Aus Liebe zum Duft Shop Duft Tagebuch

Santa Maria Novella & das 400jährige.

Geschrieben in Chypre,Duft,Hesperiden,Krautiges am 1.12.2010

Was für ein Anlass: Ein vierhundertster Geburtstag – rechnen wir nach: 1610 müsste es sein, die Italiener legen es aber gerne ein bisschen großzügiger aus und sind, oh Wunder, überpünktlich: 1612 war das Gründungsjahr der legendären Apotheke, bis dahin gedenken sie wohl auch zu feiern und ihr Jubiläum zu begehen.

Dieses ist, in der Tat, auch beachtenswert. Vergleichen wir doch einmal: Houbigant, das älteste französische Parfumhaus, wurde im Jahre 1775 gegründet, Lubin folgte 1798, Guerlain 1828. Farina aus Köln schlagen sich sehr beachtlich mit dem Geburtsjahr 1709. Einwerfen könnte man auch noch die Kerzenmanufaktur Cire Trudon, obgleich jetzt thematisch etwas verrutscht, mit dem Jahre 1643. Dann wären da Acqua di Biella mit 1871 oder die Engländer von Creed, seit 1760 in Familienbesitz, Floris, 1730 in London gegründet (Ihr erinnert Euch? Gerade eben erschienen: 280, der Duft zum Jubiläum) sowie Penhaligon’s, bestehend seit 1870.

Begonnen hat es, wie so oft und vieles – in einem Kloster, ansässig in Florenz. Mönche dominikanischer Art brauten und rührten für ihr klostereigenes Spital diverse Cremes, Tinkturen, Kräutersude, Seifen, Liköre, Pastillen, Colognes und vieles mehr – mit so viel Erfolg, dass man 1612 eine Apotheke für die Allgemeinheit eröffnete: Santa Maria Novella ward geboren. Bald erlangte man einiges an Ruhm und Bekanntheit und erarbeitete sich mit seinen Waren eine Reputation sowie ein Renommee weit über die Grenzen Italiens hinaus. Als Kircheneigentum vom Staat konfisziert, ging Santa Maria Novella im Jahre 1866 in die weltlichen Hände einer Familie über, die das Traditionsunternehmen heute in der vierten Generation führt. Das Sortiment ist annähernd das gleiche geblieben, während neueste Technologien mit alter Tradition Hand in Hand gehen: Santa Maria Novella besitzen noch immer ihre hauseigenen Kräutergärten vor den Toren der Stadt (in der im übrigen auch Parfumphilosoph Lorenzo Villoresi schaltet, waltet und werkt), die in eigenen Laboratorien in vornehmlich Wohlriechendes verzaubert werden.

Zum Jubiläum nun hat man sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Zwei Düfte, limitiert natürlich, namens Ottone und Porcellana krönen diesen runden Geburtstag.

Ich war selbstverständlich neugierig, vor allem, weil es einige Düfte der Apotheke gibt, die ich recht gerne mag, unter anderem auch den einmalig-sonderbaren Nostalgia, zu dem ich – versprochen – noch ein anderes Mal kommen werde.

Heute mag ich nun mit Ottone beginnen. Ottone, der geneigte Italienkundige wird es wissen, heißt auf Deutsch Messing. Dieser Name zollt den starken Einflüssen Tribut, die diese damals wertvolle Legierung im 17. Jahrhundert in Europa auf sämtliches Handwerk ausübte – deshalb wurde für den Flakon auch eine gravierte Verschlusskappe aus reinem Messing verwendet.

Die Verneigung vor diesem Werkmaterial findet sich auch im Duft wieder: Je länger Ottone auf meiner Haut bleibt, umso eher rieche ich jenen speziellen, metallisch-krautigen Duft von Messing. Nicht stechendes Kupfer, auch keine gammeligen Silberlöffel, nein – Messing, welches aus dem Zusammenspiel der Kräuter entsteht. Aber beginnen wir am Anfang: Im Auftakt reckt sich stolz frischer Oregano empor in leuchtend grünem Mäntelchen, der durch Pfeffer eine pikante Begleitung erhält. Die angegebene Gewürznelke hält sich zurück, verschmilzt mit dem Pfeffer ohne selbst überragende Präsenz zu erfahren. Durch Zitrusfrüchte entwickelt Ottone kurzfristig eine Art maritime Ausprägung, die allerdings alsbald von aromatisch-kräuterigen Tendenzen überlagert und negiert wird, die bisweilen den Charakter eines krautigen Chypres an den Tag legen, während sich jene, ja: Messingnote, eine dezent säuerliche, einstellen mag. In seinem Verlauf bekommt der kräftige Ottone, was ich anfänglich nicht vermutet hätte, in der Tat noch eine wärmere Seite: Die Basis ist holzig (bisweilen auch nadelholzig wirkend) und wird mehr und mehr balsamisch, die Kräuter und den Eindruck des Namenspatens in den Hintergrund drängend, und gewinnt darüber hinaus eine verhalten süße Wärme, die sehr sicher von Hölzern, vor allem aber auch Sandelholz stammt. Mich persönlich erinnert die Basis etwas an Santal Noble von Maître Parfumeur et Gantier, jenes wundervolle Duftchamäleon.

Die Ingredienzen: Oregano, Zimt, Pfeffer, Gewürznelke, Bergamotte, Petitgrain, Hölzer, aromatische Noten, balsamische Noten.

