Erotische Bekenntnisse…
Ja, richtig gelesen – ebensolche, und zwar olfaktorischer Natur bescheren uns Parfumerie Générale mit ihren zwei neuen Düften, mit denen ich bereits auf der Messe im März das Vergnügen hatte und voll des Lobes war. Gemeint sind Bois Naufragé und Gardenia Grand Soir – mit ersterem werde ich heute gleich beginnen.
Bois Naufragé, auf deutsch ungefähr schiffbrüchiges Holz oder vielmehr Treibholz, sieht sich inspiriert durch ein Foto namens Nu au bois flotté (1971) von Lucien Clergue. Mit Lucien Clergue hat sich Pierre Guillaume, Mastermind von Parfumerie Générale, ein absolutes Schwergewicht herausgepickt: Clergue zählt zu den bedeutendsten (französischen) Fotografen überhaupt, war einer der Vorreiter, welche die Fotografie zur Kunst(form) ausriefen und dafür stritten, ist darüber hinaus Begründer des renommierten Fotografiefestivals Les Rencontres d’Arles im gleichnamigen beschaulichen Städtchen, in welchem der 1934 dort Geborene bis heute lebt und arbeitet.
Clergue ist vor allem bekannt durch seine Aktfotografien, welche die Franzosen (und vermutlich auch der Rest der Welt) lange als Pornografie wahrnahmen, während anderen schon längst klar war, daß es sich hierbei um (eine Form von) Kunst handele – unter anderem Clergues Bewunderern Jean Cocteau (der Schriftsteller der wunderbaren Kinder der Nacht – und nein, kein Vampirroman, eine poetische (Inzest)Geschichte einer Geschwisterliebe) sowie Picasso, mit welchem Clergue auch eng befreundet war.
Das Foto Nu au bois flotté zeigt, wie unschwer zu erkennen, eine Nackte auf verwittertem, wassergeschliffenem Holz, die sich in für mich fast halsbrecherischen Windungen um ebenjenes wickelt. Mit Absicht spreche ich hier nicht von Treibholz – denn, wenn man sich das Foto näher anschaut, wird einem schnell bewußt, daß überhaupt kein Untergrund ersichtlich ist. Wir wissen also nicht, wo(rauf) das Holz, der Stamm liegt. Lediglich der Name des Fotos assoziiert die Nähe des Wassers, des Meeres… und zaubert in meiner Vorstellung auch Sand unter den Holzstamm.
Wie nun wirkt das Bild an sich? Ich für meinen Teil ziehe die kontroverseren, zum Teil ironisieren Nackten bei Helmut Newton oder die verfremdeten bei ManRay vor, mag Clergue aber durchaus. Für mich ist seine Fotografie aber irgendwie auch typisch französisch, um ein bißchen in der Klischeekiste zu wühlen: Ein bißchen Softporno, die Gauloises im Mundwinkel, Lebenslust, ein bißchen Weichzeichner, viel Unbeschwertheit und sexy Authentizität, vorgebliche, die oft doch ein wenig künstlich, mitunter gekünstelt wirkt/ist.
Hier muß ich nämlich auf eine für mich augenscheinliche Diskrepanz aufmerksam machen: 70er, meine Lieben, und, wenn man genau hinsieht: Achselhaare. Jawohl. Ergo Natur pur oder so ähnlich. Da hätte ich im Duft eines eben nicht erwartet: Sonnencreme-Feeling bis zum Anschlag. Für all jene, die immer auf der Suche nach dem perfekten Sonnencreme-Duft sind: Give it a try!
