feel of being with yourself and just and to allow yourself to be really still. It has a lot of ingredients that are earthy but in a stoney way. It’s more for myself. It’s perfect for a bedroom or wherever things are clean and fresh. The next one is called gather. It’s for everything we have with each other, the relationship we have with our friends. Touch is about the relationship we have with one intimate person. It’s very warm, it’s spicey. I explain it as if you’re a Swedish person and you go on vacation, you want the heat. And in the afternoon when it’s almost four and it’s almost wine time and you sit with the person you love and you touch the person you love, that warmth, is what this scent is all about.“

Alles dreht sich bei Ringstrands Dufttrio um Beziehungen, die wichtig für uns sind. Gather, das (Zusammen)Treffen, bezieht sich auf Gemeinschaft, auf Bindungen, Beziehungen, die wir zu unseren Mitmenschen pflegen, auf Freundschaft/en.

Ground, der zweite Duft, den wir uns gemeinsam ansehen, ist der Beziehung zu uns selbst gewidmet. Die Beziehung zu einem Selbst … für mich, die ich vor einiger Zeit einmal Philosophie studiert und tatsächlich auch abgeschlossen habe, selbstredend ein gefundenes Fressen, dieses Thema.

Selbst sein – ein „klitzekleiner“ Exkurs

„Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.“ – Søren Kierkegaard

Kierkegaard war einmal für lange Zeit mein besonderes Steckenpferdchen, habe ich doch meine Abschlussarbeit über ihn geschrieben und eine leider unvollendet gebliebene Doktorarbeit zu einem bestimmten Sujet seines Werkes begonnen …

Sein Werk, sein Denken übt aber bis heute eine ungebrochene Faszination auf mich aus. Ich möchte Euch an dieser Stelle nicht langweilen mit trockenen Ergüssen, dennoch ein wenig ausholen … Der Einzelne war Kierkegaards ganz großes Thema, genauso wie der Sinn des Lebens, die Bedeutung der eigenen Existenz.

Kierkegaard-to-find-the-idea

Für uns ist das heute ein alter Hut, kennen wir es doch überhaupt nicht anders als dass wir uns immer und immer wieder die Frage danach stellen, die einen mehr, die anderen weniger, was denn nun der Sinn unseres jeweilig eigenen Lebens darstellt.

Diese Frage ist, wie sicherlich den einen oder die andere überraschen wird, eine ziemlich junge. Historisch betrachtet, und die Philosophie bildet das ziemlich gut ab, war es lange Zeit irrelevant, was lebenserfüllend und sinnstiftend für den Einzelnen war. Bei den alten Griechen hatte das Üben und Professionalisieren der jeweiligen Begabungen einzig und allein die Polis, den Stadtstaat im Blick und dessen Funktionieren als auch Überleben. Im Mittelalter waren sämtliche Vorstellungen dessen, was es heißt, Mensch zu sein, überwiegend christlich geprägt, klar.

Den Einzelmenschen hatte zuallererst in diesem Umfang Kierkegaard im Blick – und zwar im 19. Jahrhundert (!). Es war in einem seiner Tagebücher (siehe oben), wo er mit Anfang Zwanzig bemerkt, dass zwar viel Wissen und viel Theorie über Existenz vorhanden ist, allerdings eine breite Kluft zwischen eben jener Theorie und der Lebenspraxis, dem Vollzug der ureigenen Existenz klafft. Das verleitete ihn zu der Frage, die ihn in seinem Schaffen, seinem kompletten Werk umtrieb – die Idee zu finden, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt, für sich und nur für sich alleine.

Individualismus und Identität sind demnach Begriffe, die für uns alltäglich sind, aber allenfalls auf eine Geschichte von knapp zweihundert Jahren zurückblicken können. Beeindruckend, oder nicht?

Es waren in Folge die deutschen Existenzphilosophen, vor allem aber auch der französische Existentialismus, die Kierkegaard weiterdachten, obschon nicht immer ganz in seinem Sinne – die meisten derselben Philosophen waren Atheisten, Kierkegaard allerdings gläubiger Christ. Sie ignorierten, das nur nebenbei bemerkt, den religiösen Teil und die Glaubensaspekte seines Werkes.