Ein schöner, aber kräftiger und definitiv maskuliner Duft – an einer Frau kann ich ihn mir nur schwer vorstellen. Das muss ich ja aber auch gar nicht, morgen geht es nämlich weiter mit Porcellana, der Damenvariante ;)

Bis dahin viele liebe Grüße,

Eure Ulrike.

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Santa Maria Novellas Porcellana…
Freitagsverlosung
Freitagsverlosung.


Eine Rosenwoche…

Geschrieben in Chypre,Duft,Gourmand,Solifloral am 4.10.2010

… wird es geben, denn dieser Tage bescherten uns einige Firmen neue Rosendüfte. Eine davon ist diejenige des Herrn Tauer, Rose Vermeille, die Nummer 10 seiner Serie und bereits im neuen fünfeckigen Flakon erhältlich.

Andys zweite Rose ist es, erinnert sich noch wer an die ersten beiden? Ja, genau, Incense Rosé und Rose Chyprée, die Nummer 8, wobei ersterer ja eher ein Weihrauch mit Rosenumrankung ist. Ich war neugierig und habe mir zumindest Rose Chyprée nochmals parallel zu Gemüte geführt – dessen Ingredienzen: Kopfnote: Bergamotte, Zitrone, Clementine; Herznote: Damaszener Rose, Lorbeer, Geranium, Zimt; Basisnote: Labdanum (Zistrose), Eichenmoos, Patchouli, Vetiver, Vanille, Ambra.

Ein mächtiges Rosenchypre, meine Herren, das Düftchen ist nicht von schlechten Eltern – nichts anderes ist man aber von Herrn Tauer gewöhnt, oder nicht? Die zitrischen Hesperiden schleichen sich bald prickelnd hinfort und zurück bleibt ein wuchtiges Rosenherz, dessen Rosigkeit von Geranium minzig unterstrichen wird. Ein sehr ernstes und dunkles Königinnenherz von bitter-herbem Lorbeer gekrönt und mit dickem Leder umrahmt. Das Ruhelager darunter bietet zweierlei: Zum einen die typische, warme, harzig-ambrierte, in Anlehnung an Guerlains Basis von Nathan Branch einmal als Tauerade bezeichnete Tauer-Basis. Und zum anderen einen düster-schillernden krautigen Chypre-Untergrund.

Ein Vollblutchypre der heftigen Sorte – Rosen sollte man schon mögen und Chypres auch. Ich mag beides. Trotzdem wirkt zum Beispiel eines meiner Lieblingschypres, das Eau Suave, ebenfalls ein Rosenchypre und nostalgisch-altmodischer, angenehm getragen-melancholischer Art, neben diesem Tauer hier wie ein unbeschwerter Girlieduft.

Und Girlieduft ist eine ganz herrliche Überleitung zu Tauers neuester Rose, Rose Vermeille. Im Gegensatz zu ihrer ernsten Schwester Une Rose Chyprée muß natürlich eine Gourmandrose, als welche Tauer Rose Vermeille bezeichnet, leichtfüßig und -lebig wirken, oder etwa nicht?

Trotz allem, Spaß beiseite – natürlich ist weder das Eau Suave noch Rose Vermeille ein Girlieduft. Letzterer überrascht aber trotzdem ob seiner Ambivalenz: Einerseits ein typischer Tauer. Und andererseits auch wieder gar nicht. Bevor ich Euch jetzt weiter verwirre gehe ich lieber gleich zum Duft über ;)

Seine Ingredienzen: Kopfnote: Bergamotte, Zitrone, Lavendel; Herznote: Rose, Veilchen, Himbeer; Basisnote: Vanille, Sandelholz, Tonkabohne, Ambra.

Une Rose Vermeille ist – eine weitere Hommage an die Rose, und zwar an eine ganz besondere: Eine tiefrote mit einer ins leuchtende Orange übergehenden Farbe, das bedeutet nämlich „Vermeil“.

In den Kopfnoten präsentiert sich jene noch zitrisch und bisweilen mediterran-maritim anmutend, was durch den gestreng-würzigen, dezent krautigen Lavendel noch unterstrichen wird. Nicht allzu lange später bahnt sich jene Rose ihren Weg, vielmehr: ein ganzes Rosenmeer. Von zart-zurückhaltenden Veilchen gesäumte betörende Vertreterinnen ihrer Gattung sind es: Verlockend und lasziv-fruchtig, genauer: himbeerig, betörend gourmandig nach leicht rauchiger Karamellcreme duftend, die vermutlich irgendwo aus der überaus sinnlichen, warm-harzigen und die Tauersche Signatur tragenden Ruhestätte, der Basis hervordringt.

Für einen Tauer ungewohnt süß, das muß man schon sagen. Aber, trotz allem – ein typischer Tauer. Von einer gourmandig anmutenden Rose zum Beispiel von… Coudray oder Parfum de Rosine trennen diesen Duft doch Welten ;)

Wie seht Ihr das? Gefallen Euch die beiden neuen Tauers (den anderen hatte ich ja letzten Mittwoch besprochen)? Wie steht Ihr zu Tauer generell?

Liebe Grüße,

Eure Ulrike.

P.S.: Ach ja: Une Rose Chyprée kann ich mir sehr gut an Weiblein wie Männlein vorstellen – Une Rose Vermeille hingegen dürfte tatsächlich der Damenwelt vorbehalten bleiben meine ich.

