Neues aus der Welt von Nasomatto! Alessandro Gualtieris Duftprojekt und Nischenduftmarke der ersten Stunde muss ich keinem mehr vorstellen. Oft waren sie hier schon zu Gast: Wer nachlesen möchte: Nasomatto im Duft-Tagebuch. Und wie ich sehe, habe ich die meisten Artikel sogar selbst geschrieben.
Entdeckt habe ich den neuesten Duft Micodelirio irgendwo in den Weiten der sozialen Medien, und zwar mit diesem Video:
Die gehörige Portion der namensgebenden Verrücktheit fehlt auch hier nicht. Wir begleiten Alessandro in historisch-hobbitartiger Aufmachung bei einer Wanderung durch einen Wald. Optische Verzerrungen deuten auf psychedelische Effekte hin. Schließlich findet er einen tropfenden, zapfenförmigen Pilz, den er abbricht. In Siegerpose, mit ausgestreckten Armen steht er daraufhin vor dem Horizont, in einer Hand den Pilz, in der anderen seinen Wanderstab. Lassen wir einmal ganz bewusst Herrn Freud beiseite.
Diese Bilder deuten wie der Name selbst auf die wundersame Welt der Zauberpilze, mico und delirio lassen einen Funghi-Rauschzustand vermuten. „Dieser Parfumflakon ist Teil des Projekts Nasomatto. Der Duft ist das Ergebnis eines natürlichen Deliriums, das ein blühendes Ökosystem organischen Ungehorsams hervorbringt.“ Worin nun genau der Ungehorsam bestehen mag, im Spiel mit dem Ekel oder dem Konsum entsprechender Gewächse, bleibt offen. Dass berauschende Substanzen bereits des Öfteren Thema bei Nasomatto waren, wisst Ihr sicher.
Freiheit durch Rausch
Was der Pressetext mitgibt, lässt sich wie folgt zusammenfassen. Gualtieri betrachtet Micodelirio als Vehikel, um Normen aufzubrechen, auch die, die wir uns über unsere eigene Identität selbst auferlegt haben. Wie das geht? Durch ein Delirium, das nicht als Krankheit, sondern als Lebenskraft verstanden wird, die uns zu unseren Instinkten zurückführt.
Wer glotzt da?
Die Kappe ist – wieder einmal – Teil der Aussage. Gualtieri nennt sie „eine Samenkapsel, die nicht von dieser Welt stammt“. In der Tat wirkt sie fremdartig, aber doch organisch und vertraut, die Löcher erinnern an Augen oder Münder und wecken ein gewisses Unbehagen, zumindest bei mir. Nichts für Leute mit wirklicher Trypophobie. Laut Wikipedia ist Trypophobie „ein Gefühl von Abscheu oder Angst, das manche Menschen beim Anblick von Mustern aus Löchern oder Blasen empfinden.“ Geht es Euch auch so?
So duftet Micodelirio
Was man hier erwartet, wie modrigen Waldboden, Pilze, die auf zerfallenden Baumstämmen ihr Werk verrichten, Matsch, Erde, nasses Laub, bekommt man auch. Vor allem in der Basisnote bekommt ihr Erde auf die Haut. Ich hätte hier mit einem monumentalen Patschulibrett gerechnet. Natürlich ist es vertreten, aber nicht in seiner Hippie-Grufti-Ausprägung, sondern kombiniert mit unerwarteten Noten. Zitrusfrüchte wie Bergamotte im Auftakt sind die erste Überraschung. Hinzu kommen grüne, waldig-koniferige Noten, die durchaus scharf und bissig werden. Das Bisherige wird dann mit narkotischen Blüten eingecremt, die sich aber nicht vollständig aus der Deckung wagen. In der Basis dann Moder de luxe mit Pilzen, Erde, Schlamm, aber immer noch eingehegt von Vanillewürze.
Was ist denn das bitte, mag man sich zu Recht fragen. Ein Chypre auf Abwegen oder besser Waldwegen. Diese Gattung finde ich ohnehin schwierig, in dieser Kombination ist sie dann definitiv für Fortgeschrittene. Micodelirio ist trotzdem kein reiner Konzeptduft, er ist durchaus tragbar, aber eben mit Vorsicht und Maß.
Ich denke, Micodelirio ist genau das Richtige für alle Duftfreaks, die komplexe historische Düfte lieben, für Waldschrate und Freigeister, die die kreative Kraft des Subversiven für sich entdeckt haben. Das ist meines Erachtens ohnehin der Grundgedanke des Dufts. Total spannend!
Wer hat ihn schon getestet oder sogar in der Sammlung?
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