Heute folgt der zweite Teil meiner Rezension zu dem olfaktorischen Märchenwald der Fragrantica-Gründer – Enchanted Forest von The Vagabond Prince. Von der endlosen Weite der russischen Wälder sieht sich der Duft inspiriert, von den Märchen, die um sie ranken und nicht zuletzt von einem uralten slawischen Festtag, Kupala genannt.

Der Iwan-Kupala-Tag, wie das Fest richtig heißt, ist das in Russland, der Ukraine, Belarus und Polen traditionell gefeierte Fest der Sonnenwende, wie mich Wiki aufgeklärt hat. Der Ursprung ist somit klar: Heidnische Wurzeln sind es, die das Fest hat, das bis in die heutige Zeit zum Teil spektakulär gefeiert wird. „Viele Bräuche von Iwan Kupala“ so steht es bei Wiki, „sind mit dem Wasser, dem Feuer, sich entfaltenden magischen Kräften von Pflanzen und der Selbstreinigung verbunden. Es ist üblich, dass junge Frauen mit Kerzen bestückte geflochtene Blumenkränze in Flüsse niederlassen und anhand ihres Driftens im Wasser die eigene Zukunft ablesen. Ein anderer Brauch ist das Springen von jungen Paaren über ein Lagerfeuer. Es gab einen alten Glauben, dass in der Nacht von Iwan Kupala die einzige Zeit im Jahr ist, wenn Farne sehr kurzzeitig blühen. Wer am Iwan Kupala eine Farnblume findet, soll mithilfe der Blüte alle in der Erde verborgenen Schätze sehen können. Deswegen suchten am Iwan Kupala viele Menschen in den Wäldern nach blühenden magischen Farnen.“
Kein Wunder also, dass Enchanted Forest den Wald bei Nacht einfangen soll – dunkel, geheimnisvoll, verhangen und gleichzeitig den frischen Odem der Natur verströmend. Die Protagonistin, auf die sich Duchaufour konzentriert, ist die schwarze Johannisbeere. Diese ist hier die Königin der Nacht, die uns deren Zauber nahebringen soll.
Bevor wir uns dem Duft widmen, kommen wir noch kurz auf die Verpackung zurück, die wie Duft und Flakon ebenfalls in Frankreich hergestellt wurde. Aus schwarzem Glas gefertigt erinnert der bewusst rund gestaltete Flakon selbst an eine Johannisbeere. Das goldene, um den Flakon laufende Muster wurde eigens für Enchanted Forest von einem Künstler entworfen, der es angelehnt an den altrussischen Chochloma-Stil gestaltete. Es finden sich, eingewebt in die wundervollen Ranken, zwei bewusst gewählte Symbole: Das der schlafenden Taube, die die Weiblichkeit darstellt, und das des Mondes, der für die Nacht, deren Mystik und für das Märchenhafte steht. Das Design des Flakons ist sicherlich Geschmackssache – mir gefällt es in diesem Fall sehr, da ich selten eine so liebevoll auf das Konzept abgestimmte (Gesamt)Verpackung gesehen habe. Ich finde es ganz reizend – und Ihr?
Aber kommen wir zum Duft – Monsieur Duchaufour hat mal wieder alle Register gezogen und etliche Ingredienzen verarbeitet, die ich Euch nicht vorenthalten will: Kopfnote: Rosa Pfeffer, Aldehyde, Orange, Schwarze Johannisbeere, Weißdorn, Rum, Rosmarin, Davana; Herznote: Schwarze Johannisbeere, Koriandersamen, Geißblatt, Rose, Nelke, Vetiver; Basisnote: Opoponax, Benzoeharz, Ambra, Eichenmoos, Tannenbalsam, Patchouli, Castoreum, Zedernholz, Vanille, Moschus.
Gleich im Auftakt fliegt sie einem entgegen, hüllt einen ein, betört, und zwar ganz massiv: Geballte Kraft schwarze Johannisbeere voraus – und zwar eine, die alle Facetten ihres Vorbilds auslotet. Ein paar saftige Orangen- und Aldehydnoten helfen dabei, den Balanceakt zwischen Saftigkeit, pelziger Säure, samtiger Süße und frischer Herbheit herauszuarbeiten. Geißblatt und Davana sind meines Erachtens nach die beiden Verdächtigen, die den Charakter der Frucht olfaktorisch explodieren lassen, und zwar auf eine durch und durch sowie ausschließlich positive Art und Weise: Irgendwo zwischen Johannisbeergelee, leichtem Rotwein und einem Korb frisch gepflückter Früchte, den man mit dunkelroten, vom Saft derselben getränkten Fingern stolz in den Händen hält. Dazu gesellen sich notwendigerweise grüne Anklänge, die fast ätherisch erscheinen und dem Duft zusätzlich herbe Frische einhauchen – Tannenbalsam, Rosmarin und Koriander erscheinen mir die Verantwortlichen dafür zu sein.


Bis hierhin finde ich den Duft genial, absolut genial. Ich weiß zwar nicht, ob ich mir einen Märchenwald exakt so vorstelle, allerdings kann es auf dessen verschlungenen Pfaden ja durchaus einmal vorkommen, das man über eine Wurzel stolpert und Kopf voraus in einem Johannisbeerbusch landet. Das lasse ich mir gerne gefallen, wenn es so vonstatten geht wie in Enchanted Forest, dieser zauberhaften Frucht. Mich erinnert der Duft von seiner Intensität her und der Konsequenz der Fruchtnoten sehr an (den Auftakt zu) Byredos Pulp, der ähnlich entschlossen umgesetzt wurde.
Nur leider setzt sich diese Entschlossenheit nicht den ganzen Duft durch fort: Mittig bricht Duchaufour damit. Zuallererst präsentieren sich noch ein paar feuchte Blättchen, die mich noch auf sattes Erdreich, Nadel- oder sonstiges Gehölz, vielleicht gar Pilze oder von mir aus auch auf ein paar (Wald)Tiere hoffen ließen. Nichts davon folgt, sondern Monsieur Duchaufour lässt Enchanted Forest in einer sehr massentauglichen und überaus politisch korrekten Basis ausklingen, die von leicht ambrierten und zart holzigen Vanille-Moschus-Noten getragen wird. Ok, da haben vielleicht die Hobbits aus Mittelerde rübergemacht und schlafen am Fuße eines von der Morgensonne erleuchteten Baumes, in aller Seelenruhe. Von mir aus hätte es aber ruhig noch ein bisschen weitergehen können mit der Nacht, der düsteren – dann hätte ich den Duft vergöttert. Es hat bei mir trotzdem zu einem Kauf von Enchanted Forest gereicht, aber die Flasche wird vermutlich schnell leer sein, da ich süchtig, süchtig, süchtig bin nach der wunderschönen Kopfnote ;-)
Viele liebe Grüße und ein schönes Wochenende Euch,
Eure Ulrike