Bildquelle: Red Rose von MarcusObal via Wiki Commons, some rights reserved – lieben Dank!

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Duftverzeichnis


Was ward die Welt so welk!

Geschrieben in Chypre,Duft,Tabak & Rauchiges am 23.09.2010

Nun ist er da, der Herbst – kalendarisch wie meteorologisch. Grund genug, einen kleinen Ausflug in südliche Gefilde zu unternehmen. Genauer: an die italienische Amalfiküste. Dort, etwa 50km südöstlich von Neapel, liegt nämlich der kleine 4000-Seelen-Ort Positano. Der ein oder andere Parfumliebhaber mag jetzt schon wissen, worauf ich hinaus will. Ist in diesem kleinen Städtchen, das von engen steilen Gassen und vielen Treppen geprägt ist, doch das ebenso berühmte wie luxuriöse 5-Sterne-Hotel Le Sirenuse beheimatet. Gegründet wurde es im Jahre 1951 von vier Brüdern, die der alteingesessenen neapolitanischen Sersale-Familie entstammten. Das Hotel befindet sich in einem wunderschönen Palazzo aus dem 18. Jahrhundert und ist seit seiner Eröffnung ein Synonym für Luxus und italienischen Lifestyle. Ein Spross der Familie ist Marina Sersale, die nach Ihrem Studium als Dokumentarfilmerin und Produzentin arbeitete, bevor sie sich schließlich in Rom niederließ. Dort lernte sie den gebürtigen Argentinier Sebastián Alvarez Murena kennen, der einer südamerikanischen Schriftstellerfamilie entstammt.

Völlig neue Wege gingen die beiden, als sie zum 50-jährigen Jubiläum der Sersaleschen Luxusbleibe das Eau de Toilette Eau d’Italie kreierten, zu welchem sie nach und nach auch eine ganze Reihe an Körperpflegeprodukten lancierten. In Zusammenarbeit mit keinen Geringeren als Bertrand Duchaufour und Alberto Morillas entstanden in den nächsten Jahren noch diverse weitere Düftchen: Magnolia Romana, Paestum Rose, Bois d’Ombrie, Baume du Doge, Au Lac und der heutige Stargast Sienne l’Hiver. Abgesehen vom jüngsten Duft Au Lac, der auf das Konto von Morillas geht, stammen alle anderen italienischen Wässerchen vom Meister Duchaufour. Nachdem selbiger mich schon mit seinen L’Artisan-Reisedüften (im positiven Sinne) aus den Socken gehauen hat, bin ich mehr als gespannt auf seine heute rezensierte Kreation für das italienische Junglabel.

Sienne l’Hiver – Siena im Winter. Seit Ewigkeiten wollte ich immer mal in die Toskana fahren, um die Landschaft zu genießen und um die geschichts- und sehenswürdigkeitsträchtigen Städte Florenz, Pisa, Lucca und eben Siena zu besichtigen. Bisher habe ich es leider noch nicht geschafft. Im Augenblick bleibt mir somit nur die olfaktorische Reise nach Mittelitalien; mit Herrn Duchaufour als Reiseleiter kann da ja (hoffentlich) nichts schiefgehen.

Die Ingedienzien: Geraniumblätter, Veilchenblätter, Farn, Iris, Trüffel, Weihrauch, Heu, Labdanum (Zistrose), Guajakholz. Laut Hersteller haben wir es hier mir einem rauchigen Chypre zu tun, der für Männlein und Weiblein geschaffen wurde.

Sienne l’Hiver captures the refined world of the Renaissance city of Siena – a sophisticated and award-winning fragrance of subtle earthy nuances.

Klingt spannend, insbesondere in Hinblick auf die eher ungewöhnliche Duftkomposition. Also auf an’s Werk! Schon beim ersten Schnupperer fühle ich mich in eine herbstlich-melancholische Stimmung versetzt. Dunkelgrün-waldige Noten, flankiert von einer subtil pfeffrigen Schärfe. Nasses Laub auf feuchtem Waldboden; goldbraunes Blattwerk, das zu Humus wird, ehemals organische Substanz verwandelt in Erdboden. Rauchige Noten wehen herbei. Trüffel bringt pilzig-erdige, ja leicht modrige Aspekte hinzu. Harzige Koniferennuancen kommen hinzu, die ich dem Weihrauch zuschreiben würde. Iris unterstreicht die Komposition durch mehr ölige, denn buttrige Waldbodenakzente, die sich mit den holzig-balsamischen Rauchnoten vereinen.

Beeindruckt durchschreite ich diesen duftenden Wald in meiner Phantasie. Neblig-trüb ist es, leise plätschert der Regen auf das dichte Laub über meinem Kopf. Vielleicht ist da ein See, über dessen kaltem Wasser graue Wolkenschleier hängen. Erdtöne aller Nuancen vereinen sich mit Moosen, Pilzen und verrottendem Laub, ergeben einen dicht gewebten Duftteppich, der mich auf eine ruhig-kontemplative Art und Weise einhüllt. Spontan muss ich an die ersten beiden Strophen von Rilkes Herbstgedicht denken:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Ihr seht, meine Phantasie trägt mich an einen völlig anderen Ort als das winterliche Siena, vielleicht weil ich noch nie wirklich dort war, während ich schon so manchen verwunschenen Wald zur spätherbstlichen Zeit tatsächlich durchschritten habe. Auch entgehen mir die gourmandigen Röstkastanien- und Olivenassoziationen, die so manch anderer Blogschreiberling in Sienne l’Hiver zu erkennen vermeint. Die Phantasie trägt einen eben nicht immer an den gleichen Ort, der Individualität sei Dank. ;-)

Herrn Duchaufour verzaubert mich einmal wieder. Die Stimmung dieses Duftes erinnert mich ein wenig an Dzonghka. Auch wenn das Sujet natürlich ein gänzlich anderes ist; unkonventioneller als der nepalesische Reiseduft, diesem aber bezüglich seiner Transparenz und Aussagekraft in nichts nachstehend.

