Eine der ältesten Schriften über die Liebe dürfte wohl Platons Symposion sein, das Gastmahl. Wie die meisten seiner Werke ist auch das Symposion in Dialogform geschrieben, für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich. Es handelt, wie der Name schon verrät, von einem Trinkgelage, einer Orgie, zu der üblicherweise nur Männer geladen waren. So auch in diesem Falle – Sokrates spielt, wie in fast allen Platonischen Schriften, eine gewichtige Rolle, dazu kommen noch einige andere Männer von Rang und Namen, ein Arzt, Dichter, etc.. Man nimmt sich vor, nicht allzu viel zu trinken und stattdessen den Eros zum Thema zu machen, zu diskutieren, ja: Lobreden auf ihn zu erzählen. Ersteres Vorhaben wird nicht eingelöst, man frönt dann doch zu sehr dem Dionysos, doch die Liebe wird in all ihren Facetten beleuchtet.
Eine der bekanntesten Stellen aus dem Symposion ist der Mythos des Aristophanes, den Platon diesem sehr wahrscheinlich in den Mund gelegt hat – ein antikes Bild der Liebe, das dem einiger romantischer Liebesvorstellungen der Neuzeit doch schon sehr nahe kommt. Aristophanes (lassen wir Platon die Freude) klärt darüber auf, daß der Mensch naturaliter ursprünglich ein anderer war, nämlich eine Kugel beiderlei Geschlechts, zusammengesetzt aus Mann und Weib. Dieses Kugelwesen stellte aber natürlich mehr dar als nur beiderlei Geschlechts zu sein – eine Verschmelzung der beiden (anderen) Geschlechter und somit mehr als die Summe seiner Teile war es, das Kugelwesen. Und unglaublich selbstbewußt mit seinen doppelten Gliedmaßen, schnell, kräftig und übermütig – so übermütig, daß es den Göttern irgendwann zu bunt wurde. Zeus teilte die Kugelwesen, halbierte sie. Es kam, was kommen mußte:
„Als nun so ihre ursprüngliche Gestalt in zwei Teile gespalten war, ward jede Hälfte von Sehnsucht zur Vereinigung mit der anderen getrieben: sie schlangen die Arme umeinander und schmiegten sich zusammen, voll Begierde zusammenzuwachsen.”
Wieder eins zu werden war unmöglich – so starben etliche an und in ihrer Apathie, nicht mehr loslassen zu wollen. Bis Zeus Erbarmen hatte und ihre Scham nach vorne verlegte, die ursprünglich (und vollkommen nutzlos…) seitlich angebracht war. So gab er ihnen die Möglichkeit, sich fortzupflanzen und miteinander zu verschmelzen – zumindest für einen kurzen Augenblick.
So, wie ich Humiecki & Graefs neuen und siebten Duft verstanden habe, geht es um genau diesen Augenblick, oder vielmehr – den danach. Den Augenblick nach der Verschmelzung, nach der Einswerdung oder, profaner: den Augenblick nach dem Sex. Wobei das wieder ein wenig zu trivial wäre, denn es geht nicht um Sex mit IRGENDjemand. Es geht um das Gefühl nach der (körperlichen) Vereinigung mit JEMAND bestimmtem, mit dem Geliebten, der anderen Hälfte.
Fischenich & Müksch, die beiden Herren hinter Humiecki & Graef fassen es in folgende Worte:
„Er beschreibt das Gefühl des Angekommenseins, das Eintauchen in die völlige Entspannung. Angekommen sein. Sich mit dem Menschen, nach dessen unendlicher Nähe man sich verzehrt, in extatischer Hingabe fallen zu lassen. BOSQUE ist von diesem einzigartigen, glückseligen Moment der Zufriedenheit inspiriert. Es ist das Beisammensein und das innige Erleben, welches einem in der gesamten Archaik dieses Augenblicks offenbart wird.”
