Aus Liebe zum Duft Shop Duft Tagebuch

Erotische Bekenntnisse…

Geschrieben in Duft, Fruchtiges, Reines und Pudriges am 23.08.2010

Ja, richtig gelesen – ebensolche, und zwar olfaktorischer Natur bescheren uns Parfumerie Générale mit ihren zwei neuen Düften, mit denen ich bereits auf der Messe im März das Vergnügen hatte und voll des Lobes war. Gemeint sind Bois Naufragé und Gardenia Grand Soir – mit ersterem werde ich heute gleich beginnen.

Bois Naufragé, auf deutsch ungefähr schiffbrüchiges Holz oder vielmehr Treibholz, sieht sich inspiriert durch ein Foto namens Nu au bois flotté (1971) von Lucien Clergue. Mit Lucien Clergue hat sich Pierre Guillaume, Mastermind von Parfumerie Générale, ein absolutes Schwergewicht herausgepickt: Clergue zählt zu den bedeutendsten (französischen) Fotografen überhaupt, war einer der Vorreiter, welche die Fotografie zur Kunst(form) ausriefen und dafür stritten, ist darüber hinaus Begründer des renommierten Fotografiefestivals Les Rencontres d’Arles im gleichnamigen beschaulichen Städtchen, in welchem der 1934 dort Geborene bis heute lebt und arbeitet.

Clergue ist vor allem bekannt durch seine Aktfotografien, welche die Franzosen (und vermutlich auch der Rest der Welt) lange als Pornografie wahrnahmen, während anderen schon längst klar war, daß es sich hierbei um (eine Form von) Kunst handele – unter anderem Clergues Bewunderern Jean Cocteau (der Schriftsteller der wunderbaren Kinder der Nacht – und nein, kein Vampirroman, eine poetische (Inzest)Geschichte einer Geschwisterliebe) sowie Picasso, mit welchem Clergue auch eng befreundet war.

Das Foto Nu au bois flotté zeigt, wie unschwer zu erkennen, eine Nackte auf verwittertem, wassergeschliffenem Holz, die sich in für mich fast halsbrecherischen Windungen um ebenjenes wickelt. Mit Absicht spreche ich hier nicht von Treibholz – denn, wenn man sich das Foto näher anschaut, wird einem schnell bewußt, daß überhaupt kein Untergrund ersichtlich ist. Wir wissen also nicht, wo(rauf) das Holz, der Stamm liegt. Lediglich der Name des Fotos assoziiert die Nähe des Wassers, des Meeres… und zaubert in meiner Vorstellung auch Sand unter den Holzstamm.

Wie nun wirkt das Bild an sich? Ich für meinen Teil ziehe die kontroverseren, zum Teil ironisieren Nackten bei Helmut Newton oder die verfremdeten bei ManRay vor, mag Clergue aber durchaus. Für mich ist seine Fotografie aber irgendwie auch typisch französisch, um ein bißchen in der Klischeekiste zu wühlen: Ein bißchen Softporno, die Gauloises im Mundwinkel, Lebenslust, ein bißchen Weichzeichner, viel Unbeschwertheit und sexy Authentizität, vorgebliche, die oft doch ein wenig künstlich, mitunter gekünstelt wirkt/ist.

Hier muß ich nämlich auf eine für mich augenscheinliche Diskrepanz aufmerksam machen: 70er, meine Lieben, und, wenn man genau hinsieht: Achselhaare. Jawohl. Ergo Natur pur oder so ähnlich. Da hätte ich im Duft eines eben nicht erwartet: Sonnencreme-Feeling bis zum Anschlag. Für all jene, die immer auf der Suche nach dem perfekten Sonnencreme-Duft sind: Give it a try!

Direkt nach dem Aufsprühen flacker Bois Naufragé noch wild umher, zitrische und salzige Noten an den Tag legend. Diese sind alsbald passé und räumen die Bühne für eine allumfassende Cremigkeit, die hauptsächlich durch grüne Feigennoten geprägt ist. Sahnecreme grüner Feigen – das ist durchgängig auch das Thema. Kokosnussige Aspekte schillern im Hintergrund und es flackern leicht metallische sowie mineralische Anklänge hin und wieder auf, die nebst der salzigen Noten eine Atmosphäre eines ruhigen Meeresstrandes kreieren. Das Treibholz scheint so trocken, daß es nur noch als sonnenbeschienene Ahnung wahrnehmbar wird. Mir scheint, Herr Guillaume hat das Foto auch als irgendwie kalt oder besser: distanziert wahrgenommen, was nicht weiter wundert, da das Gesicht der Frau ja nicht zu sehen ist und damit eine gewisse Distanz bereits geschaffen ist. Der Duft zeigt sich zwar einerseits wärmend, weil er so anschmiegsam ist in seiner grünen Feigencremigkeit mit den Kokostupfern und einer sauberen, sehr subtil holzigen Basis. Andererseits hat er aber auch eine nicht näher zu benennende Kühle, die von einem minzigen Unterton herrührt, der vermutlich von dem Vetiver stammt, welcher Teil des enthaltenen Salzakkordes ist.

Vielleicht war es ja bitterkalt am Tag der Aufnahme, und die Schöne (?) auf dem Foto war geistig abwesend, träumte sich in die Südsee? Spaß beiseite: Obgleich Clergue Nacktheit präsentiert und diese fern jener stilisierten Nacktheit zum Beispiel eines Herb Ritts liegt, sind Clergues Menschen auf den Fotos gleichermaßen authentisch sowie stilisiert, nahbar und gleichzeitig unnahbar. Dieser Kontrast, jene aufrechterhaltene Ambivalenz, findet sich meines Erachtens nach auch in Bois Naufragé.

In jedem Falle ist er keiner jener Meerdüfte im Stile von The Different Companys Sel de Vetiver oder Heeleys Sel Marin, in denen man die schäumende Gischt spürt an einem nicht-mediterranen Strand. Und es ist auch kein Caspar David Friedrich-Blick auf die See wie es Profumum mit Acqua di Sale kreierten.

Ruhig ist Bois Naufragé und anhänglich, sonnengewärmt und heiter, aber gleichzeitig doch ein wenig reserviert.

Ich freue mich auf Eure Testergebnisse!

Viele liebe Grüße,

Eure Ulrike.

P.S.: Vergessen – die Ingredienzen: Ambra, Meersalz / Fleur de Sel und Johannisbrotbaum – letztere sind wohl ein Akkord aus verschiedenen Noten, wie die Blogger von Cafleurebon feststellen: Vetiver, Iriswurzel, Zedernholz, Minze, Neroli und einige synthetische Essenzen sind hieran beteiligt.

Bildquellen: Fotografien Lucien Clergue – some rights reserved.

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Die Cashmere-Queen…

… Iris von Arnim hat es sich nicht nehmen lassen: Wie viele andere große und kleine Modedesigner hat auch sie jetzt ihren Signatureduft – und das dank der (Mit)Hilfe von der Hamburger Parfumeurin Kim Weisswange. Bleiben wir erstmal bei dieser Dame: Weder männlich noch französischer Herkunft betätigt sie sich trotzdem bereits seit über 20 Jahren als Parfumeurin, nachdem sie mit neunzehn eine dementsprechende Ausbildung in New York absolvierte. Mit ihrer Geschaftspartnerin Hedda Möller betreibt sie die Firma Home of Fragrance, mit welcher sie Produkte für diverse Unternehmen und Unternehmungen kreiert(e): Eine Kosmetikserie für Ipari, Düfte für den Otto-Versand, Bioduftsprays für den Ökogroßhändler Weiling – hier kommt so einiges zusammen, so steht auch Prinz Charles in der Reihe derer, die bereits einen Duft oder gar Düfte von Weisswange erhielten, Madonna, Glenn Close und George Michael hüllen sich in Weisswangesche Duftschwaden und Briatore, der alte Formel1-Casanova ließ sich von ebenjener Dame den Signatureduft für seine stilsicher Billionaire Couture getaufte Modemarke entwickeln. Frau Weisswange scheint also gut im Geschäft zu sein. Und hat in der jüngsten Vergangenheit gleich drei Klamottenlabels, im übrigen alle ebenfalls aus Hamburg, zu Signaturedüften verholfen: Herr von Eden, Uli Schneider und eben Iris von Arnim.