Direkt nach dem Aufsprühen flacker Bois Naufragé noch wild umher, zitrische und salzige Noten an den Tag legend. Diese sind alsbald passé und räumen die Bühne für eine allumfassende Cremigkeit, die hauptsächlich durch grüne Feigennoten geprägt ist. Sahnecreme grüner Feigen – das ist durchgängig auch das Thema. Kokosnussige Aspekte schillern im Hintergrund und es flackern leicht metallische sowie mineralische Anklänge hin und wieder auf, die nebst der salzigen Noten eine Atmosphäre eines ruhigen Meeresstrandes kreieren. Das Treibholz scheint so trocken, daß es nur noch als sonnenbeschienene Ahnung wahrnehmbar wird. Mir scheint, Herr Guillaume hat das Foto auch als irgendwie kalt oder besser: distanziert wahrgenommen, was nicht weiter wundert, da das Gesicht der Frau ja nicht zu sehen ist und damit eine gewisse Distanz bereits geschaffen ist. Der Duft zeigt sich zwar einerseits wärmend, weil er so anschmiegsam ist in seiner grünen Feigencremigkeit mit den Kokostupfern und einer sauberen, sehr subtil holzigen Basis. Andererseits hat er aber auch eine nicht näher zu benennende Kühle, die von einem minzigen Unterton herrührt, der vermutlich von dem Vetiver stammt, welcher Teil des enthaltenen Salzakkordes ist.
Vielleicht war es ja bitterkalt am Tag der Aufnahme, und die Schöne (?) auf dem Foto war geistig abwesend, träumte sich in die Südsee? Spaß beiseite: Obgleich Clergue Nacktheit präsentiert und diese fern jener stilisierten Nacktheit zum Beispiel eines Herb Ritts liegt, sind Clergues Menschen auf den Fotos gleichermaßen authentisch sowie stilisiert, nahbar und gleichzeitig unnahbar. Dieser Kontrast, jene aufrechterhaltene Ambivalenz, findet sich meines Erachtens nach auch in Bois Naufragé.
In jedem Falle ist er keiner jener Meerdüfte im Stile von The Different Companys Sel de Vetiver oder Heeleys Sel Marin, in denen man die schäumende Gischt spürt an einem nicht-mediterranen Strand. Und es ist auch kein Caspar David Friedrich-Blick auf die See wie es Profumum mit Acqua di Sale kreierten.
Ruhig ist Bois Naufragé und anhänglich, sonnengewärmt und heiter, aber gleichzeitig doch ein wenig reserviert.
Ich freue mich auf Eure Testergebnisse!
Viele liebe Grüße,
Eure Ulrike.
P.S.: Vergessen – die Ingredienzen: Ambra, Meersalz / Fleur de Sel und Johannisbrotbaum – letztere sind wohl ein Akkord aus verschiedenen Noten, wie die Blogger von Cafleurebon feststellen: Vetiver, Iriswurzel, Zedernholz, Minze, Neroli und einige synthetische Essenzen sind hieran beteiligt.


















Das Nichts – ein philosophisch folgenschwerer Begriff… Wer denkt, von nichts oder besser: Nichts kommt nichts, liegt somit – abseits des Umgangssprachlichen – vollkommen daneben. Es haben sich etliche Philosophen seit der Antike mit jenem bedeutungsschwangeren Begriff beschäftigt – und spätestens seit Heidegger wissen wir: „In der hellen Nacht des Nichts der Angst ersteht erst die ursprüngliche Offenheit des Seienden als eines solchen: daß es Seiendes ist – und nicht Nichts.” Das Nichts also als Kontrast zum Sein und somit auch zum Dasein sowie dem Seienden. Und vielleicht einfacher schon bei Aristoteles: „Der Schatten des Nichts läßt das Seiende in seiner Seiendheit ausdrücklich erscheinen.”
Fühlte sich Lutens, wie er doch selbst bekundet, bei der Präsentation seines neuesten Duftes L’Eau Serge Lutens wie Saint-Just, dieser französische Revoluzzer. Denn: Das L’Eau ist nun gar nicht das, was man so von Lutens erwartet(e?): Ein Parfum, das „nicht wirklich ein Parfum ist”, eher ein „Eau der Sauberkeit”, „elegant und subtil”, so, „als ob man aus dem Bad kommt”, aber eben auch kein frisches Eau, sondern „man könnte sagen, daß es eine frische Brise zwischen den ganzen gräßlichen Gerüchen ist. Dieses Eau ist… eine Tablette von Valda auf dem Mont Blanc.” So Lutens in einigen Interviews – siehe unter anderem
Ein Platzhalter soll es also sein, dieses L’Eau. Ein distanzschaffender und dekonstruktivistischer Duft, auf das Wesentliche konzentriert, denn, so Lutens:
Und natürlich Toulouse-Lautrec, der Maler, den ich schon in meinem letzten Artikel mit dem Moulin Rouge in Verbindung brachte, weil er das verführerisch überbordende Leben dort in den leuchtendsten Farben für die Nachwelt eingefangen hat: Glanz, Gloria und Glamouröses, Passionen und Obsessionen in jeglicher Hinsicht sowie… Exzesshaftigkeit.