Jean-Paul Sartre in Venice.jpgBy Unknown author – L’Unità, Public Domain, Link

Jean-Paul Sartre betätigte sich als intellektueller und wegweisender Revoluzzer, indem er in seinem Essay L’existentialisme est un humanisme, Der Existenzialismus ist ein Humanismus, Plato und dessen Ideenlehre auf den Kopf stellte. Letztere besagt vereinfacht ausgedrückt, dass es für alles eine Uridee gibt, eine bestimmende, definierende, die vorab in einer Art geistigen Welt existiert. Diese Ideenlehre kehrte Sartre um, indem er behauptete, dass, sollte es keinen Gott geben (wovon er ausging), Wesen existieren, bevor sie definiert werden (können). Contra Plato also Existenz vor Essenz – diese These ist grundlegend und essentiell für den Existentialismus (und für seine Bedeutung).

Was wollte uns Sartre damit sagen? Wir existieren, zuerst. Und erschaffen uns dann selbst. Wir machen uns zudem, was wir sind. Und sind selbstredend dafür verantwortlich, weil es eine freie Wahl ist, die uns ganz selbst obliegt. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, das Sprichwort trifft es vermutlich recht gut, obschon Sartre selbstredend damit nicht meinte, dass man verantwortlich ist für bestimmte Prädispositionen, unveränderliche, wie beispielsweise Krankheit oder Behinderung.

Kierkegaard sieht das Selbst als Verhältnis, ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält – das Ich als Ergebnis von Relationalität, und zwar innerhalb von einem selbst. Die drei Ebenen des Verhältnisses sind Endlichkeit und Unendlichkeit, Möglichkeit (Freiheit) und Notwendigkeit sowie Zeitlichkeit und Ewigkeit. In dem Ausbalancieren dieses Verhältniskomplexes kann man sich trefflich verheddern, was er selbstredend auch umfangreich erläutert in seiner Schrift Die Krankheit zum Tode. Ohne hier weiter in die Tiefe gehen zu wollen … der Midlife-Crisis-Geplagte, der gemäß Peaches Song Fuck away the Pain handelt, sich aufführt wie einer der Protagonisten aus Michel Houellebecqs Werken und der eigenen Sterblichkeit am liebsten unzählige Affären entgegenhält, wäre nach Kierkegaard jemand, der seine Endlichkeit, die Erkenntnis derselben, nicht ertragen kann, um nur ein Beispiel zu nennen.

Immanuel Kant (painted portrait).jpgBy Unidentified painter – /History/Carnegie/kant/portrait.html, Public Domain, Link

Ein weiteres Faszinosum der Philosophie ist es eben, dass es eigentlich im Kern immer dieselben Fragen sind, die uns Menschen umtreiben, von Immanuel Kant wegweisend in vier Fragen gegossen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?

Die erste Frage beschäftigt sich mit dem Sein an und für sich, in der Philosophie als Ontologie bezeichnet, der Metaphysik (diese behandelt die letzten oder ersten Fragen, das Grundlegende, die Frage nach dem Ursprung, nach einem Kern) sowie mit der Erkenntnistheorie, die die Voraussetzungen für Erkenntnisse, das Entstehen von Wissen und derlei behandelt. Die zweite Frage bezieht sich auf die moralische Philosophie, die praktische Philosophie, die Ethik – wie soll ich mich verhalten und so weiter. Die dritte Frage zielt in Richtung Religions- als auch Existenzphilosophie, hat sie doch zum Thema, was die Existenz des Menschen ausmacht, der Sinn derselben ist. Alle drei Fragen führen zur vierten, die gen Anthropologie weist, der Lehre vom Menschen (die sich wiederum aufspaltet in diverse Teilaspekte, weil sie sich aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten und beackern lässt – Geschichte, Soziologie, Kulturwissenschaft, Psychologie, Biologie et cetera kommen hier zum Tragen).

