Charlie Hebdo …

… beherrscht seit einigen Tagen, genauer: seit dem 7. Januar alle Medien – jenem Tag, an dem zwei islamistische Attentäter das Leben der halben Redaktion der französischen Satirezeitschrift auslöschten. Zwölf Menschen kamen ums Leben, darunter vier weltbekannte Karikaturisten, der Herausgeber und weitere Mitarbeiter sowie ein Personenschützer. Ich denke, die genauen Details sind jedem mittlerweile bekannt – und das Ende der Attentäter an und für sich fast selbst schon wieder satirisch: Man metzelt eine Zeitschrift dahin und endet selbst – in einer Druckerei.

Frankreich hat diese Tat tief ins Mark getroffen – dazu muss man die Franzosen ein wenig kennen und verstehen. Ich habe lange überlegt, wen es in Deutschland hätte treffen müssen, dass es uns dermaßen verletzt und schockiert hätte – mir ist niemand Vergleichbares eingefallen. Charlie Hebdo hat – Kultcharakter. Die Zeitschrift besteht seit den 70er Jahren und genau dieser rebellische Geist wohnt ihr auch immer schon inne – jener, der zudem noch etwas atmet, was ich als typisch Französisch erachte: eine beherzte Kontra-Kultur, ein gepflegtes Querulantentum, die Freude am Spott und die Leidenschaft für die Errungenschaften der Aufklärung. Pluralismus wird groß geschrieben – und Charlie Hebdo nimmt sich das Recht auf alle Facetten des Humors: Mal subtil aber auch gerne mal platt wird durch Kakao und Dreck gezogen, was sich so anbietet – und keinerlei Rücksicht genommen, wieso auch? Selbstironie ist das große Zauberwörtchen, Distanz zur eigenen Überzeugung und die Fähigkeit, sich und seine Meinungen, seinen Glauben nicht als Nabel der Welt zu sehen. Eine Grundvoraussetzung in einer humanistisch geprägten, demokratischen Gesellschaft. Genau hier hat uns das furchtbare Attentat getroffen – und ich sage absichtlich „uns“: Es war und ist nicht nur ein Attentat auf irgendeine Zeitschrift und/oder Frankreich, es ist ein Attentat auf unsere freiheitlich-demokratische Kultur.

In diesen Tagen bin ich deshalb, wie viele andere, Charlie. Und Ahmed. Weil ich in einer solchen Weltordnung leben möchte. Weil ich mich als Teil derselben begreife und auch gewillt bin, für diese einzustehen. Mein tief empfundenes Beileid geht an die Hinterbliebenen.

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Je suis Charlie“ von Joachim Roncin (proof), Charlie Hebdo (charliehebdo.fr)

Typefaces authors: Mark van Bronkhorst (Sweet Sans Heavy), H. Hoffman/H. Berthold (Block Condensed) – Joachim Roncin’s tweet, PDF adapted to SVG.. Lizenziert unter CC0 über Wikimedia Commons.

Warum schreibe ich das hier, in (m)einem Duftblog, wird sich der eine oder andere fragen? Dafür gibt es mehrere Gründe. Es gibt ein Leben neben Parfums – und manchmal ist es einfach wichtig, Themen aufzugreifen, die damit wenig zu tun haben. Aktuelles. Oftmals aus positivem, erheiterndem oder auch aufbauendem Anlass. Oder auch, wie in diesem Fall, aus traurigen Gründen. Und Stellung zu beziehen.

Stellung beziehen – als ich darüber dieser Tage nochmals nachdachte, als der Entwurf für diesen Artikel in meinem Kopf entstanden ist, sind mir auch Gedanken zu meiner Tätigkeit gekommen. Ich schreibe über Düfte – und karikiere weder Religionsstifter noch Religionsführer. Insofern ist ein Vergleich mit vielen anderen Schreibenden nicht gegeben, die heikle Themen bearbeiten, Missstände aufdecken, den Finger auf Wunden legen – auch auf die Gefahr hin, dafür angegriffen zu werden, leider im wahrsten Sinne des Wortes. Das Einzige, was uns eint, ist, dass ich mit meinem Namen unterschreibe. Und hinter den Dingen stehe, die ich Euch, meinen Lesern, mitteile.

Über all die Jahre, die ich das Blog hier nun schon schreibe, habe ich viel Herzblut investiert. Viel Persönliches preisgegeben. Der eine oder andere von Euch kennt mich mittlerweile sicherlich besser, als das viele lose Bekannte von mir von sich behaupten könnten. Manchmal ist das befremdlich, wenn man sich dann persönlich kennenlernt – ich komme mir dann seltsam vor, ein bisschen wie nackt oder gläsern in Anbetracht des sich ergebenden Ungleichgewichts. Aber ich denke, dass es richtig so ist, dass dieser Weg, den ich hier eingeschlagen habe, der sinnvollste ist. Wovon lebt denn ein Blog, wenn nicht von – Persönlichkeit? Von Individualität. Erst recht, wenn es sich um so etwas Emotionales dreht wie um Düfte. Ohne Menschen, die es zu so etwas machen, würde es oberflächlich werden. Zu reinem Marketing-Blabla verkommen. Etwas, das nie Ziel dieses Vorhabens hier war und ist. Dafür liebe ich, lieben wir Düfte viel zu sehr. Und es liegt mir sehr am Herzen, mit Euch diese Leidenschaft zu teilen.