So ist es diesmal eine gar bedeutende Uremotion, die die beiden mit ihrem angestammten Parfumeursduo Les Christophs (Christophe Laudamiel und Christoph Hornetz) umzusetzen suchten: Bosque steht für die Zufriedenheit. Nicht für irgendeine, sondern eine ganz elementare – wie auch schnell klar wird bei einem Blick auf die wie immer exzellenten Pressebilder: Zwei an der Zahl sind es, auf denen sich einmal Männlein und einmal Weiblein jeweils alleine in einem Bette räkeln. Nur spärlich bedeckt von fließenden Laken sieht man die beiden, die einen Eindruck absoluter Selbstzufriedenheit und Selbstgenügsamkeit vermitteln. Sattheit, im positiven Sinne. So soll Bosque auch, wie Humiecki & Graef verlauten läßt, „eine moderne Form von Sinnlichkeit” beschreiben, eine, „die nicht laut, sondern freudvoll und entspannt ist: in ihrer Natürlichkeit und ihrer Körperlichkeit provokant, doch nie vordergründig aufreizend, noch eindimensional.” Sehr schön. Und ansprechend – obgleich ich mir ein kleines Kichern nicht verkneifen kann: Mit Blick auf den Mann hätte mir ein kleines bißchen weniger Natürlichkeit oder genauer: zwei Haare weniger besser gefallen, aber gut, sei es drum, Geschmackssache ;)

Nun ist man, nimmt man Bosque wörtlich, zumindest bezüglich der Ingredienzen komplett auf der falschen Fährte: Das Wort stammt aus dem Spanischen und ist dort die Bezeichnung für Hain, von Fischenich und Müksch deshalb gewählt da „der Hain, als kleiner Wald, seit Alters her der Ort des Friedens und des Glücks ist und als Refugium der Götter gilt.” Erwartet man hier jetzt einen holzigen Duft, ist man gedanklich auf dem Holzweg, denn die symbolische Farbe für und zu Bosque war Gelb.
Leuchtende Gelbtöne, eine ganze Palette voll, strahlend und warm, waren Inspiration für Bosque, und das merkt man den Ingredienzen auch an: Primel, Narzisse, Büffelgras, Moschus, Grapefruit, Safran, Vetiver.
Primel und Narzisse zusammen werden als „unaufdringlich floral” beschrieben – dem mag ich mich anschließen. Zusammen aber mit dem Büffelgras und den Moschusnoten sollen sie an „den Geruch von warmer Haut” erinnern…
In der Tat, das tun sie. Und zwar auf eine in jeglicher Hinsicht merkwürdige Art und Weise. Bosque ist, in alter Tradition, wie jeder Duft von Humiecki & Graef ein kantiger Geselle: Nicht sofort mag er sich erschließen, mag sich nicht sofort preisgeben, fordert Aufmerksamkeit und – Hingabe. Eigentlich genau richtig bei diesem Thema. Läßt man sich aber darauf ein, wird man reich belohnt: Beileibe nicht tropische, aber doch auf ungewöhnliche Weise florale Süße strömt einem entgegen genauso wie eine zitrisch-prickelnde Grapefruit. Und, irgendwo da in der Süße des Blütenbouquets verborgen, das eine ganz eigenartige Anmutung besitzt, lauert wirklich Haut, warme Haut, gewärmte Haut, Geborgenheit. Ahnungen steigen empor, Ahnungen ob der Augenblicke vor dieser Momentaufnahme… Läßt man die Nase nur tief genug hineingleiten in den Duft, sorgt er eingesogen in den Nasenlöchern noch für ein Prickeln – und das ist jetzt keine leere Poesie, probiert es selbst…
Wie heißt es so schön abschließend in Aristophanes’ Rede bei Platon?
„Erst so lange also ist es her, daß die Liebe zueinander den Menschen eingeboren ward, zusammenführend die ursprüngliche Natur und bestrebt, aus Zweien Eins zu machen und der menschlichen Natur Heilung zu schaffen.”
Ob Bosque Heilung verschafft, weiß ich nicht – er vermag es aber eine kleine Momentaufnahme eines Momentes zu vermitteln, der nach Erlösung riecht…
In diesem Sinne und mit wackelnden Knien -
Liebe Grüße,
Eure Ulrike.
Bildquelle: Pressematerial Humiecki & Graef und Sunny Autumn von John Nyberg via stockxchng – some rights reserved. Vielen lieben Dank!