Albert Camus.pngVon Petr Vorel, Attribution, Link

Albert Camus wiederum, Zeit- und Weggefährte von Sartre, beschäftige sich ebenfalls als guter Existentialist mit dem Sinn des Seins, unter anderem in seinem Werk Der Mythos des Sisyphos, das zu lesen sich immer wieder und gerade auch in Zeiten wie diesen lohnt. Der wichtigste Aspekt darin ist der Begriff des Absurden, den Camus als Spannungsverhältnis aufzeigt: der Mensch, der sich von Natur aus nach einem Sinn sehnt, nach Sinnstiftung, nach sinnvollem Handeln, und der versucht, diesen der Welt abzuringen, die ihrem Wesen nach sinnwidrig ist, „sinnlos“, könnte man sagen. Sie entsteht und vergeht, dieser Kreislauf benötigt keinen Sinn nach Camus. Die Bewusstwerdung dieses Moment des Absurden stürzt den Menschen in eine Art von Hoffnungslosigkeit, der viele entfliehen in den „Suizid“. Sie vollziehen einen irrationalen Sprung in ein wie auch immer geartetes, vermeintlich sinnstiftendes und erklärendes Glaubenssystem, wobei hier die Art des Rettungsankers und dessen Beschaffenheit vielgestaltig sein kann – Religion, Politik, diverse -ismen stehen zur Auswahl.

Für Camus gibt es nur eine Lösung hinsichtlich des Umgangs mit dem Absurden: die Erkenntnis und das Annehmen desselben sowie die Revolte dagegen. Diese helfen nicht im Hinblick auf den Grund des Absurden, den Tod, aber bezüglich der Lebensgestaltung, zitiert in Folge nach Wiki (meine eigene Ausgabe ist leider unauffindbar verborgen in einer noch in Teilen unsortierten Bibliothek, wie ich vorhin feststellen musste):

„Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem allein das Ende fatal ist. Abgesehen von dieser einzigen fatalen Unabwendbarkeit des Todes ist alles, sei es Freude oder Glück, nichts als Freiheit. Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist.“
(„Ce qui reste, c’est un destin dont seule l’issue est fatale. En dehors de cette unique fatalité de la mort, tout, joie ou bonheur, est liberté. Un monde demeure dont l’homme est le seul maître.“ Aus: Le mythe de Sisyphe; eigene Übersetzung)

Der Autor des Wikipedia-Artikels hat es weiterhin hübsch ausgeführt und zitiert:

„Darin gleicht der Mensch nach Camus’ Interpretation der mythologischen Figur des Sisyphos, dessen Tun gerade in seiner äußersten und beharrlichen Sinnlosigkeit als Selbstverwirklichung erscheint:

„Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Der Mythos des Sisyphos: 6. Aufl., Reinbek, 2004. S. 159f.“

Was will ich mit diesem doch sehr viel länger als geplant gewordenen Exkurs sagen? Eine Anregung soll er darstellen. Jeder von uns reflektiert irgendwann einmal, der eine mehr, die andere weniger, über den Sinn des Lebens, hat sich diese Frage vielleicht schon beantwortet, hat sie vertagt, stellt sie sich immer wieder, um den eigenen Kompass neu zu justieren und Prioritäten zu setzen. Die gute alte Philosophie kann dabei helfen.

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einer früheren Klassenkameradin bei einem Klassentreffen. Wir tauschten uns darüber aus, was wir so gemacht haben, studiert und so weiter und so fort. Sie ist mittlerweile in leitender Position tätig, wie sie mir berichtete, und reagierte auf meine Schilderung meines Werdegangs, vielmehr auf das Anführen meines Philosophiestudiums verwundert bis ablehnend: wie ich so etwas hätte studieren können, ob mich das wirklich interessiert hätte, mich erfüllt? Sie hätte einige Kurse besucht, besuchen müssen im Rahmen ihres (nicht geisteswissenschaftlichen, sondern, ich meine Ingenieurs)Studiums, und Philosophie hätte sie immer trefflich genervt. Sie hätte sich immer danach gefragt, weshalb sie sich damit beschäftigen solle, was das für einen Sinn ergeben würde. Meine Frage nach dem „Warum“, dem „Weshalb“ und dem „Inwiefern“ beantwortete sie kurz und knapp damit, dass ihr die Lösungen und Handlungsanleitungen gefehlt hätten. Mich hinterließ das amüsiert und auch ein wenig traurig, weil sie offensichtlich die Aufgabe der Philosophie nicht erfasst hatte. Philosophie muss keine Lösungen bieten, sondern zum (Selbst)Denken anregen, ganz gemäß der alten Griechen:

„Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“ Plato Theaitetos; Aristoteles sah es im übrigen gleich, es gibt ähnliche Zitate aus seinem Werk.

Die Frage, die ich an dieser Stelle aufwerfen möchte, mag für den einen oder die andere „ketzerisch“ sein, dennoch: brauchen „wir“ als Menschen wirklich einen Sinn, der im Außen liegt, der uns oktroyiert wird, den wir uns oktroyieren, dem wir uns „unterwerfen“? Oder können wir uns diesen Sinn nicht einfach selbst schaffen?

Eng mit der Frage nach dem Sinn des Seins ist selbstredend die Frage nach dem Lebensglück verknüpft, zu der ich an anderer Stelle hier im Blog bereits einmal etwas geschrieben hatte, in dem Artikel zu La Danza delle Libellule von Nobile 1942, aus dem ich mich einfach im weiteren Verlauf selbst zitiere. Ich hatte den Artikel eingeleitet mit einigen Worten zu dem Werk Der Trost der Philosophie des Philosophen Boethius der in der Spätantike lebte, von circa 480 bis circa 525. Das Leben spielte ihm nicht gut mit, er fiel, nachdem er als eine Art Universalgelehrter unter der Herrschaft des Ostgotenkönig Theoderich höchste Staatsämter bekleidete, irgendwann in Ungnade und wurde des Hochverrates beschuldigt, sehr wahrscheinlich unschuldig und als Opfer von Intrigen. Daraufhin nahm man ihn gefangen, sprach ihn Monate später ohne Gerichtsverhandlung schuldig und richtete ihn hin. Sein bekanntestes Werk, Der Trost der Philosophie, entstand in ebenjener Zeit zwischen seiner Gefangennahme und seiner Hinrichtung und gilt bis heute als eines der Meisterwerke der Antike.

Boethius.jpg
By User Ctac on ru.wikipedia – Originally from ru.wikipedia; description page is (was) here, Public Domain, Link

Ich schrieb des Weiteren Folgendes:

„Was bewegt einen, wenn man in Haft sitzt und auf seinen Tod wartet? Die ganz essentiellen und vor allem existentiellen Fragen sind es, die Boethius umtreiben – der Sinn des Lebens vor allem – und er erörtert diese in Form eines semi-autobiographischen Dialogs, den ein zu Unrecht zum Tode verurteilter Gefangener mit Philosophia, der personifizierten Philosophie in Gestalt einer Ärztin, einer Halbgöttin führt. Vornehmlich geht es um – Glück, Lebensglück und gelingenden Lebensvollzug. Und eigentlich möchte ich Euch auch gar kein ganzes Boethius-Referat oder eine solche Rezension liefern – aber ich möchte Euch auf einige Punkte kommen, die mir persönlich sehr in Erinnerung geblieben sind.

Boethius hat das Rad auch nicht neu erfunden als Neuplatoniker und Aristoteles-Fan, aber er hat es ein Stückchen weitergedreht – und dabei einiges Wahres verlauten lassen, das sich nachzulesen bei Gelegenheit sicher lohnen würde, ist der Dialog seines gepeinigten Protagonisten mit der Philosophie doch ein mehr als lohnenswertes Stückchen Lektüre, dem es darüber hinaus nicht an immerwährenden Wahrheiten mangelt.

