obliegen der ständigen Veränderung, bedingt durch Kultur und Lebenssituation. Im Spiegel gab es dazu vor kurzem einen ganz amüsant geschriebenen Artikel, der eigentlich der neuen Generation Mann gewidmet war, dem soften Mann, den so keiner richtige haben mag – dabei kamen aber auch die Frauen von heute nicht überragend gut weg.
Denn sie wissen nicht, was sie tun – und oft genug auch nicht, was sie wollen, wirklich wollen. Das trifft leider auch auf beide Geschlechter zu und scheint ein prägnantes Merkmal des Zeitgeistes zu sein, ein Charakteristikum. Wo Menschen derart orientierungslos sind und das eigene Leben so voller offener Türen steht, so möglichkeitsreich ist wie nie – wird es schwierig. Und frustrierend. Gerne lassen sich viele dabei an die Hand nehmen von irgendeiner anonymen Masse, der Gesellschaft, der öffentlichen Meinung oder sonst einem undifferenzierten Gebilde, das einem suggeriert, was sich so gehört – oftmals ohne dessen überhaupt gewahr zu werden. Der beste Weg, fremdbestimmt ein Leben zu leben – und sich irgendwann in einer wie auch immer betitelten Krise des eigenen Verlusts bewusst zu werden, obgleich eher die Frage erlaubt wäre, ob man sich denn jemals gefunden hatte.
In einer solchen Zeit der, ich nenne es mal: Verunsicherung, der paradoxerweise eine ganze Menge Potential zur Entfaltung innewohnt, entwickeln sich dann gerne mal Auswüchse, die man frisch von der Leber als unmenschlich bezeichnen könnte. Ein solcher ist für mich die optische Entwicklung des Frauenbildes, das einem von Medien vorgekaut und von Modedesignern jeglicher Façon fast schon verordnet wird – und das mit der Realität nicht wirklich viel zu tun hat. Abgesehen davon, dass es auch einige gesunde Frauen geben mag, die Size Zero tragen, haben weltweit über 50% aller Frauen Größe 42 und mehr. Das hat nicht mehr wirklich viel mit Kate Moss und Victoria Beckham zu tun – und zeigt auch eine deutliche Differenz zu den Models auf den Laufstegen. Wirklich entsetzt hat mich diesbezüglich neulich eine Fotoserie des sogenannten Plus-Size-Models Katya Zharkova für ein Magazin, in der sie sich mit einem „normalen“ Laufstegmodel ablichten ließ – siehe hier.
Falls sich jemand fragt, wie ich jetzt noch die Kurve zu den Parfums kratze – hier ist sie, die Kurve: Meiner Meinung nach gibt es auch auf dem Parfummarkt jüngere Tendenzen, die vorgeben, wie Frauen zu riechen haben – vor allem im Mainstreambereich. Eine in meinen Augen ganz unangenehme Richtung ist diejenige der Düfte, die einfach nur sauber riechen wollen, frisch gewaschen wie ein Leinenlaken. Und ich meine wirklich die Parfums, die noch nicht einmal die Umgebung des Lakens auf der Leine mit einbeziehen – die herrliche Provence im Sonnenschein samt ihren Lavendelfeldern oder auch einen mediterranen Obstgarten, durch den sich das Wäscheschnürchen spannt. Es gibt in der Tat einige saubere Düfte, die schön sind und es auch mir angetan haben – die sind dann aber mehr als nur sauber. In jedem Fall behagt mir alleine die Vorstellung schon nicht, dass blitzesaubere Frische als Parfum toll sein soll – anziehend finde ich es nicht und sexy schon gleich gar nicht.
Überhaupt kann ich mit einigem, was da so als feminin und weiblich beschrieben wird, was man darunter versteht, nicht übermäßig anfangen. Desto mehr stachen für mich in den letzten Jahren einige Düfte heraus, die ich als überaus feminin, und das in einer sehr sehr angenehmen und gleichermaßen aufregenden Art und Weise bezeichnen würde. Die drei für mich schönsten möchte ich exemplarisch nennen – allesamt in einer Hinsicht Skindüfte, aber mit dem besonderen Etwas: Histoires de Parfums Moulin Rouge 1889, État Libre d’Oranges Like This! zu Ehren von Tilda Swinton und Laboratorio Olfattivos Nirmal. Ich habe alle schon hier im Blog rezensiert…
… und möchte dieser Liste einen neuen Favoriten anfügen: Seven Veils von Byredo. Beschrieben wird der Duft als „würzig-orientalische Komposition“, die auf der „Wärme der Vanilleblüte und indischem Sandelholz“ ruht. Gewidmet ist der Duft einer sagenumwobenen Figur und ihrem berüchtigten Tanz – die Rede ist von Salome.
