20 Jahre mit Herzblut für Düfte – ein Interview mit Georg R. Wuchsa

Georg R. Wuchsa verlässt Aus Liebe zum Duft. Eine Ära der Pionierarbeit geht zu Ende. Wir sprechen über die letzten 20 Jahre der Nischenduftbranche und darüber, ob es ein Leben nach dem Duft gibt.

Harmen: Wahrscheinlich hatten es noch gar nicht alle Leser des Duft-Tagebuchs mitbekommen, aber Du veränderst Dich. Was ist los?

Georg: Ja, so ist es. Ich ziehe mich als Geschäftsführer zurück, wie ich es vor ein paar Jahren schon geplant hatte. Als ich Aus Liebe zum Duft vor etwa 20 Jahren gegründet habe, war dies echte Pionierarbeit. Weder die Nischenduftbranche noch der Onlinehandel waren besonders weit, geschweige denn beides zusammen. Aus einer privaten Leidenschaft wurde ein kleines Geschäft, das zu heutiger Größe auf professioneller Ebene angewachsen ist. Meine ersten 20 Geschäftsjahre habe ich mich im Juweliergeschäft ganz den Uhren und dem Schmuck gewidmet, die nächsten 20 Jahre höchst intensiv mit Düften und nun kommt ein neuer Abschnitt in meinem Leben. Ich bin ganz offen und gespannt, wohin der Weg mich führt. Mir war es wichtig, Aus Liebe zum Duft in gute Hände zu geben, an ein inhabergeführtes Unternehmen mit Expertise in Sachen Düfte, Nägele & Strubell. Ich habe alles dafür getan, dass der von mir eingeschlagene Weg weitergeführt wird.

Georg R. Wuchsa – die Anfänge

Die Anfänge Ende der 90er

Harmen: Wie kam damals die Idee auf, mit dem Duft-Tagebuch zu beginnen?

Georg: Die Idee lag gewissermaßen auf der Hand. Aus Liebe zum Duft wurde mehr und mehr zu einem Treffpunkt für Duftaficionados. Das Duft-Tagebuch sollte ein Ort sein, wo wir Duftliebhaber uns über die Hintergründe und Entstehungsgeschichten informieren konnten. Es kann ja nicht immer alles in einer Produktbeschreibung ausgeführt werden. Außerdem bot sich hier die Möglichkeit, über Marken und Düfte zu schreiben, die wir nicht im Sortiment hatten oder schlichtweg nicht bekommen haben. Wir wurden damals mit unserem Konzept nicht überall mit offenen Armen empfangen. Die Skepsis gegenüber dem Onlinehandel und vielleicht auch, weil Bruchsal eben nicht Paris oder New York ist, war schon deutlich spürbar. Jedenfalls konnten wir uns im Duft-Tagebuch in einer Form äußern, die den damals noch komplett überschaubaren Markt abbildete. Ulrike Knöll ist es darüber hinaus gelungen, das Thema Duft mit anderen Kulturthemen wie Design, Kino, Mode, Musik etc. zu verknüpfen. So wurden die Artikel wiederum zu mehr als reinen Rezensionen. Später kamen weitere Autoren hinzu, wie Julia und Du, die weitere Facetten zeigen.

Harmen: Was glaubst Du, welchen Stellenwert hatte und hat das Duft-Tagebuch nach wie vor für den Erfolg von Aus Liebe zum Duft?

Georg: Das Duft-Tagebuch war damals eines der ersten deutschsprachigen Duftblogs und ich möchte in aller Bescheidenheit behaupten, dass es auch heute noch das führende Duftblog in deutscher Sprache ist. Es war immer ein Treffpunkt für die Parfumistas (m/w/d, lacht). Wer ausführliche Hintergrundinformationen, treffende und nachvollziehbare Besprechungen und Insiderwissen haben wollte, bekam sie, und ist hier nach wie vor richtig. Von Enthusiasten für Enthusiasten. Ich denke, das Duft-Tagebuch hat unser Angebot immer flankiert und unserer Begeisterung eine sichtbare Form gegeben.