Worum geht es in erster Linie? Es geht um – das Glück. Boethius‘ Protagonist hadert, er habe das Glück verloren, worauf ihn die Philosophie eines Besseren belehrt. Macht Euch einmal selbst Gedanken – wie viele Bedeutungen hat das deutsche Wörtchen „Glück“, wie viele unterschiedliche Konnotationen weist es auf?

Im Gegensatz zu diversen anderen Sprachen ist die deutsche Sprache hier an dieser Stelle erstaunlicherweise wirklich arm, denn hier gibt es eben nicht diese Unterscheidung, die bei so ziemlich allen anderen gemacht wird: Die Griechen kennen sie genauso wie die Franzosen und die Engländer, auch im Lateinischen ist es so – man unterscheidet zwischen eutuchia und eudaimonia, zwischen fortune und bonheur, zwischen luck und happiness als auch zwischen fortuna und felicitas. Einerseits ist da jene Art von passivem Glück, jene Glückskonzeption, die vom Schicksal oder irgendetwas abhängt, auf die der Mensch selbst aber keinen Einfluss hat. Und andererseits ist da das (Lebens)Glück, die Ausgeglichenheit, die Glückseligkeit, jenes Glück, an dem jeder Mensch arbeiten kann, dessen Schmied er selbst sein kann und soll.

Ein ganz wesentlicher Aspekt des Glückes, wie Boethius‘ Protagonist auch von der Philosophia erfährt: Sie bezeichnet es als Dummheit, sein Seelenheil von einer so flüchtigen und treulosen Göttin wie der Fortuna, dem Zufallsglück abhängig zu machen. Glück, dass die Göttin Fortuna einem zuteil werden lässt, sei ein Geschenk und könne Besitz werden, niemals aber Eigentum. Besitztümer können einem jederzeit genommen werden, Eigentum aber nicht.

Die Quintessenz ist so einfach wie schwierig gleichermaßen: Wahres Glück liegt im Selbst, liegt in einem selbst. Je abhängiger man sich von Äußerem macht, von Materiellem, von Zierrat und sonstigem, das man nur sehr bedingt beeinflussen kann, umso unglücklicher macht man sich – ganz abgesehen davon, dass man sich ganz nebenbei selbst entwertet, weil man dem Prunk und Protz mehr Bedeutsamkeit beimisst als dem eigenen Charakter, der eigenen Persönlichkeit.“

Für mich persönlich steckt in den ganzen Gedanken, die ich Euch heute hier dargelegt habe, eine tiefe Weisheit und ich halte sie für wahr. Ich bin der Überzeugung, dass Sinn nicht von außen kommen kann, sondern dass jeder Mensch sich diesen Sinn selbst schaffen muss. Dass das vollkommene und vollumfängliche Freiheit bedeutet, aber gleichermaßen auch im selben Maße Verantwortung nach sich zieht – Verantwortung für sich selbst, das eigene Leben, Lebensglück. Aber ebenso Verantwortung im Bezug auf das Außen, im Hinblick auf andere Lebewesen, Mensch und Tier gleichermaßen, sowie die Natur. Denn das Recht auf freie Selbstentfaltung endet eben genau dort, wo es die Freiheit anderer einschränkt.

Das steht nicht nur in unserem Grundgesetz, sondern wurde auf herrliche Weise einmal von Immanuel Kant in seiner kurzen Schrift Über Pädagogik, online abrufbar siehe hier, dargelegt (lesenwert – genauso wie sein Aufsatz Was ist Aufklärung?, nebenbei bemerkt). Der Text handelt von Erziehung, für Kant die Grundlage der Menschwerdung. Das Interessante und vor allem auch Bemerkenswerte daran: die oberste Stufe der Erziehung und somit auch Menschwerdung sieht Kant in der Moralisierung, worunter er versteht, dass sich der mündige Mensch in vollem Bewusstsein seiner persönlichen Freiheit zu einer Selbstgesetzgebung entscheidet und sich derselben verpflichtet. Will sagen: sich zurücknimmt, sich freiwillig Grenzen (im Hinblick auf sein Handeln) auferlegt zugunsten seiner Mitmenschen.

