Die Lage der „Nation“ – ein Interview mit Sven Eric Moos & Geza Schön

Vor einiger Zeit trat man an mich heran mit dem Angebot, ein Interview mit Sven Eric Moos (nachfolgend SEM), Inhaber der Nischenduftdistribution will be a brand, sowie Geza Schön (nachfolgend GS), uns allen bekannt als Parfumeur, zu führen zum mittlerweile leider omnipräsenten Thema „Graumarkt“. Das hat nun geklappt – an dieser Stelle nochmals ein Dankeschön an alle Beteiligten!

Herr Moos, Sie vertreten eine erlesene Auswahl an Nischenduftmarken in den DACH-Ländern sowie teilweise in Tschechien und der Slowakei – inwiefern betrifft Sie der sogenannte Graumarkt, der bisher vornehmlich ein Problem des Mainstream-Segments war? Seit wann ist das der Fall? Und – wie definiert man den Graumarkt als solchen?

Sven Eric Moos – Bild stammt von der will be a brand-Webseite

SEM: Wir erleben bei unseren Parfümkunstwerken seit rund eineinhalb Jahren eine massive Graumarktschwemme. Das Phänomen beobachten wir schon länger, aber nun hat es geschäftsgefährdende Ausmaße angenommen, und zwar bei allen Gliedern in der seriösen, legalen Distributionskette.

Der Graumarkt umfasst Reimporte, also Originale, die vertragswidrig von anderen Distributoren in unsere Vertriebsgebiete geschleust und hier verschleudert werden. Bei den Produkten ist in der Regel das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, die qualitativen Einbußen scheinen Konsumenten leider in Kauf zu nehmen. Daneben registrieren wir Hehlerware aus Diebstählen sowie Fälschungen aus Nah- und Fernost.

Können Sie unseren Kunden erklären, wie der Graumarkt entstanden ist und wie er funktioniert?

SEM: Dass der Graumarkt die Parfümkunst im Visier hat, überrascht nicht. Da locken das Geld und natürlich das Image, denn mit solchen Marken kann man sich ja ganz herrlich schmücken. Wir bei will be a brand haben beim Aufbau von Parfümkunst-Labels immer auf Exklusivität Wert gelegt: Sie sollten eine Kostbarkeit bleiben, keine Massenware werden. Trotz dieser Exklusivität sind diese Düfte sehr populär geworden, geradezu kometenhaft in den Dufthimmel aufgestiegen. Was knapp ist, ist besonders begehrt, und das hat den Graumarkt angeheizt.

Der Graumarkt läuft für die Konsumenten öffentlich ab, die wissen oft nur nicht, dass es sich NICHT um autorisierte Händler bzw. Produkte handelt. Die auffällig günstigen Produkte werden über Online-Plattformen verkauft oder landen als Sonderposten im Handel, zuweilen sogar beim Discounter. Die Vertriebswege sind verschlungen und werden bewusst verschwiegen. Das Ganze ist sehr gut organisiert – so gut, dass dem kaum beizukommen ist.

Welche Folgen hat der Graumarkt für die Marken, für die Parfümeure?

SEM: Der Graumarkt bedroht ernsthaft unsere Geschäftstätigkeit. Er gefährdet die
Reputation großartiger Parfümeure und deren Marken.

Geza Schön – Bild stammt von der will be a brand-Webseite

GS: Es hat auch eine emotionale Komponente: Es ist erschütternd zu sehen, wie das
eigene Werk verramscht wird. Es ist nicht gerade motivierend und entspricht auch
nicht meinem Konzept bzw. wertet die Qualität ab.

Und welche Folgen hat der Graumarkt für den Endkunden?

SEM: Der Graumarkt täuscht die Verbraucher, denn ein abgelaufener Duft muss häufiger nachgesprüht werden, der Flakon ist schneller leer und damit am Ende teurer als das Original. Und er gefährdet die Konsumenten. Nicht nur ist der Erwerb von Hehlerware und unter gewissen Umständen auch Plagiaten illegal, auch dürften Plagiate labortechnisch kaum bewertet sein. Bei Originalen wird dies gewährleistet! Das macht sie gesundheitlich sicher. Aber was bedeuten schon Qualität und Verbrauchergesundheit, wenn man Profit machen kann!