Iris von Arnim ist für mich so etwas wie die Diane von Fürstenberg der Wolle würde ich sagen: Durchweg (fast) immer sehr klassische Designs mit einfachen Schnitten, welche häufig mit einem kleinen raffinierten Twist brillieren und überaus feminin sind, darüber hinaus natürlich nur aus besten Materialien gearbeitet werden. So erfreut sich Frau Arnim bereis seit über dreißig Jahren eines besten Rufes in Sachen hochpreisiger Strickmode und erhielt so den ehrfurchtsvollen Spitznamen der Cashmere-Queen.

Soviel zu den beiden Damen also. Eine Kaschmirstrickerin auf olfaktorischen Abwegen – das hatten wir schon mal: Herr Fissore, ebenfalls Kaschmirhersteller im oberen Preis-, nämlich Luxussegment, hat sich ebenfalls bereits an einigen Düften versucht, und das durchaus mit Erfolg. Ich persönlich liebe vor allem seinen ersten beiden Düfte und hiervon Fissore for Men, einen seidig-weichen und sehr hautnahen zarten Gewürzling, der für mich a) ein bißchen nach nassen Steinen riecht – ein Geruch, den ich liebe und b) mit seiner kontemplativen Aura eine Ähnlichkeit zu Düften wie Costes 1, Il Profumo Touaregh, Montales Greyland sowie A quiet morning von Miller et Bertaux aufweist. Und dann sind da noch die Italiener von Acqua di Biella, die sich mit ihrer Kollektion Le vie della Lana der olfaktorischen Interpretation der Edelwollstoffe angenommen haben. Ich hatte davon bereits hier berichtet und beide Düfte schon rezensiert – Cashmere Twill und Kid Mohair, beides meines Erachtens nach sehr gelungene Kuscheldüfte, der erste mit hinreißenden Himbeernoten und zweiterer mit sehr leckerer Mango (ohnehin zwei Früchtchen, die leider nicht allzu oft in vernünftiger Variante in Düfte gelangen…).

Iris von Arnims wollenes Vergnügen scheint sich im Gegensatz zu Cashmere Twill, einem leichten Sommercashmere in seidiger Ausführung, wohl eher an der Winterkollektion orientiert zu haben, der dicken vier- oder sechsfädigen: Frisch aufgesprüht verdichten sich bereits nach einigen Augenblicken die Ingredienzen zu einer Art Aura und machen es annähernd unmöglich, jeder einzelnen Zutat auf die Spur zu kommen. Ohne die Ingredienzen vor Augen zu haben rieche ich deutlich Ambra heraus sowie einige animalischen Akzente, welche vermutlich Harzen geschuldet sind, darüber hinaus Sandelholz, welches recht gut zu vernehmen ist. Es tritt eine der geneigten Nase eventuell als „Knetnote“ bekannte Facette auf (siehe zum Beispiel in Diors Hypnotic Poison von der genialen Annick Menardo), welche ich persönlich auf ein Zusammenspiel von Vanille, Tonkabohne und/oder Heliotrop mit animalischen Anklängen sowie Blüten zurückführe, darüber hinaus zeigen sich deutlich erdige Töne, die den Patchouli erkennen und die Iris erahnen lassen, letztere auch, weil Iris von Arnims Düftchen desweiteren eine gewisse samtige Pudrigkeit an den Tag legt.

Ich rieche hier demgemäß nichts, was mich an die oben genannten, eher helleren Wolldüfte erinnert – hier handelt es sich um einen betont harzig-vanilligen Duft, für einen Orientalen oder einen Gourmand ein wenig zu zurückhaltend, zu hautnah, zu kuschelig, aber dennoch in beide Richtungen tendierend und mit einer Prise Tier ausgestattet.

Etwas irritiert hinterläßt mich allerdings die Differenz zwischen dem, was mir von meiner Haut entgegenströmt sowie dem, was sich auf dem Duftstreifen entwickelt: Hier zeigt sich der Duft deutlich floraler, leichter, seidiger – trotz allem noch weit entfernt von seinen wollenen Parfumgesellen. Parfum ist auch genau das Stichwort – Iris von Arnims Signature ist parfumiger als alle oben genannten Wolldüfte, ist inszenierter, weniger beiläufig und kuschelig, sondern noch eher für den Auftritt geschaffen, obgleich es auch ein „Einmummel“-Duft sein kann, gemäß seinem in diesem Falle definitiv mehrfädigem Kaschmirnamenspaten – in dieser Eigenschaft erinnert er mich dann in der Tat an den Costes 2.

Wie sieht es bei Euch aus? Wer kennt welchen oder wen, wer mag was? Ich bin gespannt!

Liebe Grüße,

Eure Ulrike.

Bildquelle: Australian Cashmere Goats von Pontman/Paul Esson via Wiki Commons, some rights reserved. Vielen lieben Dank!

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Die leuchtende Sonne Italiens…

Geschrieben in Duft, Hesperiden, Reines und Pudriges am 27.07.2010

oder besser: Siziliens scheint Ben Gorham den Kopf verdreht zu haben, denn der neueste (und somit elfte) Streich seines Labels Byredo ist dieser schönen Insel gewidmet, genauer: deren Hauptstadt Palermo. Byredo zählt ja zu meinen Lieblingsneulingen der letzten Jahre im Nischenduftmarkt ergo sollte es den eifrigen Blogleser nicht weiter verwundern, daß ich auch dieses Düftchen scharrenden Hufes erwartete und mehr als neugierig darauf war.

Wie bereits in der Vergangenheit zeigt Gorham auch diesmal ein Faible für stark romantisierte Beschreibungen – man denke nur an die Verklärung des Sinti- und Romalebens in der Beschreibung von Gypsy Water…: Von den Phöniziern ist die Rede, die im 8. Jahrhundert mit klappernden Rudern in Palermo ankamen, um dort ihren neuen neuen Handelstützpunkt zu errichten und Palermo so zu einer ersten Blütezeit verhalfen, fortgeführt unter „goldenem römischem Joch“, an Bedeutung verlierend dank der Vandalen, später wieder auflebend unter der islamisch-arabischer Vorherrschaft, dann unter derjenigen der Normannen und der Staufer.

Palermo also als „Durchgangsstation“ unterschiedlichster Kulturen – das bleibt natürlich nicht folgenlos und hinterläßt Spuren vornehmlich kultureller Natur: Das weite Feld der Künste sieht sich davon stark geprägt, vornehmlich Architektur (auch Kirchen sowie Landschaftsgestaltung – siehe der Parca della Favorita), Kunst und Literatur strotzen nur so von den vielfältigen und sehr unterschiedlichen und somit reichhaltigen Einflüssen.

Nun – wenn ich ehrlich bin, hatte ich leichte Schwierigkeiten bei der Verknüpfung des Duftes mit den von Gorham (vor)gegebenen Assoziationen, mit dem Namen ganz allgemein… Aber schauen wir uns ihn doch erst an – zuerst die Ingredienzen: Kopfnote: Bitterorange, Bergamotte; Herznote: Moschus, Rose; Basisnote: Moschus, Ambrette.

