Lü Bu von Sora Dora – Polarisierend schön

Normalerweise lese ich vor einer Rezension keine Duftreviews auf anderen Blogs durch, um möglichst unabhängig und unvoreingenommen an eine Kreation zu gehen. Auch bei der Recherche zu Düften lasse ich einschlägige Foren wie Parfumo oder Fragrantica bewusst außen vor. Eher zufällig bin ich in den sozialen Medien über den ein oder anderen Beitrag zu Lü Bu von Sora Dora gestolpert. Dort fanden sich viele begeisterte, aber auch einige kritische Stimmen, woraufhin ich mich auf obigen Blogs dann doch ein bisschen eingelesen habe. Und ich muss sagen: Lü Bu macht mich definitiv neugierig. Daher möchte ich für dieses Eau de Parfum meine übliche Vorgehensweise über Bord werfen und mir selbst ein Bild machen zu einem Duft, der die Nischenduftgeschmäcker offensichtlich zu spalten weiß.

Zwischen Mythos und Mensch – Wer war Lü Bu?

Lü Bu ist keine frei erfundene Figur, sondern eine reale wie zugleich stark mythisierte Gestalt der chinesischen Geschichte. Er lebte am Ende der Han-Dynastie und gilt bis heute als einer der berühmtesten Krieger dieser Epoche: gefürchtet für seine physische Stärke und Brutalität, bewundert für seine Tapferkeit – und zugleich berüchtigt für seine Unbeständigkeit. Loyalität war bei Lü Bu nie von Dauer, Bündnisse zerbrachen, Verrat gehörte ebenso zu seiner Geschichte wie militärische Größe. Gerade diese Ambivalenz macht ihn bis heute zu einer faszinierenden Figur: Held und Antiheld, Sieger und Gefallener, Mensch und Legende zugleich.

Diesem zwiespältigen Charakter widmet Sora Dora nun also einen eigenen Duft. Dabei geht es nicht um eine martialische Glorifizierung von Gewalt und Macht, sondern um ein olfaktorisches Porträt eines legendären Kriegers, der an seiner eigenen Legende zerbricht. Früh findet er den Tod, nachdem ein Leben voller Seitenwechsel, Machtkämpfe und taktischer Bündnisse in Gefangenschaft endet.

Lü Bu war kein Opfer von Verrat, sondern eine Figur, die Loyalitäten immer wieder selbst aufkündigte und damit zwischen die Fronten geriet. Militärische Brillanz und politische Isolation gingen bei ihm Hand in Hand. Genau diese Mischung aus Stärke, Unberechenbarkeit und letztlichem Scheitern macht Lü Bu bis heute zu einer Gestalt zwischen Mythos und Mensch.

Silhouette eines Kriegers mit erhobenem Dolch im Gegenlicht der untergehenden Sonne – atmosphärische Bildwelt zur Duftinspiration Lü Bu von Sora Dora

Schwarz und Grau senken sich über die Ebene.
Im dichten Nebel, der an den Hügeln haftet, tritt Lü Bu hervor –
eine gebeugte Gestalt, verloren im Dunst nach der Schlacht.
Einst der gefürchtetste Krieger des Reiches, geformt aus Eisen und Feuer,
nun dem Tod nahe.
Nicht durch einen einzelnen Schlag besiegt, sondern verschlungen von der eigenen Legende.

Lü Bu von Sora Dora – Duft des Kriegers

Bei einem Duft für einen Krieger verwundern Ingredienzien wie Blut, Metall und Schießpulver nicht. Letzteres wurde allerdings erst deutlich später erfunden. Zur Zeit der Han-Dynastie waren andere Waffen das Mittel der Wahl. So nutzte Lü Bu vermutlich eine chinesische Hellebarde namens Ji, eine Kombination aus Speer und Klingenwaffe, die sich besonders für Reiter und Einzelkämpfer eignete.