Mit Will Be A Brand vertreten Sie, Herr Moos, eine sehr selektive Vertriebsstrategie – können Sie diese unseren Kunden näher erläutern?

SEM: Unsere Labels unterscheiden sich in der Herstellung von Massenmarktware in Dosierung und allgemeinen Kosten. Sie bedürfen daher ein adäquates Umfeld und eine angemessene Platzierung, weshalb wir bei den selektierten Point of Sales genau hinschauen. Parfümkunst braucht und verdient ein niveauvolles Umfeld, daher bedarf es sehr erfahrener Fachleute im Handel, die diese Düfte verstehen, erklären und verkaufen können. Unsere Aufgabe ist aber nicht nur der Vertrieb von Parfümkunst. Wir bauen diese Marken auf. Wir selektieren geeignete Verkaufskanäle anhand strenger Kriterien. Wir führen Schulungen und Werbemaßnahmen im Handel durch. Wir kennen das Segment wie kaum ein anderer, wir betreuen, informieren und begleiten Parfümeure und unsere Partner am POS. [Anmerkung: POS = Point of Sale] Maßnahmen und Hintergründe, die selbstverständlich Bestandteil vom höheren Endpreis sind. Diese Kosten tragen wir und nicht die Graumarkthändler.

Ich möchte nochmals betonen, dass die Graumarkthändler nur Profit aus einer bestehenden Marke ziehen und nicht am Erhalt oder deren Pflege interessiert sind.

Herr Schön, unsere Kunden kennen Sie bereits als Parfümeur von diversen Düften als auch Ihren Escentric Molecules, die ebenfalls von Herrn Moos vertrieben werden – können Sie sich dennoch nochmals vorstellen und Ihr aktuelles Wirken erklären? Inwiefern betrifft Sie als Parfümeur die aktuelle Graumarktproblematik?

GS: Ich habe früher als Parfümeur in der Duftindustrie gearbeitet, mich dann selbständig gemacht, um jenseits einschränkender Vorgaben frei und kreativ arbeiten zu können. Jeder freischaffende Parfümeur ist ein Kreativer und Künstler mit eigenen Labels – in meinem Fall Escentric Molecules, The Beautiful Mind Series, Project Renegades und Kinski. Wir brauchen den Support von „Markenmachern“ wie will be a brand, die für uns den seriösen Vertrieb übernehmen, für uns den POS selektieren, dort über uns informieren und für uns werben. Denn wir haben nicht die Maschinerie der Industrie hinter uns, mit ihren schier unendlichen finanziellen Mitteln für Marketing und Werbung.

Manche halten es für eine Auszeichnung, wenn ein Produkt so begehrt ist, dass halblegale oder illegale Wege eingeschlagen werden. Ich sehe das nicht so – ganz im Gegenteil. Es ist nicht sauber so zu agieren. Wir Parfümkünstler wollen diese grauen Handelswege nicht!

Herr Schön, Herr Moos, wie sollte ich mich als Endkunde verhalten hinsichtlich der Graumarktproblematik? Und wie kann ich als Kunde sicherstellen, dass ich ein Originalprodukt kaufe?

GS: Mein Appell: Lasst die Finger von Graumarktangeboten. Stellt euch einfach mal vor, es wären eure Düfte und euer Geschäft. Wer diese Ware kauft, schädigt uns Parfümeure, den autorisierten Handel und Vertrieb – und womöglich sich selbst.

SEM: Die einzigen, die den Graumarkt zerschlagen können, sind die Verbraucher selbst und der seriöse Handel. Wird ein Duft deutlich unter dem UVP angeboten, im Internet oder im stationären Handel, ist das ein sicheres Zeichen, dass es sich um Graumarktware handelt. Dort sollte man nicht kaufen.

Wir haben gerade auf unserer Website www.willbeabrand.com einen Shopfinder aufgebaut, mit der Kunden und Konsumenten seriöse Händler schnell finden oder überprüfen können. Gleichzeitig listen wir auch die schwarzen Schafe auf: Diejenigen, die unser Geschäft sabotieren und unrechtmäßig in unserem Distributionsgebiet verkaufen. Diese Liste wird vermutlich mit der Zeit und neuen Informationen wachsen, da sollte man also immer mal reinschauen.

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Meine Liebe galt schon seit je her dem Ästhetischen: So geht mir das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und seitdem immer auf der Suche nach dem oder vielmehr: einem neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse, meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

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