Gestrandet…

… ist nun die erste Assoziation zum Thema Fernwehdüfte: Ein Duft nach Meer, nach Wasser und Strand ist für viele ein Muss im Sommer. Ein Grund, sich mal wieder einen Überblick zu verschaffen, was für olfaktorische Meere einem zur Verfügung stehen 😉

Beginnen möchte ich hier mit einem Klassiker: Creeds Erolfa. Ursprünglich der Willkommensduft in den Kabinen der Titanic, schlummern vom Original vermutlich noch etliche Flakons auf dem Meeresgrund. Olivier Creed lancierte den Duft über 80 Jahre später neu und benannte ihn zu Ehren seiner Familie nach den ersten Buchstaben seines Sohnes Erwin, seiner Tochter Olivia und seiner Frau Fabienne.

Ingredienzen: Kopfnote: Marinealgen, Seetangextrakt, Bergamotte; Herznote: Basilikum. Rosmarin, Koriander, Jasmin, Honigmelone, Orange, Mandarine, Limone; Basisnote: Zedernholz, Ambergris, Sandelholz

Erolfa beginnt sehr grün, der Auftakt ist geprägt durch die Kräuternoten von Rosmarin und Basilikum, die allerdings sehr schnell ergänzt werden durch leicht aquatische Noten und Hesperidenanklänge. Mit der Zeit festigt sich diese Meernote und gewinnt an Tiefe und Charakter durch hölzerne Nuancen.

Parfum DuftErolfa ist, wie meines Erachtens nach fast alle Creed-Düfte, vom Charakter her ziemlich britisch: sophisticated trifft diese Eigenart wohl am besten, zeitlos, klassisch, wohlbalanciert und rund, sehr gut komponiert und gefällig.Der Duft ist sportlich und frisch, die aquatischen Noten sind dezent und durch die Algen und das Holz meilenweit von denen entfernt, welche in gängigen kommerziellen Drogeriedüften als solche bezeichnet werden.In mir weckt Erolfa immer diesselbe Assoziation: Irgendwo auf dem Mittelmeer auf einem Segelschiff ganz in weiß dahinsegeln auf einem wohlwollenden azurblauen Meer unter einem königsblauen Himmel.

Eine ganz andere Sorte Meer stellt für mich Acqua di Sale von Profumum dar: Von der Firma werden als Ingredienzen angegeben: Salzige Noten, Myrte, Zedernholz, Algen.

In der Kopfnote rieche ich ganz feine, aber spritzige Hesperiden, vermutlich Zitrone, in Kombination mit Kräuternoten. Diese treten recht bald in den Hintergrund für ozonisch-salzige Anklänge, die von etwas Holzig-Harzigem, sowie der Ahnung einer Süße begleitet werden.

Alles in allem ist Acqua di Sale sehr subtil. Für mich steht er für einen flirrenden Tag am Strand, einem nicht allzu heißen Strand, mit nicht allzu vielen Menschen. Ein ruhiges Meer, stimmungsvoll, weit, auf den ersten Blick fast glatt weil nicht allzu sehr bewegt – aber tief, verheißungsvoll. Ein Duft, der Zeit für Besinnung erschafft auf seine leise und unachahmliche Weise.

Insofern erinnert er mich immer, obgleich er eine eher mediterrane Atmosphäre hat, an ein Caspar David Friedrich Gemälde, nämlich den Kreidefelsen auf Rügen:

Parfum DuftMit Sel de Vetiver ist es Jean Claude Ellenas Tochter Celine, die die Schaffenskünste ihres Vaters seit einiger Zeit in dessen Projekt The Different Company unterstützt, bei Erscheinen des Duftes tatsächlich gelungen, mich fast zu Tränen zu rühren.Die Ingredienzen: Haitianischer Vetiver, Patchouli, Kardamom, Geranium, Iris, Grapefruit und Ylang Ylang.Sel de Vetiver riecht schon zu anfangs atemberaubend salzig in der Kopfnote. Diese wird ergänzt durch gewürzige und grünkräuterige Noten und fördert alsbald die vetivertypische Rauchigkeit zutage. Diese bleibt den ganzen Duftverlauf hindurch erhalten, genauso wie die fast schon durstig machende Salzigkeit, die, riecht man genauer hin, vor allem durch eine extreme Forcierung der Grapefruitnote erreicht wird. Einige leicht holzige Akzente sind wahrnehmbar und eine helle Transparenz, welche vor allem auf die Iris und das Geranium zurückzuführen sind.

