Costume National…
… ist nicht nur ein ganz hervorragendes Klamottenlabel, das mein Herz schon seit Jahren mit seinem minimalistischen Stil samt raffinierter kleiner Details erfreut – die Italiener haben auch eine ganze Duftkollektion im Programm, die wir neulich ins Sortiment unseres Shops aufgenommen haben.
Ich bin ganz ehrlich: Natürlich hatte ich diese, trotzdem ich das Label schon lange kenne und schätze, größtenteils noch nicht getestet. Warum? Weil ich, ich gestehe es, bei sogenannten „Mainstream“-Düften, die man in vielerlei Parfumerien bekommen kann, die flächendeckender lanciert werden, immer lediglich semi-interessiert bin und viele Düfte wie die zum Beispiel die 28. Auflage eines Escada-Sommerduftes gar nicht teste (in dem Falle schon auch weil ich das Label ganz gruselig finde…). Eine Voreingenommenheit, die nicht immer richtig und angebracht ist – sind es doch mitunter dieselben Parfumeure, die jene Düfte für die ganzen herkömmlichen Parfumerielabels herstellen: Annick Menardo beispielsweise, die Göttliche, hat neben Le Labos Patchouli auch Bulgari(s) Black gemacht, den kongenialen. Und darüber hinaus noch Diors Hypnotic Poison. Kurkdjian, den wir von seinem eigenen Haus kennen sowie von einigen Düften für Juliette has a Gun, von Indult, der sich verantwortlich zeichnete für Guerlains Rose Barbare und Acqua di Parmas Iris Nobile wurde als Jungspund bekannt mit seinem Meisterwerk für Gaultier, Le Male – und fertigte weiter fleißig noch weitere Düfte für Gaultier, Elisabeth Arden, Joop! und Konsorten.
Wie das kommt? Weltweit gibt es diverse Aroma- und Duftstoffhersteller, einige davon teilen sich den Großteil des Marktes, nämlich Givaudan, IFF, Firmenich, Symrise und Takasago (siehe Blogroll). Diese stellen nicht nur Duftstoffe für Parfums her, sondern eben auch Aromen für Hygieneartikel, für Wasch- und Putzmittel sowie für den Verzehr, ergo für Speisen und Getränke. Einige Labels und Firmen aus dem Parfumeriebereich gehören ohnehin schon zu diesen Konzernen, für andere fertigen ebendiese deren Düfte an – mit hauseigenen Parfumeuren, die je nach dem mal Waschmittel und mal Parfum machen, wobei die bekannteren Stars vermutlich nur noch im Duftbereich agieren und nicht die Limited Edition eines Spülmittels in der Sommersambavariante erfinden müssen. So arbeiten viele unserer angebeteten Parfumeure vom Laborsessel eines dieser Konzerne aus – und betreiben nebenher oder parallel ihre eigenen Projekte, Labels, Kooperationen whatever, in denen sie mehr Freiheit(en) haben.
Ich vergleiche das immer ganz gerne mit der Arbeit eines Malers: Viele Mainstreamlabels erheben mittels der Trendforschung bestimmte zyklische Präferenzen und machen demgemäße Vorgaben. Nehmen wir einmal an, diesen Sommer seien Lotosblüte bei Damen und Grapefruitakzente bei Herren en vogue, im Winter soll die Frauenwelt nach Vanillekipferl riechen und der Mann nach Spekulatius. Nach diesem Schema soll der Parfumeur dann arbeiten, er bekommt oft recht strikte Angaben bezüglich der Inhaltsstoffe und vor allem dem (Liter)Preis, den die Essenz nachher kosten darf – ein bißchen, wie wenn man einem Maler eine Leinwand in die Hand drückt, die die Maße 30 x 40cm hat, ihm eine Palette mit verschiedenen Blautönen gibt sowie weiß und grau, ihm einen Pinsel mittlerer Dicke spendiert und von ihm eine Wasserinterpretation japanischer Natur haben mag. Viel Spielraum bleibt da oftmals nicht, was nicht heißt, das nicht auch mal ein hervorragender Duft herauskommen kann. Häufig aber dürfen auch die Komponenten eben eine bestimmte Preisgrenze nicht überschreiten – was man dem endgültigen Ergebnis mitunter auch „anriecht“, ganz abgesehen davon, daß es darauf getrimmt ist, einer breite(re)n Masse zu gefallen.