Frisch aufgesprüht hüpfen einem sofort munter die beiden Hesperidenbrüder in den Arm: Beschwingte zitrisch-prickelnde Fröhlichkeit, einen akzentuierenden Tick bittere Herbe beinhaltend, aber keine übersteigerte Säuerlichkeit an den Tag legend und von Beginn an untermalt von einem vanilligen, kuschelig-sauberen Moschus. Dieser zieht sich wie ein dick gewebter prominenter roter Faden durch den Duftverlauf hindurch, bisweilen leicht oszillierend und leise kreidige Anklänge offenbarend (typisch Moschus – in diesem Duft aber seehr zurückhaltend), in der Hauptsache aber skinnig und weich sich zeigend. Ambrette in der Basis verstärkt diese Anmutung noch – kein Wunder, ist Ambrette der einzig natürliche Stoff außer Moschus, der eine rechte Ähnlichkeite mit dem „Urstoff“ besitzt. Für Ambrette muß man aber nicht zum Tierquäler mutieren – es handelt sich hierbei um das Öl der auch „Moschuskörner“ genannten Samen des Ambrettestrauchs, eines Hibiskusverwandten. Als dritte im Bunde gesellt sich ein Röschen hinzu, eine feine, helle, luzide und frische Rose, kristallklar und leicht, fast schon ätherisch.

… genauso präsentiert sich auch Palermo: Nix Mafia, nix Orientale (in Anlehnung an arabische Einflüsse), nein, ein leichter und leichtlebiger Duft, luftig und unbeschwert, fröhlich und heiter, beschwingt. Der Zusammenhang mit Italien ist mir zwar immer noch nicht ganz klar, aber ich könnte ihn mir immerhin zusammenreimen: Die Rose ist eine Blume und deutet somit auf Ziz hin, was aus dem Punischen kommt, Blume heißt und der frühere Name von Palermo war. Die enthaltene Bergamotte ist, unschwer zu erraten, natürlich sizilianische – von den Mauren und Berbern auf die Insel gebracht und bis heute dort (erfolgreich) angebaut. Und der Muckelmoschus? Der steht dann eben für die typisch italienische Leichtlebigkeit, la Dolce Vita – ihr wißt schon…

Es bedurfte in diesem Falle keiner unendlichen Komplexität, wie es Palermo vermutlich mit all seinen diversen Prägungen vorweisen kann – ich war leider noch nie dort. Nichtsdestrotrotz hat uns Herrn Gorham hier schwupps aus dem Handgelenk heraus einen echten Sommer-Gute-Laune-Duft gezaubert, der Weiblein wie Männlein sicher sehr gut zu Gesichte stehen wird bei den momentanen Temperaturen.

In Anbetracht derselben wünsche Ich Euch einen guten Start in die Woche und hoffe für Euch, daß ihr ähnlich „casual“ am Schreibtisch sitzen dürft wie ich ;)

Liebe Grüße,

Eure Ulrike.

Bildquelle: The Face of Sicily von Eva Schuster via stockxchng – some rights reserved. Vielen lieben Dank!

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Duftverzeichnis


Von Creacrete zu Konkret Scent…

Geschrieben in Duft, Holziges, Reines und Pudriges am 11.06.2010

… oder so ähnlich könnte man den Stilwechsel oder besser: Wechsel des Mediums (be)nennen, den Alexa Lixfeld gerade hinter sich hat: Vom Beton zum Duft hüpfte die gebürtige Hannoveranerin scheinbar leichtfüßig. Das frühere Model Lixfeld ist Künstlerin, momentan in Hamburg lebend und arbeitend, und studierte in Köln, Pforzheim und Eindhoven Design. In den letzten Jahren machte sie vor allem mit einer Kreation auf sich aufmerksam, ihrer Beton-Kunst: Sie kreierte Geschirr aus Beton, was ihr den Anerkennungspreis der Quelle Innovationsstiftung sowie mehrere internationale Erfinderpreise einbrachte und den Namen “Creacrete” trägt, ein Neologismus, gebildet aus “creative” (kreativ) und “concrete” (Beton).

Jetzt tischt uns Madame Lixfeld Düfte auf, vier an der Zahl. Eigentlich sollte es ursprünglich nur einer werden, ein Signature, aber, wie es eben so ist… einer war nicht genug, wie mir Lixfeld auf der Messe erklärte. Ausschlaggebendes Moment für ihre Düfte war ein Augenblick in ihrem Leben, in dem sie eine ihrer Betonkreationen an einem sommerlichen Tag transportierte und plötzlich von der Idee besessen ward, ein anderes Medium für ihre Kreativität zu finden – eines, das nicht so endgültig ist, so hart und so ewig wie Beton. Ein transparentes, flüchtiges, weicheres und feminineres Medium, dem Vergänglichkeit innewohnt… was konnte dies anderes sein als ein Geruch, ein Duft.

So kam Lixfeld mit einem Parfumeur/einer Parfumeurin zusammen – der/die momentan noch (?) nicht genannt werden mag – und kreierte ihre Düfte, die allesamt Ausdruck ihrer Person und Persönlichkeit sind, Facetten ihrer selbst in unterschiedlichen Lebenslagen darstellen sollen. Die Flakons, in welchen sie sich präsentieren, erinnern ein wenig an diejenigen von Nasomatto – und greifen natürlich das alte Thema von Frau Lixfeld wieder auf: Beton. Sie tragen speziell gefertige Betonkappen als Verschlüsse.

Nun wollen wir uns die Düfte doch einmal näher anschauen.

AL No. 001 ist eine Romantikerin, kein Zweifel: Ein dahingehauchter frühlingshafter Duft, der die Leichtigkeit des Seins in vollen und ein wenig melancholischen Zügen bittersüß atmet. Kühle weiße Blüten – Jasmin und Maiglöckchen – in luftiger Qualität verbinden sich mit sanften Kräuternoten und herb-frischem weißem Tee. Die Basis ist geprägt von durch und durch sauberem weißem Moschus. Luzide, transparent, fast transzendent – hell und rein präsentiert sich die Nummer eins und ist für Freunde z.B. von Anamor All that Matters oder Narciso Rodriguez Essence oder Musk for Her Oil exakt das Richtige.

In AL No. 002 finden (Sandel)Holzfreunde Genugtuung: Ätherisch anmutend reiht sich Holz an Holz, kommt man von Hölzchen zu Stöckchen über Holz und Hölzer… Sandelholz und Zedernholz als geballte Kraft, ein Powerduo: Stark holzig, na klar, balsamisch-geerdet und mit fast zimtig anmutender Süße behaftet offenbaren sich rauchige Noten, die ganz offensichtlich von Vetiver und Patchouli stammen und auf die wärmend-gemütliche Basis von Vanille, Tonkabohne, Benzoeharz überleiten, welche durch einem winzigen Touch Jasmin und Karottensamen garniert wird. Für mich hätte irgendwo noch ein einsamer Lavendel in der Ecke blühen können, mag aber sein, daß ich mir den aus der Holzigkeit herfantasiere.

AL No. 003 wird als „exotic Fougère“ bezeichnet. Wir erinnern uns – Fougère, einer der klassischen Duftakkorde, gerne in Männerdüften verwendet und bestehend aus Lavendel, Eichenmoos und Cumarin, dem Waldmeistergesellen. Die „strong woody oriental accords“ sehe ich nicht, vielmehr rieche ich durchaus waldmeisterartige Noten mit einer verhaltenen Süße, darüber hinaus die versprochene Bergamotte sowie den Pfeffer und herb-krautigen Rosmarin. Alles in allem oder besser: alles zusammen vermischt sich in Kopf und Herz zu einer Einheit, die mich im absolut positiven Sinne an einen waldig-aquatischen Duft erinnert, wahrscheinlich an meine mittlerweile vollkommen abstrakte Vorstellung von Joop Nightflight, meine erste Begegnung mit einem aquatischen Duft und noch heute einer der wenigen, für den ich jedem (wirklich: JEDEM) Mann hinterherlechze… Patchouli findet sich auch noch in dem Düftchen sowie eine Basis aus Vanille und scharf-würzigem Zimt.