Jetzt aber habe ich Euch vermutlich zur Genüge traktiert mit philosophischen Gedanken – ich hoffe, es hat Euch gefallen, vielleicht ein bisschen zum Sinnieren verführt. Schlussendlich bleibt da noch unser Duft Ground, den es zu betrachten gilt!

Geerdet sein – Ground

„This scent is part of the brand Ann Ringstrand premiere launch fragrance serie. The perfume aims to strengthen the relationship we have with ourself. It supports our grounding ability by it´s calming and light character. The fragrance is aromatic with a green tonality. The scent Ground is fresh with a light spicy start and a metal lime stony ground. It is designed with a top of Cardamom, Cistus and Hedoine to be followed by Violet leaf, Galbanum oil and Iron Alpha. Soft grounding base notes of Hay, Styrax, Vertiver, Virginian cedar and Musk.“

Die Ingredienzen:
Kopfnote: Kardamom, Labdanum (Zistrose), Hedion
Herznote: Veilchenblätter, Galbanum, Metallische Noten
Basisnote: Heu, Styraxharz, Vetiver, Virginia-Zedernholz, Moschus

„Ground is about the relationship you have with yourself, and it smells earthy, like rain on limestone in the morning—something really grounding.“ – Ann Ringstrand im Interview mit Kinfolk über Ground

Wie duftet wohl ein Parfum, dass die Beziehung zu uns selbst symbolisieren soll? Das unsere, wie Ringstrand in ihrer Duftbeschreibung verlauten lässt, Fähigkeit zur Selbsterdung, so würde ich „our grounding ability“ übersetzen, die Kompetenz zur Rückbesinnung auf uns selbst, unser Wesen, unterstützen soll? Mitgemeint ist hier sicherlich auch die innere Balance und Harmonie, nach der eigentlich jeder von uns trachtet, oder nicht?

Ein minimalistisch-modernes Duftkonzept muss es sein, eines, das ein bisschen wie eine eierlegende Wollmilchsau anmutet, von allem ein bisschen andeutend und sich gleichermaßen einer Konkretisierung entzieht, das Direkte umgeht. Das ist Ringstrand gelungen mit Ground, der Freunde zeitgemäßer Zaubermoleküle begeistern dürfte, siehe beispielsweise Escentric Molecules, einer Kollektion, die sich den Everybody’s Darlings der synthetischen Riechstoffe verpflichtet sieht, jenen Zutaten, die „easy to like“ sind und von so gut wie jedem als angenehm empfunden werden.

Ground schillert und strahlt als Unisex-Duft, der zu jedem Anlass, jeder Situation passend ist: Frisch zeigt er sich, ozonig-luftig als auch zitrisch-prickelnd, offeriert mineralisch-gesteinige Facetten und holzige Akzente, tönt gleichwohl sauber und seifig und offenbart grüne Noten. Anklänge von zarten Blüten, die vielmehr als Ganzes vorhanden sind als einzeln auszumachen, gleich einer blühenden Frühlingswiese im Wind, von aromatischem Grün sanfter Gräser und sacht-herbem Blattwerk umrankt. Ein Häufchen warm-würzig-sonnengetrocknetes Heu zeigt sich genauso wie metallische Noten, die auf eine Weise hell schimmern im Licht, während Moschus weichzeichnend einrahmt.

https://www.pexels.com/photo/blur-close-up-country-countryside-447440/

Ground erdet wirklich, versprochen. Er ist, Ihr werdet es Euch schon denken, mehr Aura als Parfum, ein Understatement-Duft wie auch sein Vorgänger Gather, allerdings noch wesentlich subtiler als dieser, was sicherlich an seinem Me, Myself and I-Motiv liegt, das Ringstrand meines Erachtens nach perfekt umgesetzt hat. Ein wohltuender Wohlfühlduft.

In diesem Sinne, meine Lieben – ich wünsche Euch ein schönes Wochenende und sende Euch viele herzliche Grüße

Eure Ulrike

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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