Seit meinem ersten Beitrag über Fascent hat mich die junge französische Marke immer wieder überrascht. Ob Sel à Vie, Milky No Way, Crème Brûlante, Red Flag oder zuletzt Corn Star – jede Kreation verfolgt ihre eigene Idee und zeigt, wie vielseitig, modern und zugänglich Nischenparfümerie sein kann.
Nachdem ich euch die Düfte nach und nach vorgestellt habe, soll heute einmal nicht die Düfte im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen dahinter. Für das Duft Tagebuch haben sich die beiden Gründerinnen Fanny Descamps und Edwina Réthoré Zeit genommen und meine Fragen beantwortet. In unserem Interview sprechen sie darüber, wie Fascent entstanden ist, warum sie finden, dass man sich nicht auf einen einzigen Duft festlegen sollte, was es mit ihren aktiven Parfums auf sich hat und wie aus einer Idee schließlich eine neue Kreation wird. Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen!
Liebe Fanny, liebe Edwina, Fascent positioniert sich als moderne, zugängliche und transparente Duftmarke. Wie kam es zu der Idee, ein Parfümhaus zu gründen, das bewusst einige der traditionellen Konventionen der Branche in Frage stellt?
Um ehrlich zu sein, ergab sich das ganz natürlich. Als wir Fascent im Jahr 2023 gründeten, war es für uns kein Trend, so bewusst und verantwortungsvoll wie möglich zu handeln. Es war einfach gesunder Menschenverstand.
Als Verbraucher wollten wir eine Marke schaffen, bei der wir selbst gerne einkaufen würden: transparent, modern, kreativ und im Einklang mit unseren Werten. Deshalb wurden Nachhaltigkeit, reinere Rezepturen und Transparenz vom ersten Tag an zu einem Grundpfeiler von Fascent.
Interessanterweise ist das nichts, worüber wir ausführlich sprechen. Natürlich ist es eine wichtige Säule der Marke, aber wir betrachten es nicht als Marketingargument. Es ist einfach das, was wir sind und wie wir glauben, dass ein modernes Parfümhaus arbeiten sollte.
Bevor ihr Fascent gegründet habt, habt ihr beide Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der Beauty- und Parfumwelt gesammelt. Gab es einen bestimmten Moment, in dem euch klar wurde, dass ihr die Parfümerie anders angehen wolltet als etabliertere Marken?
Wir haben es schon immer geliebt, unsere Düfte je nach Stimmung, Jahreszeit, Anlass oder einfach danach zu wechseln, wie wir uns an diesem Tag fühlen möchten.
Das Problem ist, dass der Aufbau einer echten Duftgarderobe schnell sehr teuer werden kann, besonders in der Nischenparfümerie. Wir hatten das Gefühl, dass es Platz für eine Marke gab, die die Kreativität und Qualität von Nischendüften bietet, dies aber auf eine zugänglichere und flexiblere Art und Weise.
Nach fast acht Jahren in der Beauty- und Parfumindustrie nahm diese Idee allmählich Gestalt an und wurde schließlich zur Grundlage der DNA von Fascent: Parfums zu kreieren, die man je nach Stimmung sammeln, kombinieren und tragen kann, anstatt sich jahrelang auf einen einzigen Signaturduft festzulegen.
Dabei machen ja viele Menschen genau das: Sie tragen jahrelang dasselben Parfum. Ihr plädiert für einen viel flexibleren Ansatz. Warum glaubt ihr dass ein Duft als Ausdruck von Stimmung, Anlass oder Persönlichkeit genutzt werden sollte?
Diese Idee ist das Herzstück von Fascent. Wir glauben nicht, dass Menschen nur eine Persönlichkeit haben. Warum sollten sie also nur einen Duft haben? Wir alle haben viele Facetten, je nach Stimmung, Umgebung, Jahreszeit, den Menschen, mit denen wir zusammen sind, oder sogar der Version von uns selbst, die wir an diesem Tag zum Ausdruck bringen möchten.
An manchen Morgen möchte man sich ruhig und geerdet fühlen. An anderen Tagen sehnt man sich nach Selbstvertrauen, Geborgenheit, Sinnlichkeit oder Energie. Ein Duft kann zu einem kraftvollen Begleiter für diese Momente werden.
Wir sagen gerne, dass unsere Parfums nicht nur Düfte sind. Sie sind Stimmungen, Einstellungen und kleine emotionale Begleiter für den Alltag.
Das Layering ist ein zentraler Bestandteil des Fascent-Konzepts. Was fasziniert euch am Kombinieren von Düften, und welche kreativen Möglichkeiten bietet es dem Träger?
Was uns am meisten fasziniert, ist die Freiheit, die dadurch entsteht.