So verbleibe ich verzaubert im herbstlichen Märchenwald und wünsche Euch einen schönen Tag,

Eure Stephanie.

Bildquelle: Herfst von Dick Mudde und Toter Baum am Seeufer von Richard Huber – some rights reserved. Vielen lieben Dank!

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Alles Glück dieser Erde…

Geschrieben in Chypre,Duft,Hesperiden,Holziges,Krautiges am 21.09.2010

… liegt bekanntermaßen auf dem Rücken der Pferde. Und mancher Nasen Glück vielleicht in jenen pferdeverzierten Flakons, die Parfums de Marly uns beschert hat. Vier Düfte sind es, Darley hatte ich gestern schon vorgestellt, heute sind Ispazon und Lippizan an der Reihe.

Ispazon macht es einem ein bißchen schwerer, den Namen abzuleiten – eine Hommage an den Friesen findet sich hier, jenes Pferd, von dem ich immer dachte, all mein Glück läge auf dessen Rücken. Ein echter Kleinmädchentraum ist es: Rabenschwarz und mit einer langen Lockenmähne ausgestattet, die die meisten Frauen vor Neid erblassen läßt, sind diese sanften Riesen äußerst intelligent, nervenstark, meist unkompliziert, geduldig und äußerst gelehrig. Darüber hinaus haben sie eine große Affinität zur Hohen Schule und besondere Fähigkeiten, die sie zu zirzensischen Lektionen befähigen – ihr wißt schon, auf Kommando steigen, hinlegen, verbeugen und so weiter…

Ob der Friese nun ein Warm- oder ein Kaltblut ist, darüber streiten sich Fachmänner immer noch. Wahr ist, daß die ursprüngliche Kaltblutrasse der Ostfriesen bereits im 16./17. Jahrhundert während der spanischen Besatzung der Niederlande mit spanischen Pferden veredelt wurde. Heraus kam jenes Barockpferd, das aussieht, als ob es dem Reißbrett eines italienischen (Auto?)Designers entfleucht wäre und welches ob seiner Ambivalenz einen ganz besonderen Reiz besitzt: Groß und mächtig anmutend, jedoch grazil und leichtfüßig in seinen Gängen, geschmeidig in seinen Bewegungen – ganz abgesehen von der umwerfenden Optik…

Ispazon, der Duft, besitzt auch etwas von jener Ambivalenz – und ich finden den Vergleich tatsächlich auch gar nicht bemüht, obgleich es natürlich zugegebenermaßen schwer ist, Äquivalenzen bei einem Duft und einem Pferd zu konstatieren.

In den Kopfnoten beginnt Ispazon mit einer zitrisch-prickelnden Frische, welche vornehmlich Zitrone und Limette erahnen läßt, um sich dann alsbald auf seine Kräuter zu besinnen: Lorbeer und Thymian. Vor allem ersterer ist ein dominanter Geselle: Finstergrün leuchtend strahlt er ernst und ein wenig herb-bitter, von seines Mitstreiter Thymians sanfter Kräuersüße abgemildert. Dessen Weichheit und kräuterig-süße Kühle, das Herz des Duftes und ein wenig an Maître Parfumeur et Gantiers bezaubernd leisen Garrigue erinnernd, bildet auch den Auftakt für den zweiten Teil oder vielmehr: den dritten Akt des Duftes, die Basis: Jene stellt ein absolutes Kontrastprogramm zum restlichen Duft dar. Hautnahe und verhalten süße Wärme von Moschus und würziger Vanille mit einer Tendenz zur Hitze dank Ambra, welche ebenfalls für einen kleinen animalischen Anstrich sorgt.

Die Duftnoten: Kopfnote: Zitrone, Limette, Orange, Lorbeer, Thymian; Herznote: Maiglöckchen, Zedernholz; Basisnote: Ambra, Vanille, Moschus.

Lippizan ist ebenfalls überraschend, allerdings in anderer Hinsicht… Eine Hommage an die älteste Kulturpferderasse stellt der Duft dar, eine olfaktorische Verbeugung vor jenem weißen Vollblut, dessen Geschichte eng mit den Habsburgern verknüpft ist. Im Gestüt Lipica haben sie ihre Wiege, das im gleichnamigen Stadtteil der slowenischen Gemeinde Sežana gelegen ist. 1580 von Erzherzog Karl II. gegründet, gilt das Gestüt Lipica heute als Kulturdenkmal mit weltweit einmaligem Ruf und übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Pferdeliebhaber aus, die dem Ruf der weißen Rösser schon seit Jahrhunderten folgen. Könige und Kaiser, Herrscher und Adel begeisterten sich für jene Pferdchen genauso wie das gemeine Volk – dem einen oder anderen dürften sie auch aus der berühmten spanischen Hofreitschule in Wien bekannt sein, wo sie mit ihren Vorführungen der Hohen Schule brillieren.