Lassen wir uns von Wikipedia erinnern, was ihre Legende betrifft:
„Als mögliche Quelle für die biblische Erzählung wird eine von Titus Livius mitgeteilte Greueltat des römischen Konsuls Lucius Quinctius Flamininus angesehen, der im Jahr 192 v. Chr. beim Mahl einen Gefangenen erschlug bzw. erschlagen ließ, um seinem punischen Lustknaben das Schauspiel einer Hinrichtung zu bieten. In der Erzählung des Flamininus-Motivs durch den römischen Geschichtsschreiber Valerius Antias wird aus dem Knaben eine Frau mit zweifelhaftem Ruf. Ähnliche Versionen der Geschichte finden sich bei Cicero und Seneca dem Älteren.
Herodes Antipas heiratete in zweiter Ehe seine Schwägerin Herodias. Diesen Umstand kritisierte Johannes der Täufer, was laut der biblischen Erzählung im Neuen Testament zu dessen Ermordung führte. Hier befinden sich Berichte der Ereignisse, in denen der Name Salome zwar nicht vorkommt, die aber die Basis der späteren Salomelegende bilden. Flavius Josephus dagegen führt politische Gründe für den Mord an, der ihm zufolge in Machaerus verübt wurde.
Die Legende selbst erscheint im Neuen Testament folgendermaßen: Herodias begehrte den Tod des Johannes, doch Herodes weigerte sich, diesen töten zu lassen. Anlässlich einer Geburtstagsfeier des Herodes, der viele Würdenträger beiwohnten, führte die Tochter der Herodias (= Salome) einen Tanz auf, mit dem sie die Anwesenden derart in Verzücken versetzte, dass Herodes ihr schwor: „Um was du mich auch bitten wirst, ich werde es dir geben bis zur Hälfte meines Reiches“. Das Mädchen fragte ihre Mutter, was sie sich wünschen solle, und diese flüsterte ihr das eigene Begehren ein. Sie solle den Kopf des Johannes verlangen. Diesem Wunsch konnte sich Herodes Antipas „um der Eide und um derer willen, die mit zu Tisch lagen“ nicht verweigern. Er ließ Johannes köpfen und das Haupt auf einer Schüssel zu der Tänzerin bringen.
Der Mönch und Presbyter Isidor von Pelusium benennt die Tochter der Herodias gegen Anfang des 5. Jahrhunderts dann in einem Brief erstmals konkret mit dem Namen Salome. Als Figur der Leidensgeschichte des Johannes taucht sie später bsp. im altsächsischen Heliand-Epos um 830 und in den mittelalterlichen Mysterien-, Passions- und Prophetenspielen als Schuldige am Tode des Johannes auf.“

Was muss das für ein Tanz gewesen sein, der Tanz der sieben Schleier, dem man bei Byredo folgende Zeilen zum Duft hinterließ:
„On that first morning the moon sinks late and you feel the pull, as if it were night, magnetic in a way the sun could never be. Three memories pervade the air. The way you hold it; the way through fingers you let it slip; and the way the woven silk floats across the winds. So now floats a perfect fifth, in a minor chord, from an ancient bow, resonating in our ears louder and louder. And louder still until it grows stronger than even our beating hearts. You rise up, upon your feet, and even higher. With seven veils you dance, swirling swirling swirling.“
Salome in jedem Falle inspirierte vor Byredos Ben Gorham natürlich schon etliche Künstler, Literaten und Musiker, vor allem zu Zeiten des Fin de Siècle, der französischen Décadence – Oscar Wilde, Richard Strauss, Julius Klinger, Oskar Kokoschka, Tizian, Stéphane Mallarmé um nur einige zu nennen.
Ben Gorham hat mit Seven Veils meiner Meinung einmal mehr ein echtes Meisterwerk abgeliefert: Karotte zeigt sich im Kopf auf die ihr genuine, eigenartige trocken-fruchtig-süße Art, die sogleich Hautnähe schafft. Piment schärft die Sinne – und betört sie gleichermaßen mit seinem eigentümlichen, in diesem Falle an würzigen und dezent pfeffrigen Muskat mit einer Prise Zimt und Nelke erinnernden Duft. Dieses sich überaus gelungen ergänzende Paar geleitet uns ins Herz, bleibt aber weiterhin präsent neben den Hauptprotagonisten: Vanille, eine Orchidee, deshalb – Vanille und exotisch-pudrig-süße Orchideen, die eine dermaßen wollüstige Ausstrahlung entwickeln, dass es eine wahre Freude ist. Eine zarte Rose bildet das Gegengewicht, eine wässrig-fruchtige. Die Basis kann hier eigentlich nur noch unterstützend wirken – und das tut sie auch mit Sandelholz und Vanillebohne (meinte hier jemand Tonkabohne, vielleicht?).
Seven Veils legt sich wie ein Schleier auf die Haut und wie eine erotische Aura um einen. Der Charakter des Duftes ist raffiniert, so wie es sein Vorbild wohl auch war, jene legendäre Femme Fatale: Auf der Haut riecht er nicht wie „ein Parfum“, sondern – wie Haut, aber besser. Sinnlich duftet es mir entgegen, kokett-lockend, erhitzt, werbend, ja, selbstbewusst buhlend, der eigenen Verführungskraft gewiss. Ich könnte hier als Mann nicht widerstehen. Und kann es vermutlich zumindest der Flasche gegenüber auch nicht.
Verzückte Grüße,
Eure Ulrike.