AL 004 ist neu und scheinbar noch nirgends zu erhalten. In jedem Falle erinnere ich mich an die pink besprühte Betonkappe… die der Duft in jedem Falle auch aufgreift. Ein Riotgirl, irgendwie, aber gleichzeitig auch unschuldig, und doch Lolita… Ein bißchen frische Wäsche, keksige Noten, aber auch Florales, sehr wahrscheinlich Weißblühendes vermag ich zu entdecken. Zarte Hesperidennoten, leicht „sparkling“ und eine fein-weiche Basis – Frau Lixfeld, wann bekommen wir mehr Infos zu dem Duft?

Für mehr Infos über die Künstlerin: http://www.alexalixfeld.com/

Einen schönen Tag wünscht Euch

Eure Ulrike.

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Die Kriegerkönigin…

Geschrieben in Blüten, Duft, Gourmand, Reines und Pudriges am 7.05.2010

Boudicca ist eine der wenigen halbwegs populären und immer wieder gerne in Kunst und Kultur Erwähnung findenden Kriegerinnen. Ihres Zeichens eine britannische Königin führte sie den schlußendlich erfolglosen, nach ihr benannten Aufstand gegen die römische Besetzung an (60 – 61 nach Christus).

Mittlerweile hat es die legendäre Dame nun auch in den Parfummarkt geschafft: Gleich zwei Linien zitieren sie, natürlich stammen beide aus England.

Der erste Tummelplatz der Kriegerprinzessin ist das Londoner Designhaus von Zowie Broach und Brian Kirkby, die sich eigens nach Madame benannt haben: Boudicca. Und deren Duft, der von Feingeist Geza Schön entwickelte, heißt Wode, benannt nach der Pflanze Färberwaid oder auch Deutscher Indigo. Wie der Name bereits ahnen läßt, rührt er von der Farbe des Duftes her – blau. So soll nämlich auch die Kriegsbemalung der Boudicca-Armee gewesen sein. Eine Art-Fragrance oder Fragrance Art also. Mittlerweile gibt es den Duft aber auch in der Parfumvariante ungefärbt und ohne Färbeeffekt. Hier die Seite zur Firma samt beeindruckender Videopräsentation des Duftes – die Ingredienzen: Wacholder, Muskatnuss, Kardamom, Muskatellersalbei, Koriander, Angelika / Engelwurz, Safran, Tonkabohne, Styraxharz, Ambra, Eichenmoos, Moschus und Leder.

Huldigung Nummer zwei für Boudicca stellen die Düfte von Michael Boadi dar. Dieser machte sich bereits als Hairstylist weltweit einen Namen, kreierte er doch der Damen Schöpfe landein, landaus – für Dolce & Gabbana, Gucci, Chanel, Prada und Co. war er bereits tätig und suchte sich für seine Kreativität nun das Ventil der Parfumerskunst. Von den güldenen Locken zum olfaktorischen Gold sozusagen… ein gar blondes Aushängeschild ward auch alsbald gefunden: Amber Rose, extravagantes Model und Freundin von Rapper Kanye West, die, wie ich finde, gar nicht so schlecht zum keltischen Warrior-Outfit von Boadicea The Victorious, Boadis Label, paßt. Ganz abgesehen davon, daß der Kontrast auf den gemeinsamen Fotos mit und zu Boadi auch nicht zu verachten ist ;)

Hier ein Filmchen der beiden zur Präsentation der Boadiccea-The-Victorious-Kollektion.

In jedem Falle feierte Boadi mit seiner Kollektion bereits beachtliche Erfolge: Der Gewinn des New Design Awards des Wallstreet Magazines zum Beispiel oder, marketingtechnisch naturaliter der Hit: First Lady Michelle Obama, die sich wohl in drei der Düfte spontan verliebte, was für in die Höhe schnellende Verkaufszahlen sorgte…

Eine bemerkenswerte Anzahl an Düften ist es auch, die Herr Boadi da bereits anfänglich präsentierte: Soweit ich das überblicken kann waren es zu Beginn 19 Düfte in der normalen Kollektion und 9 weitere in der Oud-Linie, der separaten (jaja, darf ja gerade nicht fehlen…). Die Düfte der normalen Linie wurden in drei thematische Hauptrichtungen oder -familien aufgeteilt: Musk, Floral und Citrus, jeweils noch als Herren-, Damen- oder Unisex-Duft gekennzeichnet.

Angesichts der ungeheuren Fülle möchte ich Euch einen kurzen Einblick in die Kollektion geben, die es jetzt auch nach Deutschland geschafft hat. Vorerst werde ich es bei der normalen Kollektion belassen, die Ouds klammere ich erstmal aus und stelle sie Euch dann zu einem späteren Zeitpunkt noch vor.

Divine – Musk Unisex: Divine dürfte etwas für die Frische-Wäsche-Fraktion sein, ganz bestimmt. Und das ohne über die Maßen künstlich zu riechen, nein. In der Kopfnote dominieren fruchtige Aldehydennoten, die sogleich von dem Herzen aus Jasmin und eher zahm-zurückhaltendem Veilchen eingeholt und überlappt werden. Die Basis aus Sandelholz und Styraxharz zeigt sich luftig und sauberholzig (ich hätte vermutlich eher auf Zeder getippt) und verbirgt in jedem Falle noch Moschus, den man meines Erachtens nach in der Angabe der Ingredienzen unterschlagen hat [ermußdaseinesgehtgarnichtanders]. Unaufdringlich sauber-floral und fluffig.

Intense – Floral Women: Was hier als „a modern fragrance with a fruity twist“ bezeichnet wird, „ a white floral heart of lily and jasmine against a rich woody background“ vermittelt einen falschen Eindruck, genauso wie der erste Blick auf die Ingredienzen: Kopfnote: Zitrusfrüchte; Herznote: Rose, Ylang-Ylang; Basisnote: Patchouli, Vanille. Schon beim Auftragen schillert einem Honigpatchouli entgegen, ein lüsterner mondäner Honigpatchouli, der von floralen Sirenen begleitet wird, die den Hesperidenwaisenknaben sofort hinter sich lassen, um frohlockend zu verführen. Ein eigenständiger, sehr femininer Duft – jedoch nicht ohne gewisse Angel-Anklänge in sich zu tragen.

Am Montag geht es weiter mit Boadicea – bis dahin wünsche ich Euch jetzt erstmal ein schönes Wochenende!

Viele liebe Grüße,

Eure Ulrike.

Bildquelle: Boudicca Statue Westminster Pier / London von Aldaron via Wikicommons, Amber Rose for Vibe Magazine www.vibe.com, Amber Rose for Boadicea The Victorious – Pressematerial, some rights reserved.

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Duftverzeichnis
Und weiter geht es…


Das Nichts nichtet.

Geschrieben in Duft, Reines und Pudriges am 27.04.2010

L'Eau Serge LutensDas Nichts – ein philosophisch folgenschwerer Begriff… Wer denkt, von nichts oder besser: Nichts kommt nichts, liegt somit – abseits des Umgangssprachlichen – vollkommen daneben. Es haben sich etliche Philosophen seit der Antike mit jenem bedeutungsschwangeren Begriff beschäftigt – und spätestens seit Heidegger wissen wir: „In der hellen Nacht des Nichts der Angst ersteht erst die ursprüngliche Offenheit des Seienden als eines solchen: daß es Seiendes ist – und nicht Nichts.” Das Nichts also als Kontrast zum Sein und somit auch zum Dasein sowie dem Seienden. Und vielleicht einfacher schon bei Aristoteles: „Der Schatten des Nichts läßt das Seiende in seiner Seiendheit ausdrücklich erscheinen.”