Nun, nachdem ich jene herrlichen Vollblüter auch beizeiten kennenlernen dürfte als alter Pferdecomics verschlingender Teenager präsentiert sich Lippizan erstmal eher unerwartet: Nach dem Aufsprühen maritime Momente kreierend durch ein wohlwollendes Stilleben von Hesperiden und Kräutern offenbart er umgehend seine eigentliche Natur – diejenige eines Chypreduftes. Ein kräuterig-brausendes Mäntelchen mit waldig-(nadel)holzigem, erdigem Galbanum gesäumt, welches ein in Leder gefasstes Herz aus heller Rose und floralen Tupfern offenbart, das auf einem harzig-moosigen Lager ruht.

Alles in allem sehr schön – auf den ersten Blick allerdings nicht das, was ich mit einem edlen weißen Pferd assoziieren würde… Da es aber auch Braune und Rappen von dem Lipizzaner gibt, wenn auch selten, kommt das schon hin, zumal jene Pferde neben ihrer grazilen Anmutung eben auch eine Art zivilisierte Ungestümheit besitzen, Temperament eben – und da sind wir dann sofort doch bei Lippizan, dem Vollblutchypre ;)

Die Ingredienzen: Kopfnote: Bergamotte, Zitrone, Kardamom, Thymian, Estragon, Muskatellersalbei; Herznote: Jasmin, Rose, Iris, Galbanum, Patchouli, Zedernholz, Vetiver; Basisnote: Baumflechte, Vanille, Leder, Ambra, Moschus.

Morgen folgt noch Shagya, der letzte in der Runde der Marly-Düfte – bis dahin einen schönen Tag und liebe Grüße,

Eure Ulrike.

P.S.: Falls Ihr Euch wundert: Lippizan schreibt sich in der Tat so, obgleich der Lipizzaner selbst jenewelche Schreibweise besitzt, was sicher zu einiger Verwirrung führen wird…

Bildquelle: Fris von Kersti Nebelsiek, Male Friesian Horse von Larissa Allen, Maestoso Basowizza & Oberbereiter Hausberger [Vorführung der spanischen Hofreitschule vor dem Schloß Schönbrunn mit einem der legendären Lipizzanerhengste] von Machoxx, alles via Wiki Commons, some rights reserved – vielen lieben Dank!

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Serverumzug…


Amouage und das neueste Werk…

Geschrieben in Chypre,Duft,Florientalisch am 15.07.2010

Einen schwergewichtigen Titel haben sich Amouage da für ihre neuen Düfte einfallen lassen: Ein jeder Duft trägt den Namen Opus und seine ureigene Nummer dazu.

„Jeder Duft ist ein großes Werk, ein Opus, der als Beiname eine römische Ziffer trägt. Ähnlich wie ein großartiges Buch in einer Bibliothek sind auch die Düfte der Library-Collection zeitlose Stücke, die keiner Mode unterliegen. Alle drei Opus-Düfte sind einzigartige Werke und bestechen durch ihre zeitlose Schönheit.“

Opus, laut Wikipedia „die lateinische Bezeichnung für ein Werk, insbesondere eines Komponisten oder eines anderen schöpferischen Künstlers“ – insofern ja eigentlich vollkommen richtig, ist das Parfumeurshandwerk ja doch in den Augen vieler, mich eingeschlossen, eine Kunst. Und somit rückt natürlich das Augenmerk auch auf die Parfumeure, die Nasen dahinter, Handwerker und Künstler in einem. Amouage aus dem Oman hatten schon in der Vergangenheit unter Beweis gestellt, daß sie ein gutes Händchen für Parfumeure haben: Guy Robert schuf einige der Klassiker des Hauses, Bertrand Duchaufour zeichnete sich verantwortlich für die Düfte zum 25jährigen Firmenjubiläum, zu denen auch einer meiner unangefochtenen Holy-Grails gehört, XXV for Men, mein heiliger Brombeerweihrauch.

Das Haus aus dem Oman gehört definitiv zu den Hochkarätern im Duftbereich – deshalb bin ich doppelt gespannt auf die neuen Kreationen, die wir uns die nächsten Tage anschauen werden, auch und gerade mit einem Blick auf die Parfumeure…

Opus 1 wird als Chypre bezeichnet und beinhaltet folgende Ingredienzen: Kopfnote: Bitterorange, Pflaume, Kardamom; Herznote: Ylang-Ylang, Rose, Jasmin, Tuberose, Maiglöckchen; Basisnote: Papyrus, Zedernholz, Guajakholz, Weihrauch, Tonkabohne, Sandelholz, Vetiver.

Im Auftakt weht einem gleich die Bitterorange entgegen – distinguiert, ein edles Exemplar, das alsbald von einer fruchtigen, leicht herben Pflaume eingeholt wird. Abgerundet werden die beiden von tief dunkelgrünem Kardamom, der sämtliche seiner Geruchsregister zieht und sowohl Kamphernoten als auch jene von Nadelhölzern zeigt, welche er mit leichten Rauchschwaden versieht. Aus jenem scheint alsbald das Herz hervor, ein unübersehbar florales, das dicht verwoben nur schwer einzelne Blüten preisgibt, wenngleich es in jedem Falle auch Weißblütler beherbergt. Leicht ledrige Noten, wie sie ein Chypre gerne besitzt, zeigt auch Opus 1, jedoch auf sehr subtile Art und Weise. Die Basis unterstreicht das florale Herz und die ausgeprägt chyprierten Anklänge sanft mit zivilisiertem Weihrauch, Hölzern und einer wunderbar weichen Wärme von Tonka und Sandelholz, während der Vetiver die Rauchigkeit des Kardamom aufgreift und vertieft.