Durch das Layering können Menschen einen olfaktorischen Stil entwickeln, genauso wie sie einen Modestil entwickeln. Man kann etwas kreieren, das sich einzigartig persönlich anfühlt, anstatt genau denselben Duft zu tragen wie alle anderen.
Wir lieben den spielerischen Aspekt daran. Die Parfümerie wurde oft als etwas sehr Ernstes, fast Unnahbares dargestellt. Das Layering lädt zum Experimentieren ein. Es ermutigt Menschen, ihren Instinkten zu vertrauen, Spaß zu haben und Teil des kreativen Prozesses zu werden.
Letztendlich geht es um Selbstentfaltung und Individualität.

Die Kollektion umfasst mittlerweile acht Düfte mit sehr unterschiedlichen Charakteren. Wie entwickelt ihr neue Duftkonzepte, und was macht eine Idee unverkennbar zu „Fascent“?
Ideen können von absolut überall herkommen: eine Erinnerung, ein Ort, ein Gespräch, ein kultureller Trend, ein Bild, ein kulinarisches Erlebnis oder einfach ein Gefühl, das wir in einen Duft umsetzen möchten.
Das Interessante daran ist: Wenn wir die richtige Idee finden, fühlt es sich oft fast sofort ganz selbstverständlich an. Es gibt diesen Moment, in dem wir uns beide ansehen und denken: „Ja, das ist ein Fascent-Konzept.“
Dann kommt der langwierige Teil. Den Duft entwickeln, das Konzept verfeinern, jedes Detail anpassen, den richtigen Namen, die richtigen Bilder und die richtige emotionale Anspielung finden. Dieser Prozess kann ehrlich gesagt ewig dauern.
Irgendwann muss man aufhören, nach Perfektion zu streben, und seinen Instinkten vertrauen. Zu lernen, wann man auf sein Bauchgefühl hören muss, ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Aspekte unseres kreativen Prozesses.
Ihr beschreibt eure Kreationen als „aktive Parfums“. Was bedeutet dieser Begriff für euch, und wie beeinflussen die Aromachologie und die emotionale Wirkung von Düften euren kreativen Prozess?
Wir nennen sie aktive Parfums, weil wir glauben, dass Düfte aktiv beeinflussen können, wie man sich fühlt.
Es gibt immer mehr Forschungsergebnisse zur Aromachologie und zur emotionalen Wirkung von Düften, aber auch ohne wissenschaftliche Studien haben wir das alle schon erlebt. Ein Duft kann uns trösten, uns Energie geben, uns beruhigen oder uns augenblicklich in eine Erinnerung versetzen.
Wenn wir einen Duft kreieren, denken wir nicht zuerst über Trends oder Kategorien nach. Wir beginnen mit einer Emotion, einer Gemütsverfassung oder einem Gefühl, das wir hervorrufen möchten.
Jeder Fascent-Duft ist auf eine emotionale Absicht ausgerichtet. Wir möchten, dass unsere Parfums etwas für den Träger bewirken und nicht nur gut riechen.
Nachfüllbare Flakons, biobasierte Materialien und transparente Rezepturen sind Teil der DNA von Fascent. Welche Nachhaltigkeitsaspekte waren euch von Anfang an am wichtigsten?
Von Anfang an wollten wir, dass Nachhaltigkeit und Design Hand in Hand gehen.
Wir wollten keine nachhaltigen Produkte schaffen, die sich wie ein Kompromiss in Sachen Ästhetik anfühlen. Wir wollten schöne, begehrenswerte Objekte, die die Menschen wirklich behalten und wiederverwenden möchten.
Deshalb sind wir besonders stolz auf unser nachfüllbares Ampullensystem. Es wirkt gleichzeitig retro und innovativ, was unsere Vision perfekt widerspiegelt.
Auch in Bezug auf die Rezeptur haben wir vom ersten Tag an strenge Richtlinien festgelegt. Wir wissen, dass Parfum niemals ein Hautpflegeprodukt sein wird, aber wir bemühen uns stets, unsere Kreationen so durchdacht und verantwortungsbewusst wie möglich zu gestalten und dabei die kreative Freiheit zu bewahren, die für die Entwicklung außergewöhnlicher Düfte notwendig ist.
Corn Star ist eure neueste Veröffentlichung und zugleich eine eurer verspieltesten Kreationen. Wie entstand die Idee, Erinnerungen an Jahrmärkte, Vergnügungsparks und Kindheitserlebnisse in einen Duft zu übersetzen?
Corn Star entstand aus einem Gespräch über Sommer und Nostalgie.
Wir wollten einen fruchtigen Duft kreieren, aber mit einer völlig unerwarteten Wendung. Während der Entwicklung entstand ein unglaublicher Popcorn-Akkord, und plötzlich fügte sich alles zusammen.