Viele der sogenannten Nischenduftfirmen machen derlei Vorgaben nicht, sie lassen den Parfumeuren oft freie Hand bezüglich der Duftkreationen, sowohl was deren Geruch angeht, das Thema als auch die Inhaltsstoffe beziehungsweise deren Preis. Der Parfumeur darf hier häufig verwenden, was sonst selten zum Einsatz kommt: Seltene und teure, weil rare oder sehr schwer herzustellende Essenzen natürlicher und zum Teil auch synthetischer Art. Zum Beispiel nicht irgendeinen Weihrauch, sondern den Silberweihrauch aus dem Oman, der als der beste weltweit gilt, nicht irgendeinen Moschus, sondern eine jener ganz schwer herzustellenden sehr hochwertigen synthetischen Verbindungen. Oder Oud des Adlerholzbaumes, über dessen zum Teil auch traurigen Raubbau ich bereits hier erzählte. Oder jene typischen Essenzen – Iriswurzel, Tuberose und Jasmin, die zu den teuersten gehören.
Darüber hinaus sind die meisten Kollektionen nicht darauf angelegt, gefällig zu sein im Sinne von einer Kompatibilität mit dem Massengeschmack. Diese Düfte muß nicht jeder mögen, nein – davon war schon Carons Gründer Ernest Daltroff überzeugt, der um die Zwanziger des 20. Jahrhunderts Düfte wie Tabac Blond lancierte, den ersten Tabak-Leder-Duft für Frauen, der rauchenden Frau gewidmet (damals ein Affront!) oder En Avion, jenen abenteuerlustigen Frauen gewidmet, die zu jener Zeit Charles Lindbergh nacheiferten und Flugrekorde (weiblicher Piloten) aufstellten.
Jetzt habe ich furchtbar lange ausgeholt – und dargelegt, was ich an Nischendüften, den sogenannten, so liebe: Jene unkonventionellen kleinen und großen Firmen, die ihrer Tradition schon seit Jahrhunderten folgen und gleichbleibend exzellente Produkte produzieren oder jene, die Neues wagen, gegen den Mainstream – alles in jedem Falle mit viel Herzblut und oft manuell kreiert mit aus Liebe zum Produkt und dem Glauben daran, daß es deshalb seine Freunde finden wird.
Jedoch finden sich aus bereits dargelegten Gründen auch bei jenen Labels, die breiter verkauft werden, Juwelen – viele werden hier auch gleich die richtigen nennen, z.B. Hermès, die sich den Luxus leisten, Jean Claude Ellena, einen der größten Parfumeure unserer Zeit als Hausparfumeur zu leisten. Oder Bulgari, die für die Erschaffung ihrer Düfte durchweg nur große Namen beauftragen.
Bei Costume National durfte ich neulich auf einem Shoppingstreifzug mit einer Duftfreundin – an dieser Stelle ein herzliches Hallo an Jutta, falls Du mitliest! ;) – ein solches Juwel in der Kollektion entdecken: Deren letzter Streich, schlicht Homme genannt.
Ein toller Mann, wirklich – und ein ganz und gar ungewöhnlicher, was einen nicht wirklich wundert, wenn man mal einen Blick auf den Parfumeur wirft: Der bei IFF tätige Dominique Ropion, einer der großen Namen der heutigen Zeit. Und wie gestaltet er unseren Mann? Unaufdringlich, aber doch durchdringend und von atemberaubender Präsenz. Eine dichte Komposition mit säuerlich-frischen Zitrusfrüchten im Auftakt, die jedoch bald eintauchen ins das atmosphärische Geflecht des Duftherzens: Dominante warm-würzige Noten von süßlich-scharfem Zimt getragen von einem harzig-rauchigen Holzlager mit Sandelholz, Labdanum und Patchouli… Die Haltbarkeit ist, genauso wie der Duft superb – ganz klar heiratsantragsgefährdet, dieser Mann äh kaufgefährdet dieser Duft äh ich…
Verwirrt-benebelte Grüße,
Eure Ulrike.
P.S.: Morgen und übermorgen geht es weiter mit der restlichen Kollektion!

