Opus 1 ist von Daniel Maurel, über den es wenig zu sagen gibt – Lyric Woman scheint seiner Nase entsprungen zu sein, ansonsten ist er ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt, zumindest für mich… und Google sowie sämtliches Pressematerial, das auf die Schnelle nicht wirklich etwas über ihn hergab – weiß wer mehr?

Meines Erachtens nach würde Opus eine neue Kategorie benötigen – nämlich diejenige Unterkategorie des orientalischen Chypres. Ich habe lange überlegt, aber mir ist nichts ähnliches eingefallen, obgleich ich Chypredüfte eigentlich sehr gerne mag. Umso mehr erfüllt es mich mit Freude, daß sich Amouage dieser alten Duftfamilie angenommen hat und solch eine zeitlose und besondere Interpretation geschaffen hat.

Opus 1 ist ein Vollblutchypre, keine Frage. Die fruchtig-herbe und fleischige Pflaume aber, die er rudimentär den ganzen Duftverlauf über beibehält, kreiert in Kombination mit der Basis, vermutlich einem Teil der Hölzer, dem Weihrauch und der Tonkabohne, eine würzig-zimtig anmutende Atmosphäre, die einen erhaben orientalischen Eindruck vermittelt. Erhabenheit ist hier (und, das kann ich schon verraten, auch bei allen anderen Düften) ein Thema – alle haben sie etwas davon an sich, von dieser über allem stehenden (oder besser: ruhenden) Schönheit, die sich nicht beweisen muß und niemals laut daherkommt.

Ihr seht schon, ich bin ziemlich angetan. Und werde Euch morgen natürlich auch noch die restlichen zwei Düfte ausführlich vorstellen. Bis dahin

liebe Grüße,

Eure Ulrike.

Bildquelle: Arabesque von Falto via stockx.chng – vielen lieben Dank!

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Frühlingsverlosung – Die Gewinner.
Letzte Erinnerung an unser Frühlingsgewinnspiel!
Der Frühling ist da…


Beim ersten Mal tat’s noch weh…

Geschrieben in Chypre,Duft,Fruchtiges am 29.06.2010

schnulzte Stefan Waggershausen im Jahre 1990 zusammen mit der französisch-belgischen Karibikperle Viktor Lazlo ins Mikrofon. Erinnert Ihr Euch? Eines der ganz großen Meisterwerke der deutschen Musik. ;-)

Nun, in meinem Fall hier kann ich das Schmerzbekunden nicht bestätigen, obwohl es sich um mein erstes Mal handelt. Beim Schreiben diese Artikels hatte ich weder körperliche noch seelische Schmerzen, auch keine Phantomschmerzen, ja noch nicht einmal der Weltschmerz hat mich heimgesucht. Und so hoffe ich, dass auch Ihr beim lesenden Verkosten dieses Artikels gänzlich indolent bleibt, es Euch noch nicht einmal ein klitzekleines bisschen in der Seele weh tut.

So sei es nun! Hier kommt meine erste Duftrezension:

Thema meines Erstlingswerkes soll die in letzter Zeit hier im Blog bereits öfters erwähnte Roudnitska’sche Ode an die Frau Gemahlin sein – Le Parfum de Thérèse. Die Geschichte dahinter dürfte hinlänglich bekannt sein und soll deshalb hier nur am Rande Erwähnung finden. Edmond Roudnitska, seines Zeichens Parfumeur von Weltklasseformat, kreierte Mitte der 1950er Jahre einen Duft für seine Frau Thérèse. Dieser sollte über 40 Jahre lang nur ihr vorbehalten sein, nur von ihr getragen werden. Erst nach Edmond Roudnitskas Tod erlaubten die Witwe und ihr Sohn (der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Michel ist ebenfalls ein berühmter Parfumeur) dem renommierten Frédéric Malle, den Exklusivduft unter dem Namen ‚Le Parfum de Thérèse’ auf den Markt zu bringen.

Mit dieser romantischen Geschichte im Hinterkopf gehe ich nun gespannt in die Dufttestung. Laut Frédéric Malle erwartet mich ein Parfum, welches „hell, komplex und unglaublich modern“ sein soll; ein fruchtiger Chypre mit satten, überreifen Früchten, namentlich Pflaume und Melone, einem Bouquet aus sinnlicher Rose und Jasmin, gelagert auf einer holzig-ledrigen Basis. Soweit, so gut!