Der Duft wurde zu einer Hommage an die einfachen Freuden des Lebens: Jahrmärkte, Vergnügungsparks, laue Sommerabende, Abenteuer im Freien, erste Schwärmereien und unbeschwerte Momente.
Er ist verspielt, nostalgisch und ein bisschen respektlos – genau das, was wir wollten.
Popcorn ist in der modernen Parfümerie nach wie vor eine eher ungewöhnliche Note. Was hat euch an diesem Akkord gereizt und wie groß war die Herausforderung, ihn zeitgemäß, tragbar und authentisch wirken zu lassen?
Genau das hat uns daran gereizt. Popcorn ist überraschend komplex. Es ist süß, salzig, buttrig, geröstet, wohltuend und macht süchtig – alles zugleich. Es schien die perfekte Zutat zu sein, um das Neo-Gourmand-Territorium auszudrücken, das wir erkunden wollten.
Die Herausforderung bestand darin, die richtige Balance zu finden. Wir wollten keinen Duft, der buchstäblich nach Popcorn riecht. Wir wollten das Gefühl und die Emotion von Popcorn in einen zeitgemäßen Duft übersetzen, der viele Facetten zu entdecken bietet: süße Birne, moschusartiger Marshmallow, Kokoswasser … Da wurde die kreative Arbeit erst richtig spannend.
Wenn ihr einen Fascent-Duft wählen müsstet, der am besten widerspiegelt, wer ihr gerade seid – welcher wäre das und warum?
Ohne zu zögern: Sel à Vie. Es ist der Duft, der eine unserer liebsten Überzeugungen perfekt verkörpert: Der Sommer ist keine Jahreszeit. Er ist eine Lebenseinstellung.
Wir lieben, wie facettenreich er ist. Er ist salzig, blumig, sonnig und strukturiert zugleich. Die Algenessenz verleiht ihm eine wunderschöne maritime Note, während das Treibholz für Tiefe und Wärme sorgt.
Immer wenn wir ihn tragen, erinnert er uns daran: Life is a beach. Und das ist eine Philosophie, die wir sehr gerne verinnerlichen.
Gibt es einen bestimmten Rohstoff oder eine Duftnote, die euch während eurer gesamten Karriere fasziniert hat und euch auch heute noch inspiriert?
Ein Rohstoff, der uns nach wie vor fasziniert, ist Iris.
Es ist einer der kostbarsten und komplexesten Inhaltsstoffe in der Parfümerie. Wir lieben den Kontrast, den es bietet: Es kann elegant und raffiniert wirken, aber auch pudrig, geheimnisvoll und fast beunruhigend.
Besonders viel Spaß hat uns die Arbeit mit Iris bei Red Flag gemacht, wo wir dank eines Akkords aus wilder Rote Bete eine dunklere, eher undergroundige Interpretation des Rohstoffs erkundet haben. Die Kreation dieses erdigen, rebellischen Iris-Akkords war eine unglaublich lohnende kreative Herausforderung.

Wenn ihr einen Wunsch für die Zukunft der Parfümerie äußern könntet, welche Veränderung oder Entwicklung würdet ihr euch am meisten wünschen?
Wir würden uns sehr freuen, wenn mehr Menschen erkennen würden, dass sie kein Vermögen ausgeben müssen, um außergewöhnliche Parfümerie zu genießen.
Zu lange schon wird Qualität oft mit immer höheren Preisen in Verbindung gebracht. Natürlich hat Handwerkskunst ihren Wert, aber wir glauben, dass es Raum für wunderschön komponierte, originelle und emotionale Düfte gibt, die dennoch erschwinglich bleiben.
Wenn wir eine Sache ändern könnten, dann wäre es, großartige Parfümerie weniger exklusiv und inklusiver zu gestalten.
Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Woran arbeitet ihr derzeit und worauf können sich Fascent-Fans in den kommenden Monaten freuen?
Es stehen einige spannende Dinge an. Ein Projekt, auf das wir uns besonders freuen, ist die Einführung unseres neuen 10-ml-Formats – der perfekte Duftbegleiter, den man überallhin mitnehmen kann.
Außerdem erforschen wir neue Wege, um Düfte noch persönlicher, facettenreicher und leichter in den Alltag integrierbar zu machen.
Und was vielleicht am spannendsten ist: Wir haben gerade mit der Entwicklung eines neuen Duftes begonnen, gemeinsam mit einem unglaublichen Parfümeur, mit dem wir noch nie zuvor zusammengearbeitet haben. Das führt uns in olfaktorische Gefilde, die wir als Marke noch nie erkundet haben.
Mehr können wir im Moment noch nicht verraten … aber bleibt dran.
Liebe Fanny, liebe Edwina, vielen Dank, dass ihr euch Zeit für meine Fragen genommen habt.
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