Das Nichts also ist es, das, banal heruntergebrochen, als Gegensatz zum Sein existiert und jenes erst wirklich bewußt werden läßt: Das Sein ist nicht Nichts, sondern: Es ist bestimmt, es existiert, es ist, es ist also Sein. Wer jetzt genau aufgepaßt hat, dem wird aufgefallen sein: Nach dieser Rechnung ist auch das Nichts, es ist, nämlich: Nichts. Insofern gehört es ab ovo zum Sein dazu, ist untrennbar mit ihm verbunden.

Tjaja, alles klar, wird jetzt der eine oder andere von Euch denken. Aber – nicht nur, daß Heidegger eine interessante und lohnenswerte Lektüre darstellt, mein kleiner philosophischer Exkurs hier hat durchaus seinen Grund: Serge Lutens samt seinem Parfumeur Christopher Sheldrake sind auf Abwegen unterwegs und scheinen ebenfalls unter die Philosophen gegangen zu sein. Und unter die Revolutionäre.

L'Eau Serge LutensFühlte sich Lutens, wie er doch selbst bekundet, bei der Präsentation seines neuesten Duftes L’Eau Serge Lutens wie Saint-Just, dieser französische Revoluzzer. Denn: Das L’Eau ist nun gar nicht das, was man so von Lutens erwartet(e?): Ein Parfum, das „nicht wirklich ein Parfum ist”, eher ein „Eau der Sauberkeit”, „elegant und subtil”, so, „als ob man aus dem Bad kommt”, aber eben auch kein frisches Eau, sondern „man könnte sagen, daß es eine frische Brise zwischen den ganzen gräßlichen Gerüchen ist. Dieses Eau ist… eine Tablette von Valda auf dem Mont Blanc.” So Lutens in einigen Interviews – siehe unter anderem hier, hier und hier (Quelle der folgenden Zitate).

Das L’Eau ist also ein „Bruch”, wie Lutens selbst sagt. 16 Jahre Arbeit steckt in dem neuen Duft, der genuin naturaliter ein „Anti-Duft” ist, wie Lutens bezeugt:

“Ich hatte die Idee, ein ,,Anti-Parfum” zu kreieren, dessen Duftnoten und Sinnlichkeit den Träger mit einem nachhaltigen, „reinen” Duft umgeben und nicht mit einem „Parfum” im herkömmlichen Sinne. Keine Neuheit, die an die Stelle bestehender Düfte tritt, sondern etwas, das wieder Lust auf Duft macht. Es ist als Reaktion auf unsere überparfümierte Welt zu verstehen… in welcher der Ursprung, warum wir einen Duft tragen, die Verführung, in Vergessenheit geraten und zu einem gedankenlosen Ritual geworden ist. L`Eau Serge Lutens ist meine Antwort darauf: rein und klar, sich abgrenzend von diesen artifiziellen Düften, die uns umgeben. Es ist wie das Einatmen klarer, frischer Bergluft.”

Aha, es verbirgt sich hinter diesem angeblichen Nichts also doch ein Sein, vielmehr: Ein Seiendes. Was per definitionem als Parfum verkauft wird, das keines sein möchte, ist eben doch ein Statement, wie Lutens einräumt:

“Ich suchte etwas anderes: eine Note, die den Eindruck von Sauberkeit und Reinheit vermittelt. Dieser außergewöhnliche Duft von frisch gebügelter Wäsche, der Wohlbefinden und Schläfrigkeit auslöst. An den wir uns aus der Zeit erinnern, als wir noch klein waren.”

So kommt der Duft „dem Geruch von sauberer Wäsche sehr nahe”, was auch Lutens’ Idee war: „Frische, Luft, gebügelte Wäsche, sauberer Dampf. Als ob man mit diesem Duft andere Gerüche abweisen könnte, die man nicht haben will. Es ist also eher so etwas wie ein mentaler Schutz als ein Parfüm: Man geht damit auf Abstand.”

L'Eau Serge LutensEin Platzhalter soll es also sein, dieses L’Eau. Ein distanzschaffender und dekonstruktivistischer Duft, auf das Wesentliche konzentriert, denn, so Lutens:

“Er kann dazu beitragen, mit seinem Innersten in Berührung zu kommen. Für Frauen ist es an der Zeit, mit alten Klischees aufzuräumen, wie Strapsen oder Lockenwicklern, all diesen Attributen einer überholten Neo-Erotik, zu der Frauen greifen, um Männern zu gefallen. Bei Männern: weniger Bodybuilding, weniger Aktenkoffer und andere Accessoires, die Frauen beeindrucken sollen. Es ist Zeit für Wohlbefinden, Einfachheit und frische Luft.”

Wie Recht er doch hat… Und das L’Eau hält ebenfalls, was es verspricht: In den Kopfnoten offenbaren sich sanfte zitrische Noten mit diffus-fruchtigen Anklängen, die alsbald von einer zart-pudrigen Vanille begleitet werden, ehe sie in luzide und saubere Gefilde übergehen, in welchen einige subtile Blüten blühen. Das L’Eau umgibt einen tatsächlich wie ein unaufdringlicher (und trotzdem extrem haltbarer) Hauch. Weit davon entfernt, einer jener cleanen amerikanischen Wäschedüfte zu sein (welche ich nicht mag, was ihr spätestens hier festgestellt haben solltet), läßt es Platz für den Träger, die Trägerin, sowie deren Naturell und Persönlichkeit. Es ist also in der Tat, wie Lutens beschreibt, eine Art weißes Blatt: Tabula Rasa mit der Möglichkeit, die ureigene Geschichte des Trägers mit aufzunehmen und zu erzählen.

So ist das L’Eau Serge Lutens schlußendlich eben wie das Nichts – es ist mehr als nicht, denn es ist. Und Serge Lutens ist wie Heidegger ein Wortakrobat. Hier schließt sich der Kreis.

In diesem Sinne -

liebe Grüße,

Eure Ulrike, ebenfalls seiend.

P.S.: Hier der Videoclip zum Duft.

Bildquelle: Metal Box von Martyn Rice, Snowy Mountain and Forest von Ariel da Silva Parreira, Linen von Karolina Przybysz – alle via stockxchng, some rights reserved. Vielen lieben Dank!

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Histoires de Parfums’ Moulin Rouge 1889.

Geschrieben in Duft, Leder, Reines und Pudriges am 19.03.2010

Sehr gespannt war ich auf diesen Duft. Und, wie ich gleich vorwegnehmen kann: Zu Recht. Histoires de Parfums Moulin Rouge 1889, der offizielle Signature-Duft zum 120jährigen Bestehen des legendären gleichnamigen Pariser Cabarets und Nachtclubs. Hier ist Nomen gleich Omen, aber trotzdem könnte der Duft den einen oder anderen überraschen, weil er zwar zum Namen paßt, man sich allerdings andererseits auch etwas anderes darunter erwarten könnte… Was erwartet man denn vom Duft und was assoziiert man mit Moulin Rouge? Mein Bild ist, wie schon einmal erwähnt, literarisch geprägt: Für mich ist Moulin Rouge Jahrhundertwende, Salonkultur, Tanztheater in jeglicher Form. Es liegt viel in der (Bühnen)Luft: Aufregung, Nervosität, Frivolität, Freude, Ausgelassenheit und – Erotik. Der Duft von Puderquasten und Stoffen unterschiedlichster Natur, Samt und Seide sowie schwerer Brokat, ein Hauch von Transpiration, ein bißchen Alkohol oder besser: Champagnerbäche… na, ihr wißt schon…

toulouse-lautrec1Und natürlich Toulouse-Lautrec, der Maler, den ich schon in meinem letzten Artikel mit dem Moulin Rouge in Verbindung brachte, weil er das verführerisch überbordende Leben dort in den leuchtendsten Farben für die Nachwelt eingefangen hat: Glanz, Gloria und Glamouröses, Passionen und Obsessionen in jeglicher Hinsicht sowie… Exzesshaftigkeit.