Frisch aufgesprüht offenbaren sich Gewürznoten; ganz deutlich Pfeffer, Muskatnuss vermeine ich wahrzunehmen, im Hintergrund schwirren subtil ein paar Hesperiden umher. Aquatisch-fruchtige Tendenzen zeigen sich, die wohl von der Melone herrühren. Keine derb-süße Honigmelonenfruchtigkeit, sondern viel eher eine ebenso dezente wie authentische Wassermelone. Herrn Malles Prophezeiung von üppig-überreifen Früchten sehe ich hier nicht, dafür sind die Noten von Melone und Pflaume viel zu zart: eine wässrig-leichte Fruchtsüße mit säuerlichen Anklängen, die sich mit der immer noch deutlich wahrnehmbaren Pfefferschärfe auf ein pikantes Stelldichein einlässt. Zu diesen tritt ein weiterer Geselle hinzu: Jasmin, welcher sich für seine Verhältnisse in vornehmer Zurückhaltung übt. Mit diesem gewinnt der Duft an Raum, bleibt aber insgesamt eher hautnah. Eine eher dunkel-fruchtige Rose betritt die Bühne, die beinahe seifige Noten mit ins Spiel bringt. Es entwickelt sich eine fruchtig-säuerliche Süße, insgesamt bleibt der Duft aber eher im herberen Milieu. Im Hintergrund sorgt Pfeffer für eine stetige würzig-trockene Schärfe, die sich in der Basis mit Holznoten und leicht rauchig-krautigem Vetiver vereint. Leder kann ich nicht explizit herausschnuppern, zu sehr verschmelzen die einzelnen Duftnoten miteinander. Leider entwickelt sich der Duft auf meiner Haut ganz und gar nicht vorteilhaft, kippt extrem ins Säuerlich-Schweißige… Tja, ich bin eben nicht Thérèse. Böse Hautchemie!

So, nun sitze ich hier, meine Murmel ist ganz benebelt vom Parfum und der verwirrenden Erkenntnis, dass meine persönlichen Erwartungen und der tatsächliche Duft doch reichlich divergieren. Dem romantisch-verklärten Bild, welches ich mir in meinem kleinen Steffi-Köpfchen zusammengeschustert habe, entspricht Le Parfum de Thérèse nicht. In keinster Weise haben wir es hier mit einem pastellig-verspielten Jungmädchenduft zu tun (gewiss, gewiss ich hätte es mir auch schon beim näheren Betrachten der Duftnoten denken können….), kein Werk eines frisch Verliebten, kein rosarote Brille-Duft für eine jugendliche Angebetete, dafür ist er viel zu erwachsen, viel zu reif, viel zu individuell – letzteres liegt duftbiographisch ja auch in seiner Natur. Es ist ein Duft, der gefallen muss, der nicht grundsätzlich gefällig ist. Man kann erschnuppern, dass er das Produkt einer langjährigen Liebe ist. Edmond Roudnitska kannte das Wesen seiner Frau, ihre Vorlieben und Wünsche in- und auswendig als er ihr den Duft auf den Leib schneiderte. Der Prototyp entstand bereits in den 50er Jahren, aber erst 1961 war das Parfum perfekt auf Thérèse abgestimmt. Seither ist an der Rezeptur nichts mehr verändert worden.

Mir persönlich fällt es schwer, mir Thérèses Parfum in den nierentisch-belasteten 50ern oder auch den 60ern vorzustellen, weil mir dafür viel zu modern wirkt. Ja, irgendwie zeitlos-avantgardistisch. Es ist ein sich langsam entwickelnder, lang anhaftender, äußerst komplexer Duft, der ausgewogen-rund wirkt. Die Duftnoten verschmelzen ineinander, sind aber trotzdem noch in ihren individuellen Tendenzen wahrnehmbar. Ausschlaggebend für die Duftharmonie ist meines Empfindens nach der rote Faden, der sich durch den gesamten Duftverlauf mal mehr, mal weniger dominant hindurch zieht: die trockene Pfefferschärfe, die ihre duftenden Begleiter im Laufe der Zeit wechselt, sich weiterentwickelt, aber als Konstante immer erhalten bleibt. Genauso wie Thérèse ihrem Edmond über viele Jahrzehnte hinweg treue Weggefährtin und geliebte Muse war, die seine Kreativität durch ihr bloßes Dasein nährte, ihn unterstütze, ermutigte und ermunterte. Vielleicht können wir in dieser Konstante eine kleine Verbindung zwischen Duft und Liebespaar sehen…. ach, da ist sie wieder meine Romantik! :-)

Einen schönen Tag wünscht Euch,

Eure Stephanie.

Bildquelle: The New Perfume und Sweet Nothings von John William Godward – some rights reserved. Vielen Dank!

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Lorbeeren einheimsen…
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Umé…

Geschrieben in Chypre,Duft,Fruchtiges,Orientalen am 12.03.2010

ist mein ganz persönlicher Keiko Mecheri Favorit – zumindest von den „alten” Düften. Bei den neueren Irisdüften ist durchaus auch etwas für mich dabei, der Cuir Cordoba ließ mich auch nicht kalt – aber, ganz generell, ich gestehe: Ich war noch nie ein großer Mecheri-Fan. Vermutlich sind sie mir bisweilen – zu süß, zu weiblich, zu… nun, eben, einfach nicht meins.

Nur Umé, Umé liebe ich, obgleich ich ihn selbst kaum trage. Und obgleich es durchaus auch andere schöne Pflaumendüfte gibt wie zum Beispiel Parfum d’Orsays Dandy von letzter Woche. Ein paar andere habe ich mir bereits herausgekramt und werde diese Thematik lose verfolgen, eignet sich doch die jetzige Jahreszeit noch perfekt für Pflaumen und deren oft üppigere Fruchtigkeit. Üppig ist im Zusammenhang mit Umé genau das richtige Wort.