Harmen: Wie hast Du die Entwicklung des Nischenduftbereichs in den letzten 15–20 Jahren erlebt? Was hat sich zum Positiven, was zum Negativen entwickelt?

Georg: Wie formuliere ich das nun, ohne jemandem auf die Füße zu treten (lacht). Stell Dir das so vor. Vor 20 Jahren war die Nischenduftbranche im Prinzip komplett unorganisiert. Es gab keine Vertriebe, keine Messen. Man musste tatsächlich zu den Hotspots der Branche nach New York, Paris oder London reisen und sich in den einschlägigen Boutiquen auf „Trüffelsuche“ begeben. Das war extrem aufregend, aber natürlich auch mühsam. Deswegen finde ich es durchaus positiv, dass es eine größere Präsenz gibt, viel mehr Menschen werden erreicht und auch kleine Marken erhalten die Chance, erfolgreich zu sein. Die Barrieren wurden abgebaut. Es ist nicht ohne Folgen geblieben, dass heute der Markt komplett anders aussieht. Er wurde professionalisiert mit Vertriebsstrukturen, Messen und allem drum und dran. Die Zahl der Marken und damit auch Düfte hat sich vervielfacht. Vorsichtig formuliert: Mit der Masse kommt nicht immer die Qualität. Und es kamen Nachahmer, die unser Konzept kopiert haben. Vielleicht belassen wir es dabei (lacht böse).

Harmen: Stell Dir vor, es ist das Jahr 2000 und Du hättest das Wissen von heute. Was würdest Du anders machen?

Georg: Es ist ja immer schwierig zu mutmaßen. Ich bin niemand, der viel zurückschaut und sich die verbliebenen Haare rauft: „Hätte ich nur dies oder das so oder so getan!“ Ich lebe im Hier und Jetzt. Was kann ich aus den Gegebenheiten und Bedingungen machen, die aktuell vorherrschen? Es waren damals einfach grundverschiedene Umstände. Eine Geschichte, um das zu verdeutlichen: Wenn wir damals eine 6er-Sortierung Düfte bei Bagutta (Anm. H.: später Jalaine Fragrances) bestellt haben, hat das dort für Kopfzerbrechen gesorgt. Können sie das in ihrer eigenen Küche auf die Schnelle abfüllen? Es fand sich auch schon mal ein Katzenhaar im Parfum (lacht). Das waren einfach ganz andere Zeiten. Aber ich bereue nichts.

Harmen: Wie lange wirst Du es aushalten, Privatier zu sein? Welche großen Pläne schlummern in Deinem Hinterkopf, die Du verraten willst?

Georg: Ich merke jetzt schon nach kürzester Zeit, dass das Gassigehen mit dem Hund nicht den Tag ausfüllt (lacht). Mein Plan ist es, einfach ein bisschen Abstand zu gewinnen und Möglichkeiten im Kopf durchzuspielen. Es ist noch nichts entschieden und auch das fühlt sich gut an. Wenn ich aber noch einmal ein Projekt starte, dann wie bei Aus Liebe zum Duft, nur aus persönlicher Leidenschaft und aus Überzeugung mit ganzem Herzen.

Harmen: Du ziehst Dich aus dem Tagesgeschäft zurück. Was möchtest Du uns mit auf den Weg mitgeben?

Georg: Wenn ich in den letzten Jahrzehnten zu einer Erkenntnis gekommen bin, dann zu folgender: Mach, was dir wirklich Freude macht. Natürlich gibt es immer Verpflichtungen und Grenzen. Aber innerhalb der eigenen Möglichkeiten mach, was dich wirklich begeistert. Dazu muss man vielleicht auch einmal die Komfortzone verlassen und ein Risiko eingehen, aber schieb es nicht auf. Das Schlimmste, was passieren kann, ist das man Zeit und Geld verloren hat. Das Beste, dass man ein besseres Leben führt. Ich habe kein Verständnis für Leute, die 20 Jahre lang über dieselben Dinge jammern, aber aus Bequemlichkeit nichts an ihren Umständen ändern. Klar, man muss sich bis zu einem gewissen Grad immer anpassen, aber lasst euch nicht verbiegen!