Moulin Rouge fängt all diese Vorstellungen vollkommen ein. Er präsentiert sich mitnichten als kuschelig-muckeliger Skinduft oder hyperpudrig, sondern er repräsentiert das ganze obige Programm: Im Auftakt erinnert er – und das zieht sich wie ein roter Faden durch den Duft – im Geruch an einen guten Lippenstift oder einen qualitativ hochwertigen Puder. Wißt Ihr, diese cremig-trockene Komponente? Trocken ist hier auch genau das Stichwort – der Duft ist trocken, und zwar durchgängig. Er entwickelt sich nah der Haut und verschmilzt richtiggehend mit ihr. Das Wort skinnig im herkömmlichen Sinne trifft es aber nicht, da er weder klassisch pudrig ist noch eine wirkliche Süße an den Tag legt, obgleich ihm süße Elemente innewohnen. Diese sind aber betont – ich wiederhole – trocken, ähnlich wie bei getrockneten Früchten. Urheber dessen ist – die Iris, eine wunderbar samtig-weiche und sanfte, verträumte Variante davon, welche im weiteren Duftverlauf herrlich mit den sich zu ihr gesellenden Ledernoten korrespondiert – ein sehr schöner Kontrast. Die Lipstick-Anklänge enthüllen alsbald ein florales, nicht näher zu charakterisierendes Herz, welches von (ganz klar: trocken)fruchtig-beschwipsten Pflaumennoten (mit einer Prise Salzigkeit) sowie cremigen Zimtakzenten (erinnert sich jemand an den Big-Red-Kaugummi?) abgerundet wird. Die Basis, die dahinter bereits hervorragt, offenbart Großes: Absinth, leicht bitter, typisch wermutig und wehmütig, begleitet von ätherisch-tiefem Patchouli stiften melancholische Momente, während Vanille und Moschus sich zu einer subtil-warmen Weiche vereinen und den Duft somit gekonnt abrunden.

toulouselautrec2Seine Ingredienzen: Mandarine, Pflaume, Zimt, Absinth, Rose, Iris, Leder, Patchouli, Vanille, Moschus.

Chapeau! Respekt – dieser Duft ist ganz großes Kino oder besser: ganz großes Theater! Ich bin sehr sparsam mit derlei Komplimenten, vielmehr: Ausdrücken, aber Moulin Rouge 1889 ist etwas komplett eigenständiges, ein Unikat, ein absolutes und einzigartiges. Ich kenne nichts, was auch nur ansatzweise so riecht wie dieser Duft, welcher eine fast lyrische Qualität besitzt mit seinen unterschiedlichen und in der Tat aussagekräftigen (Verlaufs)Stadien. Eine großartige und bemerkenswerte Kompostion, welche endlich wieder mal Femininität nach meinem Geschmack auszudrücken vermag – für mich persönlich ein Musthave, in jedem Falle aber ein Musttry würde ich sagen.

In diesem Sinne – einen schönen Tag wünsche ich Euch und liebe Grüße,

Eure Ulrike.

Bildquelle: Foto Toulouse-Lautrec bei der Arbeit / 1890 sowie das fertige Bild “Ball im Moulin Rouge” – beides via WikiCommons, some rights reserved.

Histoires de Parfums’ Moulin Rouge 1889 in unserem Shop: Hier klicken!

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Humiecki & Graef – Multiple Rouge


Baudelaire die Zweite – oder so ähnlich…

Geschrieben in Duft, Reines und Pudriges am 8.02.2010

Als ich letzte Woche den Blogartikel zu Byredos Baudelaire verfaßte, habe ich mal wieder in den Fleurs du Mal geblättert, um Euch ein besonders aussagekräftiges Gedicht herauszusuchen. Dabei bin ich dann gleich bei einem weiteren Gedicht hängengeblieben, das mich zum heutigen Blogartikel inspiriert hat, bei – der Katze:

I
In meinem Hirn, als wär’s ihr eigner Raum,
Schleicht auf und nieder auf der weichen Tatze
Geschmeidig sanft die schöne, stolze Katze.
Und ihrer Stimme Ton vernimmt man kaum,
So zart und heimlich ist ihr leis Miauen.
Und ob sie zärtlich, ob sie grollend rief,
Stets ist der Klang verhalten, reich und tief
Und Zauber weckend und geheimes Grauen.
Die Stimme, die wie schwere Perlen sank
In meines Wesens dunkle Gründe nieder,
Erfüllt mich wie der Klang der alten Lieder,
Berauscht mich wie ein heißer Liebestrank.
Sie schläfert ein die grausamsten Verbrechen,
Verzückung ruht in ihr. Kein Wort tut not,
Doch alle Töne stehn ihr zu Gebot
Und alle Sprachen, die die Menschen sprechen.
Auf meiner Seele Saitenspiel ließ nie
Ein andrer Bogen so voll Glut und Leben
Die feinsten Saiten schwingen und erbeben,
Kein anderer so königlich wie sie,
Wie deine Stimme, rätselvolles Wesen,
Seltsame Katze, engelgleiches Tier,
Denn alles, Welt und Himmel ruht in ihr,
Voll Harmonie, holdselig und erlesen.
II
Und ihrem weichen Fell, das braun und fahl,
Entsteigt ein Hauch, so süß die Sinne labend,
Dass ich davon durchduftet bin am Abend,
Berührt ich’s streichelnd nur ein einzig Mal.
Von je des Orts vertrauter Geist gewesen,
Herrscht sie und richtet und beseelt zugleich
Ein jedes Ding in ihrem weiten Reich;
Ein Feenkind vielleicht, ein göttlich Wesen.
Und wenn mein Blick, magnetisch hingelenkt
Zu jener Katze, die beherrscht mein Sinnen,
Sich wieder wendet, fügsam, ohn Entrinnen
Und still in ihren Anblick sich versenkt,
Dann seh’ ich staunend und im Tiefsten schauernd,
Dass ihre Augensterne feurig fahl,
Leuchtfeuern gleich und lebendem Opal,
Mich unverwandt betrachten, still und lauernd.

Humiecki & Graef GesteSelbst stolze Besitzerin einiger feliner Exemplare kann ich Baudelaires Faszination für diese Spezies nur allzu gut nachvollziehen. Und von Baudelaire und seiner Ode an die Katze ausgehend ließ ich meinen Gedanken etwas freien Lauf und kam alsbald auf – meine Haustiere und die Düfte. Ganz sicher bin ich nicht der einzige Haustierhalter hier, ergo würde es mich wirklich brennend interessieren, wie Eure Tiere (welche?) auf Eure Düfte (nochmal: welche?) reagieren: Ergreifen sie die Flucht und nehmen Reißaus, stört es sie nicht oder sind sie vielleicht dem einen oder anderen Duft besonders zugetan?

In meinem werten Heim reagiert nur ein Tier auf Düfte und ich kann durchaus behaupten, daß ich in dessen Gunst definitiv steige, sobald ich zwei ganz bestimmte Düfte auflege… Somit habe ich beschlossen, den heutigen Post meiner Diva Zora zu widmen und Euch deren Lieblingsdüfte vorzustellen, für welche ich nicht nur besonderer Beachtung zuteil werde, sondern mich eines regelrechten Stalkings ausgesetzt sehe samt tätlicher Angriffe in Form von Schmuseattacken in bis dato annähernd unbekannter Vehemenz.

Zora scheint eine Präferenz für Moschus zu haben, und zwar für bestimmte, sehr hochwertige künstliche Moschusarten – das ist die Gemeinsamkeit ihrer beiden Favoriten, die da wären: Anamor All that matters und Geste von Humiecki & Graef.