Aber ich werde jetzt erst noch einmal gewollt abschweifen. Nämlich zu Mecheri. Ein Aspekt, der mich ganz subjektiv an Mecheri etwas stört, entsprang vielleicht (m)einer enttäuschten Erwartungshaltung: Als ich das erste Mal über ihre Düfte stolperte, erwartete ich etwas – Asiatisches. Japanisches. Oder, besser: Etwas, was ich mir als semi-vorgebildeter Europäer unter einem asiatischen Duft vorstelle. Ätherische Züge, eine gewisse Strenge, Transparenz, Zurückhaltung, Unergründlichkeit, eine gewisse Melancholie, die die vermeintliche Leichtigkeit des Seins naturaliter durchdringt. Davon kann bei Mecheri nun wahrlich nicht die Rede sein. Das ist eben nicht Mecheri. Und war eben nichts für mich.

Für mich, die ich schon seit langer Zeit vor allem der japanischen Literatur verfallen bin, derjenigen aus dem 20. Jahrhundert. Kawabata, Mishima, Akutagawa, Dazai, Inoue, Ōe und wie sie alle heißen. Den Zugang dazu fand ich, wie viele, vor Jahren über – Murakami, den zeitgenössischen Bestsellerautor und zwar über seine „Gefährliche Geliebte”. Ein Roman über einen erfolgreichen Geschäftsmann, der an der Erinnerung an seine erste Liebe krankt und leidet, weil er sich Jahre nicht von der Vorstellung an sie befreien kann, diese seine Sandkastenliebe, was er retrospektiv an vor allem an einer Situation festmacht, welche er in folgende Worte faßt: „Das Gefühl, ihre Hand zu halten, hat mich nie wieder verlassen. [...] Es war lediglich die kleine, warme Hand eines zwölfjährigen Mädchens, aber diese fünf Finger, diese Handfläche waren wie eine Vitrine, die absollut alles enthielt, was ich wissen wollte – und was ich wissen mußte. Indem sie meine Hand nahm, zeigte sie mir, was dieses „alles” war. Zeigte mir, daß es hier, in der realen Welt, einen solchen Ort gab. [...] Es erfüllte mich mit Seligkeit, daß sie meine Hand gehalten hatte. Ihre sanfte Berührung wärmte mir noch tagelang das Herz. Zugleich verwirrte mich dieses Gefühl, machte mich ratlos, in gewisser Weise sogar traurig. Wie würde ich nur je mit dieser Wärme fertig werden können.” (20)

Dieses Sehnen, dieses defizitäre Moment, dieses Nicht-Ganz-Sein ohne den Anderen ist typisch für die japanische Literatur. Und für mich somit auch etwas, daß ich ganz fest mit Japanischem verbinde, ohne je Japan besucht zu haben – diese mitschwingende Traurigkeit aus der Vergänglichkeit heraus. So ist für mich eigentlich auch die Iris jene welche Blüte, die ich am besten mit japanischen Düften und somit auch ihren Trägerinnen, den Frauen, gedanklich in Einklang bringe.

Eine kühle und kühne überlegene Iris wie die anbetungswürdige Iris Pallida von L’Artisan Parfumeur. Oder eine elegant-zurückhaltende wie jene von Meisterparfumeur Pierre Bourdon für Roméa d’Améor kreierte namens Les Impératrices Japonaises. Perfekt an einer Adligen, an einer Frau aus gutem Hause, an einer Intellektuellen und auch an einer Geisha, jenen in Liebeskünsten bewanderten Frauen. Was aber trägt exakt diese – abends?

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Ich glaube, sie trägt abends oder besser: nachts eben keine Iris. Sondern Ume. Weil Umé so opulent ist, so reich und so wollüstig. So tief, so verführerisch und so prachtvoll. Intelligent, dekadent und sinnlich – kein Wunder, steht die Blüte der gleichnamigen japanischen Pflaume für Femininität, Schönheit und Erhabenheit. Im Auftakt zeigt Umé einen Hauch Hesperiden, die aber fast sofort von einer likörigen Fruchtigkeit überlagert werden, die gleich den Weg ebnet in das ausladende Herz: Pfirsichhafter Osmanthus umrankt von Blüten, unter anderem betörender Jasmin und eben – die Pflaume, die Hauptprotagonistin, die im Duftverlauf an Würze und Tiefe gewinnt und sich in der Basis auf einem warm-würzigen Lager bettet, stetig umweht von einer leichten Chypre-Ahnung.

Mich erinnert Umé immer an all jene großen Worte, die ich so passend für mich vielfach in japanischer Literatur wiedergefunden habe, die sich so ambivalent verhalten und zum Teil gegensätzlich: An Schönheit und an Trauer, an Glück, Jugend und Vergänglichkeit, an Tiefe und Leichtigkeit, an Liebe, an Gleichgültigkeit, an Alter und an Reife, – diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen… Für mich ist Umé „voll” – diese Fülle muß man aushalten können. Kann ich nicht immer, will ich nicht immer. Wenn dann ist aber Umé genau richtig.

Liebe Grüße,

Eure Ulrike.

P.S.: Bevor ich es vergesse – die Ingredienzen zu Umé: Kopfnote: japanische Pflaume, Bergamotte; Herznote: Osmanthus, Glyzinie, Sasanqua-Kamelie, Jasmin; Basisnote: Gewürze, Hölzer, Eichenmoos, Patchouli.

Bildquelle: Geishas von Michelle Miralles via stockxchng – vielen lieben Dank!
Literarische Quelle: Haruki Murakami: Die gefährliche Geliebte, 10. Auflage, btb-Verlag, München 2002.

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