Harmen: Herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast und viel Erfolg bei Deinen neuen Plänen.

Neueste Kommentare

Geschrieben von:

Hallo, ich heiße Harmen, war bis vor Kurzem irgendwas­unddreißig und habe immer die Nase im Wind, um Duftschätze für Euch zu finden und hier vorzustellen. Selbst bevorzuge ich feine Lederdüfte oder Gewürzkompositionen, ohne mich da aber festzulegen. Warum auch? Es gibt ständig so viel Neues in der Welt der Düfte zu entdecken. → BIRÓ

5 Kommentare

  1. Petra Durst
    4.Mrz 2020
    Antworten

    *seufz*
    hach – es ist schon hart, wenn der Begründer meiner persönlichen Duftleidenschaft und ein Mensch, der mir ans Herz gewachsen ist, „verduftet“ :-)))

    Du hast etwas Einzigartiges geschaffen (bei dem natürlich Nachahmer nicht auf sich warten ließen) aber ALzD ist immer noch die 1. Anlaufstelle für die Trüffelsuche 🙂

    Du hast 2 x 2o erfolgreiche Jahre hinter Dir und ich bin mir sicher, Du wirst auch die nächsten 20 mit etwas erfüllen, was Dich glücklich und zufrieden macht.

    Dat löppt sich ans torecht 🙂 :-*

    xoxo, Petra

  2. Liebe Petra, herzlichen Dank für Deinen netten Kommentar. Wir kennen uns jetzt wirklich schon ein ganzes Weilchen und haben viele interessante, duftende Diskussionen geführt. In den letzten Wochen habe ich durch Nachrichten und Posts von meinen Kunden, Lieferanten und Freunden dann doch so einige emotionale Momente gehabt und jedes Mal wurde mir klar: Niemals geht man so ganz……

    Danke!

    Georg

  3. Margot
    10.Mrz 2020
    Antworten

    Lieber Georg,
    auch mich hast erst Du und das Geschehen um Bruchsal herum zu dem „Junkie“ gemacht, der ich heute bin. Ohne Dich hätte ich auch nicht die vielen tollen Menschen kennen gelernt, die der gleichen Leidenschaft frönen. Und die Treffen in Bruchsal waren immer etwas ganz Besonderes und eine Bereicherung, die ich nicht missen möchte!
    Ich wünsche Dir für die nächsten (mindestens) 20 Jahre noch ganz viel Inspiration ohne Stress und vielleicht sehen wir uns auf einer der Messen ja wieder einmal.
    Alles Gute und ganz liebe Grüße,
    Margot

  4. Georg R. Wuchsa
    11.Mrz 2020
    Antworten

    Liebe Margot, herzlichen Dank auch für Deinen lieben Kommentar. Für mich waren die vergangenen Jahre mit meiner „Liebe zum Duft“ auch immer wieder etwas Besonderes. Leider wurde aus der Niche in den vergangenen Jahren doch ein wenig kommerzieller Mainstream. Ich hoffe, dass von der Liebe zu den Düften von Menschen wie wir auch in Zukunft noch etwas zu spüren sein wird. Allerdings sind die Farben bei meinem Blick nach vorne weniger rosarot als dann doch die „fifty shades of grey“

    Herzliche Grüsse
    Georg

  5. I. Albrecht
    13.Mrz 2020
    Antworten

    Lieber Georg,
    mit großem Bedauern habe ichKenntnis genommen von Ihrem Rückzug ins Private.
    Vor langenJahren habe ich mir oft bei Ihnen Rat geholt bei der Auswahl von besonderen Düften, die eben nicht jedermanns Geschack sind. Überrascht haben mich immer wieder Ihre umfassenden Kenntnisse aus dem Reich der Düfte. Man merkte sofort, dass ausgefallene, nicht dem Mainstream folgende Düfte, eine Herzensangelegenheit für Sie sind und waren.
    Ich vermisse auch die alte Website.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren neuen Lebensabschnitt.
    Ingeborg Albrecht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.