Deshalb werde ich mich auch in Zukunft nicht beeinflussen lassen in meiner persönlichen Meinung, in meinen persönlichen Gedanken. Und glaubt ja nicht, dass der Versuch dazu in diesem Rahmen nicht auch schon passiert ist.

Nicht unbedingt so, wie man es bei Bloggern normalerweise vermuten würde – durch Zuschütten mit Goodies. Es ist mein Job, dieses Blog hier zu schreiben. Ich bekomme von den wenigsten Herstellern oder Vertrieben ganze Flaschen zur Verfügung gestellt – im Normalfall sitze ich hier, genau wie ihr, mit unseren Pröbchen und Abfüllungen und schnuppere, schnuppere weiter, sinniere … und schreibe dann, irgendwann, später.  Und kaufe, wenn ich mich heillos verliebt habe. Genau wie ihr.

Manchmal aber bekomme ich auch Feedback – derlei Feedback, mit dem ich nie gerechnet hätte, ehrlich nicht. Was mir einfallen würde, Linie X so zu beschreiben. Wieso ich in diesem und jenem Artikel als Aufhänger Y genommen habe – dabei drehe es sich doch nur um die Parfums von Z, die ich gefälligst in den Mittelpunkt zu stellen hätte. Weshalb ich die Düfte von A mit anderen Düften vergleichen würde, Tipps geben würde, für wessen Freunde sie geeignet wären – es gebe absolut nichts Vergleichbares, insofern also gleiche das irgendwie einer Majestätsbeleidigung. In solchen Momenten frage ich mich dann, was man von mir erwartet – ob nun Hersteller oder Vertrieb. Und ob man noch nie etwas von künstlerischer Freiheit gehört hat. Mal abgesehen davon, dass ich es dreist finde, mehr als dreist.

Meine Reaktion darauf ist mittlerweile die, dass ich Produkte dieser Hersteller oder Vertriebe meide. Weil ich mir nicht den Mund verbieten lasse. Und weil ich den Luxus habe, aus einer großen Anzahl aus Neuerscheinungen und alten Klassikern eines mit Bedacht handverlesenen Sortiments höchster Qualität zu wählen, die es allesamt verdient haben, erwähnt zu werden.

Das Schöne an dieser Passion, der Leidenschaft für Düfte, ist doch eigentlich, dass sie uns eint. Uns, die Perfumistas weiblicher und männlicher Natur – weltweit, wie man an den vielen Foren und Blogs im Internet sehen kann. Düfte verbinden – in diesem Zusammenhang kann man sich für die Anhänger von (monotheistischen) Religionen nur wünschen, dass sie sich endlich auch einmal auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen und friedlichen Einklang miteinander anstreben.

Viele liebe Grüße,

Eure Ulrike.

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Ulrike Knöll Geschrieben von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

5 Kommentare

  1. Isabelle
    14.Jan 2015
    Antworten

    Liebe Ulrike,
    merci für deine Zeilen, u.a.: „Genau hier hat uns das furchtbare Attentat getroffen – und ich sage absichtlich “uns”: Es war und ist nicht nur ein Attentat auf irgendeine Zeitschrift und/oder Frankreich, es ist ein Attentat auf unsere freiheitlich-demokratische Kultur.“
    Viele liebe Grüße,
    Isabelle

  2. Dorothea
    14.Jan 2015
    Antworten

    Das sehe ich genau so, Hut ab vor Charlie Hebdo und allen anderen, die Stellung beziehen.

  3. Harmen Biró
    15.Jan 2015
    Antworten

    Ich schließe mich dem voll und ganz an!

  4. 19.Jan 2015
    Antworten

    Liebe Ulrike,
    danke für dies auch durch persönliche Betrachtungen gefärbte und entschlossene Bekenntnis zur Freiheit des Wortes. Die Bedrohungen derselben sind vielfältig, nicht einzig religiös und / oder sozial motivierter Extremismus, sondern auch die Trägheit des wohlstandsgenährten Bürgers, die Opportunismen der diesen einhegenden und in Sicherheit wiegenden politischen Wortführer, und nicht zuletzt die dem gemeinen Konsumenten nur durch Zuruf, ansonsten schlichtweg unbekannten Markt- und Marketingmechanismen, seien sie Algorithmen im Hintergrund, die ihn einbergen, oder Kalküle, die ihm einflüstern, all diese Manipulationen und Modifikationen unserer sprachlichen Welt sind zugleich auch Grenzziehungen unserer Imagination, unseres Denkens, Fühlens, Begreifens über den Moment, über das Morgen hinaus, unserer Umwelt. Sich – auch im Beruf, auch in den Zwängen, die dieser einem pragmatisch auferlegt, dennoch so klar zu bekennen zu einem Wert in Bedrängnis, der menschlichen Freiheit im Worte – nichts anderes hätte ich mir erwarten oder wünschen können von Dir, Ulrike, die Du mich über die Jahre immer wieder begleitet hat – im Wort und zuweilen auch in persona. Danke!

  5. Ulrike Knöll
    Ulrike Knöll
    26.Jan 2015
    Antworten

    Hallo Ihr Lieben –

    danke für Euer Feedback.
    Insbesondere auch das meines Monsieur Q., der dafür einmal angestammte Gefilde verlassen hat und sich auf mein Territorium gewagt hat – für derlei lieb gemeinte und wie immer intelligente Gedanken.
    Dankeschön!

    Viele Grüße,

    Ulrike.

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