Anamor All that mattersAll that matters von Anamor ist, so interpretiere ich den Namen in Relation zu meinen Tragegewohnheiten, ein Duft für all jene Momente, in denen gar nichts anderes wichtig ist als das bloße (Da)Sein. Ein für mich ungewöhnlicher Duft, handelt es sich bei All that matters doch um einen reinen Moschusduft mit ein bißchen Sandelholz und einem Hauch Maiglöckchen – nicht unbedingt typisch für mich…

All that matters ist ein genauso unschuldig und pur wie seine Anmutung, die sich in fast allen seiner Verpackungen (diese wechseln stetig je nach Edition / Auflage) widerspiegelt: Ein kleines, mattiertes Fläschchen aus Glas mit einem schlichten silbernen Deckel, umhüllt von einem handgefertigten Säckchen, welches an die Aufbewahrungen von Schmuck oder anderem Gezier erinnert. Ein Schatz ist All that matters, ein zerbrechlicher – das wird einem suggeriert. Und es ist nicht ganz falsch: Mir ist, von einigen Ausnahmen abgesehen (unter anderem Narciso Rodriguez Musc for Her OIL (!), Le Labo Musc) selten ein solch schöner, sauberer Moschusduft unter die Nase gekommen (ich rede jetzt nicht von den Schmuddelkindern, den dreckigen Moschusausprägungen). All that matters ist ein rares Kleinod, unschuldig, weiß, luzide und von einer papiernen Süße (anstatt jener Moschusfacette, die häufiger mal metallisch beziehungsweise nach Bleistift(mine) zu riechen pflegt) – ein „Kuschelmuschel”-Duft, wenn man so will. Einer der Düfte, der riecht wie die eigene Haut – nur eben besser. Und eben alles, was zählt in solchen Momenten…

Geste, Zoras zweiter Liebling, hatte mich auch gleich zu seinem Erscheinen schwer verzückt – und das obgleich seine Ingredienzen, vor allem in der Kombination, mich normalerweise ebenfalls nicht hätten ansprechen dürfen… welche da wären: Ambra, Veilchen, Moschus und Harze.

geste_bettGeste ist, wie jedes Parfum von Humiecki & Graef einer (Ur)Emotion gewidmet – in diesem Falle der Intensität. Fischenich, einer der Gründer und Inhaber, stellt sich unter Geste „Eine gestandene, ältere Frau” vor, welche „einen sehr jungen Liebhaber hat, die sich Gedanken darüber macht, wie die Beziehung sich entwickelt und wie sie enden wird. Natürlich geht es auch um den Gegensatz von Reife und Jugendlichkeit bei der Sexualität” – eine annähernd poetische Beschreibung und: Lolita mal andersrum, wie ich auch bereits in der Beschreibung in unserem Shop bemerkte.

Für mich ist Geste in der Tat intensiv und strahlt Intensität aus, aber nicht unbedingt fleischgewordene. Der Reiz von Geste liegt in dem Bild, das der Duft hervorruft: Ich sehe hier ein zerwühltes Bett mit weißen Laken in einem lichtdurchfluteten Raum, gewärmt von der Sonne, die auf die Holzdielen scheint, auf denen ebenso wie im Bett ein paar Krümel von Madeleines zu finden sind, vielleicht waren es auch Croissants… Eine malerische Momentaufnahme, ein Augenblick, der alles verschmilzen läßt, in dem Vergangenes gegenwärtig wird und Zukünftiges verheißt…

Euch einen guten Start in die Woche – verträumte Grüße, Ulrike.

Bildquellen: meine rote Zora, Anamor All that matters – erhältlich über Essenza Nobile. Danke an Lillian Nelson für das schöne Foto “Rest and Relaxation” via stock.xchng!

Das Baudelaire-Gedicht ist aus den Fleurs du Mal – Ihr findet es hier.

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Moulin Rouge oder…

Geschrieben in Duft, Reines und Pudriges am 4.02.2010

Henri de Toulouse-Lautrec: Conquête de passage, 1896… die ewige Suche nach einem Puderduft. Immer wieder lese ich in Foren die Frage nach einem Duft, der nach Puder riecht. Kein Babypuder, obgleich der ebenfalls gefragt zu sein scheint. Sondern, ihr wißt schon – Puder, Puder wie jener aus diesen großen altmodischen Puderdosen, die an Hutschachteln erinnern und zu denen es immer eine Puderquaste gigantischen Ausmaßes gab. Ich hatte selbst einmal eine dieser riesigen Puderdosen – als Kind, ein Geschenk meiner Tante aus Amerika. Und mich faszinierte ebenfalls nicht nur deren Optik sondern auch – der Geruch. Dieser ein wenig altmodische, nach Rosen und ähnlich floralem riechende, nicht übermäßig süße, aber eben pudrige.

Vielleicht habe ich persönlich zu viel Salonliteratur gelesen, aber mich erinnert dieser Geruch immer an Tanzlokale, Nachtbars und kleine Theater aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts. Mit zwei Worten: Montmartre, Paris.

Henri de Toulouse-Lautrec: Au Salon de la rue des Moulins, 1894Bildlich kann ich sie vor mir sehen, die Schauspielerinnen und Tänzerinnen in ihren winzigen Garderoben, angefüllt mit pompösen, feder- und paillettenbestickten Kostümen aus Samt und Seide, einer spanischen Wand, die unter deren Gewicht wankt sowie große goldene Spiegel auf ebensolchen Schminktischen. Auf exakt diesen stehen dann auch die Protagonisten des dort vorherrschenden Duftes: Ziselierte und handgeblasene Flakons seltener Düfte wie gewichtige Dosen diverser Puder in Korallen- und Fleischfarben.

Für mich gibt es exakt einen Duft zu dieser meiner Assoziation: Jean Charles Brosseaus Ombre Rose. 1981 kreiert und mittlerweile ein Klassiker, gibt es das Parfum seit 2002 auch wieder in der alten Version, nachdem Brosseau die Rechte daran, die vorübergehend in fremder Hand waren, wieder zurückkaufte.

Ombre Rose hat folgende Ingredienzen: Kopfnote: Rosenholz, Ylang-Ylang, Honig und Pfirsich; Herznote: Rose, Maiglöckchen, Iris; Basisnote: Moschus, Cumarin, Vanille, Sandelholz.

Moulin Rouge, Montmartre / ParisEs gibt Düfte, bei denen fällt es mir unglaublich schwer, einen wirklichen Duftverlauf festzustellen. Nicht, weil sie diesen nicht haben. Sondern weil sie mir in ihrer Gesamtheit oder mit ein paar ihrer Facetten bereits eine Aura oder ein bestimmtes Bild vermitteln, das ich nicht weiter aufdröseln kann. An diesem Punkt scheitere ich dann mit jeglichem Versuch einer weiteren Analyse.

Ombre Rose fällt definitiv in diese Kategorie: Ich sehe ständig „mein Etablissement” von oben vor mir und sehe mich verzückt: Florale Noten, Honig und das heuartige Cumarin, eine verhaltene Süße und (Moschus sowie) Puder, Puder und nochmals Puder, frisch von der kuschelig-puscheligen Quaste.

Passend zum Thema Montmartre lancierte im übrigen Maître Parfumeur et Gantier Histoires de Parfums Ende letzten Jahres einen neuen Duft genannt 1889 Moulin Rouge – auf Bitte des Hauses hin (und) zu dessen Jubiläum, dem 120jährigen Bestehen. Dieser wird, genauso wie das Tuberosen-Trio, (hoffentlich) bald bei uns eintrudeln. Seine Ingredienzen: Mandarine, Pflaume, Zimt, Absinth, Rose, Iris, Leder, Patchouli, Vanille, Moschus. Hier im übrigen ein nettes (englisches) Interview aus dem Sniffapalooza-Magazine mit Gérard Ghislain, dem Gründer von Histoires de Parfums.