Seine Ingredienzen: Mandarine, Pflaume, Zimt, Absinth, Rose, Iris, Leder, Patchouli, Vanille, Moschus.
Selbst stolze Besitzerin einiger feliner Exemplare kann ich Baudelaires Faszination für diese Spezies nur allzu gut nachvollziehen. Und von Baudelaire und seiner Ode an die Katze ausgehend ließ ich meinen Gedanken etwas freien Lauf und kam alsbald auf – meine Haustiere und die Düfte. Ganz sicher bin ich nicht der einzige Haustierhalter hier, ergo würde es mich wirklich brennend interessieren, wie Eure Tiere (welche?) auf Eure Düfte (nochmal: welche?) reagieren: Ergreifen sie die Flucht und nehmen Reißaus, stört es sie nicht oder sind sie vielleicht dem einen oder anderen Duft besonders zugetan?
All that matters von Anamor ist, so interpretiere ich den Namen in Relation zu meinen Tragegewohnheiten, ein Duft für all jene Momente, in denen gar nichts anderes wichtig ist als das bloße (Da)Sein. Ein für mich ungewöhnlicher Duft, handelt es sich bei All that matters doch um einen reinen Moschusduft mit ein bißchen Sandelholz und einem Hauch Maiglöckchen – nicht unbedingt typisch für mich…
Geste ist, wie jedes Parfum von Humiecki & Graef einer (Ur)Emotion gewidmet – in diesem Falle der Intensität. Fischenich, einer der Gründer und Inhaber, stellt sich unter Geste „Eine gestandene, ältere Frau” vor, welche „einen sehr jungen Liebhaber hat, die sich Gedanken darüber macht, wie die Beziehung sich entwickelt und wie sie enden wird. Natürlich geht es auch um den Gegensatz von Reife und Jugendlichkeit bei der Sexualität” – eine annähernd poetische Beschreibung und: Lolita mal andersrum, wie ich auch bereits in der Beschreibung in unserem Shop bemerkte.
… die ewige Suche nach einem Puderduft. Immer wieder lese ich in Foren die Frage nach einem Duft, der nach Puder riecht. Kein Babypuder, obgleich der ebenfalls gefragt zu sein scheint. Sondern, ihr wißt schon – Puder, Puder wie jener aus diesen großen altmodischen Puderdosen, die an Hutschachteln erinnern und zu denen es immer eine Puderquaste gigantischen Ausmaßes gab. Ich hatte selbst einmal eine dieser riesigen Puderdosen – als Kind, ein Geschenk meiner Tante aus Amerika. Und mich faszinierte ebenfalls nicht nur deren Optik sondern auch – der Geruch. Dieser ein wenig altmodische, nach Rosen und ähnlich floralem riechende, nicht übermäßig süße, aber eben pudrige.
Bildlich kann ich sie vor mir sehen, die Schauspielerinnen und Tänzerinnen in ihren winzigen Garderoben, angefüllt mit pompösen, feder- und paillettenbestickten Kostümen aus Samt und Seide, einer spanischen Wand, die unter deren Gewicht wankt sowie große goldene Spiegel auf ebensolchen Schminktischen. Auf exakt diesen stehen dann auch die Protagonisten des dort vorherrschenden Duftes: Ziselierte und handgeblasene Flakons seltener Düfte wie gewichtige Dosen diverser Puder in Korallen- und Fleischfarben.
Es gibt Düfte, bei denen fällt es mir unglaublich schwer, einen wirklichen Duftverlauf festzustellen. Nicht, weil sie diesen nicht haben. Sondern weil sie mir in ihrer Gesamtheit oder mit ein paar ihrer Facetten bereits eine Aura oder ein bestimmtes Bild vermitteln, das ich nicht weiter aufdröseln kann. An diesem Punkt scheitere ich dann mit jeglichem Versuch einer weiteren Analyse.