Der Kriegerduft stammt aus der Feder der jungen Flair-Parfümeurin Margaux Le Paih-Guérin, die uns auch schon andere olfaktorische Schätze wie Red, 7 und Jany von Sora Dora sowie Oud Candy, Filthy Musk, Nuts und Dirty Heaven von BORNTOSTANDOUT beschert hat.

Kopfnote: Gewürznelke, Metallische Noten
Herznote: Papier, Rauchige Noten, Iris, Blut
Basisnote: Vanille, Tonkabohne, Amyris, Guajakholz, Mandel, Kaschmirholz, Virgina-Zedernholz, Tolubalsam, Metallische Noten

Lü Bu von Sora Dora – Parfumflakon vor tiefrotem Hintergrund mit flüssiger, spiegelnder Oberfläche als Sinnbild für Stärke und Spannung

Lü Bu von Sora Dora im Test

Kaltes, glänzendes Metall trifft im Auftakt von Lü Bu auf aromatische Gewürznelke und die warmen, balsamischen Noten armenischen Papiers. Ein Hauch von Schießpulver liegt rauchig in der Luft, begleitet von cremig-erdiger Iris und jenen schwer einzuordnenden Blutfacetten, die auf mich jedoch keineswegs unangenehm wirken. Vanille und Tonkabohne verleihen der Komposition im weiteren Verlauf eine süßlich-würzige Tiefe, zu der sich nach und nach weitere cremige und sanfte Akzente gesellen. Pudriges, fast an Veilchen erinnerndes Guajakholz, cremige Mandelnuancen und helle, weiche Hölzer bilden schließlich eine ruhige, warme Basis. Die metallischen Blutaspekte sind weiterhin präsent, verschmelzen nun jedoch harmonisch mit den weicheren, umhüllenden Noten.

Auf dem Teststreifen zeigt sich Lü Bu übrigens deutlich kühler, rauchiger und kantiger als auf meiner Haut. Die erdig-metallischen Facetten treten hier stärker in den Vordergrund, weshalb ich unbedingt zu einem Test auf der eigenen Haut rate.

Ist Lü Bu nun ein Spalter?

Ich bin mir sicher, dass das Parfum kein Crowdpleaser ist. Ingredienzien wie Blut, Metall und Schwarzpulver bewegen sich bewusst außerhalb des Mainstreams – und genau das prägt seinen Charakter. Zudem verlangt der Duft Zeit und Aufmerksamkeit. Der erste Eindruck, insbesondere auf dem Teststreifen, kann zunächst irritieren. Wer sich jedoch auf einen Hauttest einlässt, entdeckt eine Kreation, die spannungsvolle, unkonventionelle Facetten mit wohlig-würzigen und behaglichen Nuancen verbindet.

Lü Bu ist kein Duft für den Alltag oder das Büro. Er eignet sich eher für den Abend, für Momente, in denen man ihn bewusst wahrnehmen kann. Unisex, mit mittlerer Präsenz und guter Haltbarkeit, zeigt sich der Duft besonders stimmig in der kühleren Jahreszeit.

Habt ihr Lü Bu schon getestet? Wie fandet ihr ihn?

Neueste Kommentare

Julia Biró Verfasst von:

Bereits 2010 gingen so einige Blogbeiträge auf mein Konto. Dann war ich „kurz“ weg – sechs Jahre. Umso mehr freut es mich, dass ich nun wieder die Chance bekomme, mein Näschen im Dienste der Duftrezension schnuppern zu lassen und eifrig in die Tasten zu hauen. Was Nischendüfte angeht, habe ich damals übrigens schnell Feuer gefangen. Meine Ausbildung tat dazu ihr Übriges: Als diplomierte Biologin kenne ich mich nicht nur mit Fauna und Flora, sondern auch recht gut mit der Herstellung von Ölen und Extrakten aus, was den Reiz der Parfumwelt natürlich noch größer macht.

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