Morgen knüpfe ich nahtlos an das Thema Paris und Dekadenz an – Byredos Baudelaire wartet dann auf Euch.

Einen schönen Tag und viele liebe Grüße,

Ulrike.

Bildquellen: Henri de Toulouse-Lautrec: Conquête de passage (1896)Henri de Toulouse-Lautrec: Au Salon de la rue des Moulins (1894), Moulin Rouge – some rights reserved.

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Humiecki & Graef – Multiple Rouge
Histoires de Parfums’ Moulin Rouge 1889.
BVLGARI – Eau Parfumée au Thé Rouge – sinnliche Verführung für Sie & Ihn


Vorfreude…

Geschrieben in Duft, Fruchtiges, Reines und Pudriges am 30.12.2009

ist die schönste Freude, sagt der Volksmund. Und – ich freue mich oder besser: ich freute mich, sehr sogar. Ab dem Zeitpunkt, seitdem ich wußte, daß wir sie nun endlich definitiv in unseren Shop bekommen: Die BYREDO-Kollektion, bestehend aus momentan neun Düften und zehn Kerzen (die uns der werte Constantin gestern hier vorgestellt hat).

Ich habe schon einige Male hier im Blog von Byredo geschwärmt – eigentlich in jeder der bisherigen Rezensionen, namentlich Rose Noir und Fantastic Man, sowie in der Ankündigung zu Baudelaire, Byredos neuestem Duft. Für mich ist die Firma meine persönliche Entdeckung des Jahres 2009 und ich knete schon seit einigen Wochen mein Portemonnaie, da ich – für meine Verhältnisse doch eher ungewöhnlich – zum weiteren Fortbestand und zur Sicherstellung meines Seelenheils mindestens drei Düfte aus der Kollektion brauche, mindestens… Und ich spreche hier nicht von einem reinen Bedürfnis, nein, nein, echter Bedarf ist angesagt.

Der fantastische Mann wird es auf jeden Fall sein, der bei mir einziehen wird – in olfaktorischer Version natürlich. Und die Rose Noir. Das war jetzt nicht so schwer, habe ich diese beiden Düfte auch als erstes vorgestellt. Die restliche Kollektion mag ich Euch aber, da sie jetzt endlich bei uns angekommen und somit erhältlich ist, nicht vorenthalten. Nachdem ich nun auch ausnahmslos jeden Duft testen konnte, mag ich Euch meine Eindrücke gleich weitergeben – deshalb, diese Woche, die Byredo-Woche.

Beginnen möchte ich mit Pulp. Wie soll ich sagen, und was? Pulp ist – ein echter Kracher. Aber fangen wir zuerst einmal an mit den Ingredienzen an: Kopfnote: Bergamotte, Kardamom, schwarze Johannisbeere; Herznote: Feige, Apfel, Tiaréblüte; Basisnote: Zedernholz, Praliné, Pfirsichblüten.

Hören wir auf Herrn Gorham ist Pulp eine Zusammenstellung, ein Stillleben exotischer Früchte mit schwedischen Einflüssen, vereint zu einem internationalen Fruchtkorb: „ A dramatic composition focused on the idea of ripe, sweet, shapeless mass of fruit, an unruly and intense savor.” Und, in der Tat, dramatisch ist Pulp, hochdramatisch. Eine reife, formlose Masse an Früchten – daher der Name, der auf Konfitüre hindeutet – die einen intensiven Geschmack hervorbringt, der gleichzeitig unruly ist. Unruly hat nun einige Bedeutungen, auf Pulp treffen fast alle zu: Unbändig, aber auch widerspenstig, ungebärdig.

Ich fasse mal zusammen: Der Auftakt gleicht bereits einer Naturgewalt: Bitter-herbe Fruchtnoten in einer Dominanz und Präsenz, wie man sie selten erlebt. Bergamotte von ihrer zitrischsten Seite sowie dunkelste schwarze Johannisbeere mitsamt all ihrer Säuerlichkeit, mächtige grüne Feige und prominente Apfelnoten. Mir fällt kein einziger vergleichbarer Duft ein, der diese (Frucht)Intensität in ähnlicher Weise verkörpern würde. Allenfalls, vielleicht – Humiecki & Graefs Multiple Rouge mit seinen Beerennoten, die, so sehr zugespitzt, schon fast weh tun. Auch bei Pulp hat jemand deutlich am Verstärker gespielt – aber: Pulp ist nichtsdestotrotz durchaus sehr tragbar (und tragbarer als Multiple Rouge), wenn auch: mutig. Tatsächlich wird Pulp im Duftverlauf etwas gemächlicher, gelassener. Zeder kühlt ein wenig ab und einige florale Noten (die ich nicht unbedingt als Pfirischblüte und Tiaré identifizieren hätte können) mildern die nach wie vor noch vorhandene Frucht(bombe) etwas ab und es treten für diesen Duft sonderbar cremig-süße Gourmandnoten verhalten zutage.

Angelina Jolie Poppy Field

Ich muß gestehen, ich – und ich nehme an, ich kann auch man sagen – rieche selten ähnlich außergewöhnliche Düfte wie Pulp. Mich erinnert Pulp an die Kunst David La Chapelles: Grell und farbenfroh, irgendwie nah am Limit und fast etwas überzogen, aber auf eine Art und Weise vollkommen faszinierend. Muß man Pulp mögen? Nein. Aber testen muß man ihn trotzdem. Und – ja, ich mag Pulp als auch LaChapelle.
Als passend empfinde ich für Pulp obiges LaChapelle-Foto von Angelina Jolie, genannt „Poppy Field (Lusty Spring)” von 2001.

Blanche nun, der nächste Duft, ist ein ganz anderes Kaliber. Die Ingredienzen: Kopfnote: Rosenöl (Rose Attar), rosa Pfeffer, Aldehyde; Herznote: Veilchen, Orangenblüte, Pfingstrose; Basisnote: Hölzer, Sandelholz, Moschus.

Assoziationen zur Farbe weiß hatte Gorham bei diesem Duft im Kopf und seine Impression mutet für einen stilsicheren tätowierten Trendsetter und Designer erstaunlich – einfach an, ungewöhnlich gewöhnlich. Aber genau in diesen kleinen Momenten liegt eben auch viel Reiz verborgen, die kleinen Momente sind es, die das Leben… aber ich möchte nicht philosophieren ;) Gorham verbindet mit Blanche einen beginnenden Tag, an dem das Sonnenlicht die noch morgenfrische Luft durchdringt, genauso wie es sich seinen Weg durch die weißen Leinenvorhänge ins Zimmer bahnt, helle Streifen auf dem Dielenboden hinterlassend und „ihr” auf die weiße Schulter scheinend, ihre Wange zärtlich streifend und ihre Silhouette erleuchtend. Von ferne ist Kinderlachen zu hören aus einem anderen Raum. Ein neuer Tag beginnt und alles liegt noch vor uns. – Ist er nicht ein Romantiker, der Herr Gorham?

Auf jeden Fall trifft Blanche den Nagel auf den Kopf: Wer einen Duft gesucht hat, nach frischer Wäsche, nach Leinen, sonnengetränktem, unschuldig-weiß und morgendlich frisch – Blanche riecht genau so. Und meines Erachtens nach besser und authentischer als die typischen Clean-Düfte, wobei ich eine gewisse Ähnlichkeit zu dem klassischen The Laundry-Duft der gleichnamigen Produkte zu erkennen meine.

Für heute schließe ich nun – die nächsten Tage folgen die restlichen Byredo-Rezensionen von Gypsy Water, Bal d’Afrique, Green und Chembur.

Kennt Ihr denn Pulp und Blanche schon?

Liebe Grüße und einen schönen Tag Euch,

Eure Ulrike.

Bildquelle: Angelina Jolie Poppy Field / Galerie Alain Noirhomme

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