Parfum DuftSel de Vetiver läßt vor meinem geistigen Auge immer einen Strand in Skandinavien entstehen: Ein einsamer Strand, an dem angeschwemmtes Holz liegt und Tang, begrenzt von Dünen, auf denen Gräser wachsen. Man ist alleine unterwegs, vielleicht begleitet von einem Hund oder auf einem Pferd. Vielleicht war es warm genug, oder man selbst mutig genug zum Schwimmen, auf jeden Fall aber war man mit den Füssen im Wasser, das hat man sich nicht nehmen lassen. Das Salz trocknet nun auf den vorher vom Meer benetzten Stellen Haut, während sich der Himmel zusammenzieht und alles auf ein Sommergewitter hindeutet: Dicke Wolken schieben sich zusammen, die Luft flirrt, das Meer wird unruhig, braust, die Gischt schäumt…. Vielleicht wird aber auch nur ein kleiner Regen daraus, ein Sommerregen…Exakt diese Assoziation beschert mir dieser Duft immer und immer wieder – es ist ein Meeresduft, aber kein warmes tropisches Meer inklusive eines Palmenstrandes, nein, sein Charakter ist viel wilder, ungestümer, freier, eckiger und tiefer. Der Duft ist ein echtes Unikum.Embruns d’Essaouria von Montale, die Gischt von Essaouria, weckt wiederum ganz andere Gefühle und Vorstellungen.

Ingredienzen: Sandelholz aus dem Atlasgebirge, Moschus, Gewürze.

Essaouira, „die Vollendete“, ist eine alte, historische Hafenstadt, direkt an der Atlantikküste Marokkos. Embruns d’Essaouira startet gewürzig-scharf: Aquatische Noten gepaart mit einer ordentlich bitteren Prise, die tatsächlich anmuten wie Meeresgischt. Das Sandelholz setzt sich alsbald durch und verleiht dem Duft eine sanfte Süße, die von dem fast transparenten Moschus aufgefangen wird.

Parfum DuftDer Duft fängt exakt jenes Flair ein, den diese Stadt am Meer wohl ausstrahlt: Einerseits das zu der Stadt, die noch heute vom Fischfang lebt, gehörende tobende und tosende Meer und andererseits das für arabische Länder typische geschäftige Leben und Treiben, sich manifestierend in der gewürzig-holzigen Süße und des samtig anmutenden Sandelholzes..Der Meere nicht genug, folgen in den nächsten Tage noch Rezensionen von: Heeley Sel Marin, Calypso Marine, Gianni Campagna Vento Canale, Il Profumo Aria di Mare, Jalaine Ocean, Comptoir Sud Pacifique Aqua Motu, Profumi del Forte Tirrenico, Profumo di Pantelleria Maestrale.Ganz viele sonnige Grüße,

Ulrike

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Ulrike Knöll Verfasst von:

Meine Liebe gilt seit jeher dem Ästhetischen: Mir geht das Herz auf bei jeglichen Dingen, die durch Form, Funktionalität, Design und Herzblut zu überzeugen wissen. Und wenn dann noch ein Quäntchen Historie dazu kommt, ist es meist ganz um mich geschehen … Ich bin der Nischenparfümerie mit Haut und Haaren verfallen und immer auf der Suche nach dem – oder vielmehr: einem – neuen heiligen Gral. Diese Suche sowie mein ganzes Interesse und meine Begeisterung möchte ich gerne mit Euch teilen!

4 Kommentare

  1. Blanche
    31. Mai 2008
    Antworten

    Liebe Ulrike,

    Deine Berichte sind absolute Juwele!

    Du hast eine unglaubliche Fähigkeit, Orte, Situationen und Düfte zu beschreiben, indem du sie mit allen deinen Sinnen verbindest, so dass man richtiggehend während des Lesens in diese Bilder abtauchen kann.

    Wem es dieses Jahr nicht vergönnt ist, in die Ferien zu fahren, kann einfach wiederholt deine Berichte lesen und das Urlaubsfeeling geniessen, in das man dabei versetzt wird.

    Liebe Grüsse,
    Blanche

  2. Ulrike
    4. Juni 2008
    Antworten

    Liebe Blanche,

    vielen Dank für die virtuellen „Blumen“ – ich fühle mich geschmeichelt. Es freut mich sehr, wenn Dir meine Schreibe gefällt und ich es mit meinen Texten vermag, Dich ein wenig zu mentalem Urlaub zu inspirieren 😉

    Viel Spaß noch weiterhin beim Lesen und liebe Grüße,

    Ulrike.

  3. Sonnenaufgang
    16. Juni 2008
    Antworten

    Liebe Ulrike,
    dein Bericht hat sich so wundervoll gelesen, dass ich mich von dir inspirieren ließ.
    Ich habe mir einen neunen Duft bestellt und zwar der beschriebene Creed Duft – Erolfa.
    Ein Traum….bin sehr zufrieden, deine Beschreibung trifft vollkommen zu. Vielen Dank für diese tolle Empfehlung, die sich für mich gelohnt hat.
    Freue mich auf deine weiteren Berichte.
    Gruß
    Sonnenaufgang

  4. Ulrike
    19. Juni 2008
    Antworten

    Hallo liebe(r) Sonnenaufgang,

    vielen Dank für das Kompliment! Es freut mich sehr, wenn ich Dich inspirieren konnte und Du zudem noch einen neuen Duft für Dich gefunden hast, mit dem Du glücklich bist. Erolfa stellt auch bei mir einen festen Bestandteil meiner Meer- und Sommerduftauswahl dar, ein schöner Klassiker, den ich nicht missen mag. Sicher wirst Du ihn gerade im Sommer richtig schätzen lernen 😉

    Viele liebe Grüße,

    Ulrike.

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